Kultur | 26.01.2013

Annäherungen an das Böse

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg.
Oben auf dem Thorberg bei Bern liegt eine Strafanstalt. 180 Insassen sitzen dort jahrelang und völlig abgeschottet ihre Haft ab. Der Berner Filmemacher Dieter Fahrer machte sich auf die Spuren des Bösen und wagte sich in die Anstalt Thorberg, in die Zellen und in die Köpfe der Insassen.
Eine Welt aus Gittern, Schlössern und Mauern: Die Gefangenenanstalt Thorberg. Unter der Oberfläche toben die Kämpfe. Nur der Fernseher ermöglicht einen Blick in die Aussenwelt.
Bild: zVg.

Mächtige Oberkörper, grobschlächtige Gesichter mit Narben, muskelbepackte Oberarme mit Tattoos. Männer, denen man lieber nicht im Dunkel einer Strassenecke begegnen möchte. Andere dagegen schmächtiger, mit feinen Gesichtszügen. Aber auch sie verbergen ein düsteres Geheimnis. Denn wer in diese Anstalt auf dem Thorberg eingeliefert wird, der hat etwas auf dem Kerbholz. Und wer einmal drin ist, wird lange bleiben: Die Haftstrafen dauern zum Teil Jahrzehnte. Auf dem Thorberg sammelt sich das Böse: Mörder, Monster, Unmenschen.

 

Eng und trostlos

Im Verlauf des Filmes aber beginnen die anfänglichen Klischees und Festschreibungen zu bröckeln. Denn in Fahrers Film kommen nicht die Richter oder die Gefängniswärter zu Wort, sondern die Gefangenen selbst – unzensiert und unkommentiert. Die massiven Mauern des tristen Gefängnisbaus verlässt auch der Zuschauer nie und Blicke in die idyllische, ländliche Umgebung werden von festen Eisenstäben durchzogen. Die Enge und Trostlosigkeit des Gefängnislebens geht unmerklich auf den Zuschauer über. Fast schmerzhaft nahe bleibt die Kamera am Sträfling, zeigt sein Gesicht, seine Augen, ist aber doch nie aufdringlich oder respektlos. In den Grossaufnahmen der Verbrecher spürt man förmlich die inneren Kämpfe, die unter der Oberfläche toben. Die Insassen berichten meist langsam, stockend, jeden Satz abwägend und nachdenklich von ihrer Vergangenheit und ihrer Tat, dem Mord. Wenn die Insassen, deren Situation man langsam zu verstehen beginnt, denen man allmählich gewisse Sympathien entgegenbringt und die das Publikum manchmal sogar zum Lachen anregen, ihre dunkelsten Seiten offenbaren, gefriert einem das Blut in den Adern. Und lässt sich ein Häftling vor der Kamera in seiner Frustration etwas gehen, beginnt man sofort, verkrampft im Kinosessel hin und her zu rutschen, so nahe wähnt man sich bereits den Insassen.

 

Quälende Gewissensbisse

Abgeschottet von der Aussenwelt sind die Insassen auf ihre nackte Existenz zurückgeworfen. Es gibt wenige Beschäftigungen in dieser Gefängniswelt: Kaffee trinken, rauchen, arbeiten, Sport machen, schlafen und fernsehen. Was aber jeden Augenblick der Insassen durchdringt, ist die Tat. Sie denken nach über das, was sie damals getan haben, über den Umgang mit ihrer Tat, über ihr Leben im Gefängnis, über ihre Zukunft. Der Kreislauf der Jahreszeiten beginnt immer wieder von vorne. Einige Mitinsassen verlassen das Gefängnis oder werden versetzt. Die Tat bleibt. Bis zum Lebensende seien die Gewissensbisse da und noch darüber hinaus, wenn es nach dem Tod weitergehe, vermutet ein Insasse. Reue zeigen alle porträtierten Gefangenen.

 

Immer noch Menschen

Gleichzeitig betten die Häftlinge ihre Tat in Umstände ein, in denen es „so kommen musste“. Fehlendes Geld, keine Arbeitsbewilligung und Frustrationen eskalieren in einem Ereignis, das sie letztlich auf den Thorberg führte. „Ich kann nicht die ganze Schuld auf mich nehmen“, scheinen sie sagen zu wollen, „es gibt da noch mehr, was nicht in meiner Macht lag“. In dem Masse, wie die Inhaftierten sich ihrer Fehler bewusst zeigen, sie ihre Lage erläutern und ihre Tat dadurch bis zu einem gewissen Grade „verständlich“ machen, geschieht die Annäherung des Zuschauers an die Häftlinge. Es bleiben Mörder, doch aus Unmenschen und Monstern werden Menschen. Menschen mit Fehlern und Schwächen, die auf die falsche Bahn geraten sind und auf dem Thorberg vorerst Halt gemacht haben.

 

 


„Thorberg“ von Dieter Fahrer wird am Mittwoch, 30.1. 9:30 Uhr im Landhaus erneut vorgeführt.