Kultur | 16.01.2013

Abgespaced – ganz ohne Space-Muffins

Text von Jasmin Rolli | Bilder von Jasmin Rolli
In Chichén Itza, einer Maya-Ruhestätte im Südosten Mexikos, feierten hunderte Menschen den Anbruch einer neuen Ära. In der Pyramidenstadt Tikal, Guatemala, feierten die Menschen mit traditionellen Zeremonien um ein heiliges Feuer. Und in der Schweiz, Luzern fand das außergewöhnliche Konzert der Band Les Yeux Sans Visage statt. Das Trio leitete das "New Age" mit dem gleichnamigen Song gekonnt ein.
Les Yeux sans Visage waren in der Luzerner Schüür unschlagbar. Sie sorgten dafür, dass die Herzen der Musikfans auch nach dem 21. Dezember weiterschlugen. Der Name der Band entstammt einer französischen Filmproduktion. Um seine Tochter von den Folgen eines Autounfalls zu befreien, geht ihr Vater darin über Leichen. Die Musik der Band ist weniger makaber.
Bild: Jasmin Rolli

Zuerst war ich schon ein wenig überrascht, dass in der Luzerner Schüür am 21. Dezember keine Weltuntergangsparty stattfinden sollte. Irgendwie hab ich das erwartet. Denn überall fand der Medienhype anklang. Das Programm, welches die Schüür ausgetüftelt hat, hat mich aber ganz klar überzeugt. Les Yeux Sans Visage standen auf dem Plan. Ebenso die Vorband Evje. Und als diese loslegte, wurde bald klar, dass die Schüür die Weltuntergangsthese der Mayas nicht vergessen hatte: die Musik passte perfekt zur Weltuntergangsstimmung. Nicht, weil sie so grottenschlecht war, dass jeder aus dem Saal rennen und sich umbringen wollte. Aber die Musik von Evje war so melancholisch und mystisch, dass man anfing zu glauben, die Welt gehe wirklich unter. Ebenfalls waren die vielen Zwischengeräusche, welche zum Teil an Donnerschläge erinnerten und die verzerrte Gitarre, passend. Diese gingen einem durch Mark und Bein. Und nicht zu vergessen die hohe Stimme der Sängerin, die das Ganze abrundete. Das Programm der Schüür war also nicht zufällig ausgesucht worden.

 

Augen ohne Gesicht

Unschlagbar war der Auftritt der Hauptband: Les Yeux Sans Visage (Die Augen ohne Gesicht) Dieser französische Bandname ist abgeleitet vom Georges Franju’s Film aus dem Jahr 1960 mit dem gleichen Titel. Der Film handelt von einem Vater, welcher seine Tochter “retten” will. Sie erlitt einen Autounfall und wurde dadurch entstellt. Der Vater will nun ihre Schönheit wieder herstellen – und geht dafür über Leichen.  So makaber wie der Film, ist die Musik des Luzerner Trios aber nicht. Sie haben sich den Namen eher wegen seiner schönen Bildsprache ausgesucht. Ein bisschen Wahrheit steckt jedoch schon im Titel, denn auch in der Realität gibt es Leute, bei denen sind nur noch die Augen echt. Und mit der heutigen Technik kann man auch diese noch “verschönern”.

 

Eine eigene (Klang) Welt

Wie klingen drei Leute, welche sich spontan zusammengeschlossen haben und sich so einen mystischen Namen gaben? Anders als andere. Es gelingt ihnen, die Zuhörenden in den “outer space” (ins Weltall) zu katapultieren – vielleicht daher die Wolke auf dem Plattencover. Dank einem speziellen an der elektrischen Gitarre, wird deren Ton verzerrt. Das schafft eine besondere Atmosphäre. Es macht das Ganze wirklich abgespaced und bildet eine eigene Klangwelt. Zusammen mit der etwas monotonen Stimme des Sängers und den eingängigen Melodien ergibt sich eine himmlische Mischung, welche stark an die 70er-Jahre und die Band Joy Division erinnert. Live, in voller Lautstärke und mit den gezielten Lichteffekten war das Konzert eine eingehende Erfahrung. Den Bass spürte man bis in die Knochen und das Publikum war begeistert. Überall wurde genickt und gewippt was das Zeug hält.

 

Die Herzen schlagen noch

Auch die Hauptband Les Yeux sans Visage vergass die Mayas nicht. Sie hat, inspiriert durch die Untergangsthese und den Medienhype, einen Song geschrieben und ihn am 21. Dezember gespielt. Damit sorgte sie für Gänsehaut. Das nächste Lied lies die Panik jedoch gleich wieder abklingen. Denn im Lied «Heart« singt Remo Helfenstein: “Don’t worry, your heart still beats” (Keine Sorge, dein Herz schlägt noch immer). In der Tat ist dies der Fall – auch nach dem 21. Dezember noch.