Kultur | 28.01.2013

Animationswelten in perfekter Mischung

Text von Seraina Stucki | Bilder von zVg.
Am Samstag wurden an den Solothurner Filmtagen in der Reithalle zehn Schweizer Animationsfilme gezeigt. Aus dem vielseitigen Programm konnte jeder Zuschauer seinen liebsten Trickfilm auswählen. Am Abend wurden dann im Rahmen der Verleihung der Upcoming Förderpreise die drei beliebtesten Filme gekürt.
Episodenfilme können zur Abwechslung auch mal unzusammenhängend sein. Ein düsterer Film mit Horrorfilmelementen, der in den Walliser Alpen: "Ceux d'en Haut". Ein lustiger und leichter Film: Der Bär auf der Suche nach Obdachlosen.
Bild: zVg.

Kaum eine Veranstaltung der Filmtage hat ein so breites Publikum wie die traditionelle Animationsfilmreihe am Samstagnachmittag. Von jung bis alt sitzt alles auf den engen Klappstuhlreihen der Reithalle. Das Programm dagegen ist überhaupt nicht eng, im Gegenteil: die Auswahl ist erfrischend vielseitig. Vom herzerwärmenden Kinderfilm “Der kleine Vogel und das Blatt”, über den Trickfilm “Alzheimer – une réalité différée”, der auf sehr poetische Art und Weise versucht, die Realität eines Alzheimerpatienten zu fassen, bis zu einer sehr düsteren Adaption von Guy de Maupassants “l’Auberge” mit dem Titel “Ceux d’en haut”.

 

Unterschiedlichste Reaktionen

Jeder Film eröffnet eine ganz eigene Welt: die eine luftig leicht und die andere gespenstisch oder auch einfach nur unglaublich witzig. Genauso vielseitig sind auch die Reaktionen des Publikums. Herzhafte Lacher löst zum Beispiel “Der Unzusammenhang” von Nils Hedinger aus. Ein Film, bestehend aus sechs Mini-Episoden, sehr einfach gezeichnet und – wie der Titel schon sagt – absurd unzusammenhängend. Im krassen Kontrast dazu steht “Ceux d’en haut” von Izu Troin. Ein an japanische Anime erinnernder Film über einen jungen Mann, der über den Winter eine Hütte in den Walliser Bergen hütet. Die Einsamkeit macht ihn kaputt und vor lauter Ängsten, Sehnsüchten und Wahnvorstellungen wird er langsam aber sicher verrückt. Die Bilder, Schnitte, Stimmungen und auch die Musik erinnern an Horrorfilme und ab und zu hört man in den Reihen den ein oder anderen unterdrückten Schreckensschrei.

 

Die perfekte Mischung

Nach 85 kurzweiligen Minuten fällt die Wahl eines Favoriten gar nicht so einfach. Zehn so verschiedene Filme auf einmal grenzt schon fast an Reizüberflutung, aber das ist vielleicht gerade das Tolle an diesem Format. Die perfekte Mischung: viel auf einmal, wo für jeden etwas dabei ist, und wenn einem was nicht gefällt, kommt in wenigen Minuten etwas Neues. Anscheinend ist sich das Publikum aber recht einig, welcher Film am meisten überzeugt. Am Samstagabend werden die Gewinner im Rahmen der Verleihung der Upcoming Förderpreise bekannt gegeben. Der dritte Preis mit 54 Stimmen geht an “Der kleine Vogel und das Blatt” von Lena von Döhren, der zweite Preis mit einer Stimme mehr an “Der Unzusammenhang” von Nils Hedinger und der erste mit 201 Stimmen an den Dokumentarfilm “La nuit de l’ours” von Sam und Fred Guillaume.

 

Ein Dokumentarfilm auf den zweiten Blick

Dass  “La nuit de l’ours” tatsächlich ein Dokumentarfilm ist, merkt man erst auf den zweiten Blick. Oder besser gesagt ganz am Schluss, wenn im Abspann steht, dass alle Aussagen real seien. Es geht nämlich um einen Bären, der in einem wunderschönen Häuschen mit Garten und Swimmingpool hoch oben auf dem Dach eines Hochhauses lebt und jeweils um 19:00 Uhr aufsteht, was zuerst einmal nicht besonders nach Dokumentarfilm klingt. Dieser etwas mürrische Bär sucht jeden Abend mit seiner Taschenlampe, vom Hochhausdach aus, nach obdachlosen Hühnern, Wölfen, Frettchen, Enten und was sonst noch alles des Nachts auf der Strasse herumlungert. Elf Tiere sind es insgesamt, alle dürfen sie beim Bären zu Abendessen und sie fangen an, von ihren Leben zu erzählen.

 

Heikles Thema, leichter Film

Da ist ein älterer Fuchs, der, inspiriert durch Bertrand Piccard, eine verrückt fantastische Maschine baut, die solarbetrieben Musik abspielt. Oder eine dickes Huhn: eine gescheiterte Musikerin mit Leopardenjäckchen und glitzernden Lidschatten, die ihre Tage in einem Musikladen verbringt. So erfährt man mehrere Geschichten, die in der Notschlafstelle “La Tuile” in Fribourg aufgenommen wurden, wie man eben im Abspann lesen kann. Ein wunderbar leichter und auch lustiger Dokumentarfilm über ein Thema, das sonst nicht so beliebt ist bei Herr und Frau Schweizer – Obdachlose. Und eine Hommage an all die guten Bären, die Nacht für Nacht mit ihren Taschenlampen eben jene verlorenen Seelen zusammen suchen.