Gesellschaft | 15.01.2013

“Die Bevölkerung ist zu verklemmt”

Text von Flavia von Gunten | Bilder von Matthias Käser
Sex sells. Nicht nur Filmemacher und Magazinherausgeber machen sich das zu Nutze. Das Geschäft mit der scheinbar schönsten Nebensache der Welt floriert auch in der Psychologie. Sexualtherapeutin und Humanbiologin Ines Schweizer erlaubt uns einen Blick hinter verschlossene Türen und schafft Klarheit über das wenig besprochene Thema Sexualtherapie.
Sexualtherapie: Wenn Funkstille herrscht.
Bild: Matthias Käser

Ines Schweizer ist eine der einflussreichsten schweizerischen Sexualforscher. Sie hat eine eigene Praxis in Luzern, in welcher sie sowohl Einzelpersonen als auch Paare betreut. Ausserdem veröffentlichte sie 2012 als Co-Autorin mit Caroline Fux zusammen das Ratgeberbuch “Guter Sex”. Tink.ch sprach mit ihr über das Berufsbild, Patienten und Hausfrauen.

 

Tink.ch: Die brennende Frage bei vielen von uns: Was erwartet eine Patientin oder einen Patienten in Ihrer Sprechstunde?

Wie bei anderen psychologischen Behandlungen führen wir viele Gespräche. Meistens liegt das Problem im Kopf. Manchen Patienten verschreibe ich auch Medikamente wie Viagra. Eine weitere, sehr erfolgreiche Therapie ist das Beckenbodentraining.

 

Welche sie gleich selbst durchführen?

Nein, ich leite meine Kundschaft an eine Trainerin oder einen Trainer. Für mein Klientel geht die Behandlung zu Hause weiter, indem ich ihnen Hausaufgaben erteile. So müssen sie zum Beispiel mit ihrem Partner oder Partnerin Übungen machen oder ein Protokoll ihres Sexuallebens führen.

 

Und die Kundschaft ist eher alt?

Keineswegs. Von Schulabgängern bis zum 80-jährigen Greis sind alle Altersstufen vertreten. Vorwiegend behandle ich aber Menschen in ihrer Lebensmitte.

 

Also vorwiegend Frauen?

Das kann ich so nicht sagen. Oft kommt zuerst die Frau alleine, ohne ihren Partner darüber zu informieren. Mit der Zeit kommen sie als Paar. Ich behandle auch Singles, die sich für ein neues Liebesverhältnis rüsten wollen. Sie hoffen, dass sie dadurch die Fehler, welche sie bei ihrer zerbrochenen Beziehung gemacht haben, bei der neuen nicht mehr begehen werden.

 

Suchen alle Ihre Kunden Ihre Praxis selber auf?

Nein. Es kommt vor, dass mir die Behörden Sexualstraftäter überweisen, die ich therapieren soll. Aber auch Opfer von Vergewaltigungen behandle ich. Leider sind dort auch Kinder darunter.

 

Weshalb eigentlich haben wir einen Mangel an Sexualtherapeuten in der Schweiz?

Das kann ich nicht beurteilen. Die renommierten Therapeuten sind dauernd ausgebucht. Jedoch wächst auf unserem Arbeitsmarkt viel Unkraut. Es gibt keine offizielle Ausbildung und der Titel ist nicht geschützt.

 

Dies machen sich oft Hausfrauen als Nebenerwerb zu Nutze.

Ja, genau. Deshalb ist es wichtig, dass man bei der Wahl einer Therapeutin oder eines Therapeuten darauf achtet, dass diese Person über einen Hochschulabschluss verfügt. Am besten in den Bereichen Psychologie oder Medizin. Auf der Internetseite vom Berufsverband der Psychologen ist eine Liste mit vertrauenswürdigen Adressen aufgeschaltet. Diese sind meistens von der Krankenkasse anerkannt, was bei selbsternannten Sexualpsychologen selten der Fall ist.

 

Und bei Ihnen steigt deshalb die Nachfrage?

In meiner Praxis steigen die Anzahl Behandlungen eindeutig an. Da unsere Arbeit populärer wird, leiten auch Ärzte ihre Kunden an Fachpsychologen weiter. Früher wurden sexuelle Probleme nur mit dem Hausarzt besprochen. Oder die Betroffenen schwiegen komplett darüber.

 

Und schweigen Sie denn, wenn man Sie in der Öffentlichkeit nach Ihrem Beruf fragt?

Natürlich nicht! Schliesslich stehe ich zu meinem Beruf. Das Problem liegt eher  in der Bevölkerung. Sie ist zu verklemmt, um mit dem Finger dorthin zu zeigen, wo es brennt. Letztendlich ist die Sexualität ein Thema, das uns alle betrifft. Weshalb sollte man nicht auch sein Geld damit verdienen?

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