Idee der Kantonsfusion spaltet Basel

Die aktuelle Fusionsinitiative ist keine neue Idee. Der Versuch, die beiden Basel wieder zu vereinen wurde erstmals 1933, rund 100 Jahre nach der Kantonstrennung, auf offiziellem Wege unternommen. Damals haben sich beide Halbkantone für eine Vereinigung entschieden. Die eidgenössische Bundesversammlung lehnte die Initiative jedoch ab. Ein zweiter Versuch scheiterte am knappen “Nein” des Kantons Baselland im Jahre 1969.

 

Die Grünen sind nun der Meinung, die Zeit sei reif für einen dritten Vorstoss. In den vergangenen 40 Jahren habe sich vieles verändert, so dass man heute von einer neuen Ausgangslage mit guten Chancen ausgehen könne.

 

“… deswegen fusionieren wir auch nicht mit der Waadt”

Ruedi Brassel, Sekretär der SP Baselland, wirft die Frage nach der emotionalen Bindung zum heutigen Heimatkanton auf. Manche Leute hätten Angst, dass mit einer Kantonsfusion etwas verloren gehen würde. Brassel betont aber, dass niemandem seine Heimatgemeinde weggenommen würde, sondern politische Strukturen neu geschaffen werden. Zudem argumentiert das Initiativkomitee “Ein Basel”, dass die beiden Kantone auch in ihrer Identität zusammengewachsen seien. Universität, FC Basel und die Naherholungsgebiete gehören diesen Verbindungsgliedern an.

 

Der Baselbieter SVP-Parteipräsident Oskar Kämpfer ist hingegen der Meinung, dass ein Kulturunterschied an der Kantonsgrenze in der Agglomeration Basel bestehe. Eine Fusion mache deshalb keinen Sinn. Und auch zur Nutzung der baselstädtischen Zentrumsfunktionen findet er klare Worte: “Klar gehe auch ich ab und zu nach Basel in den Ausgang, aber ich gehe ebenso oft nach Zürich.” Und Binninger und Pratteler würden ebenso in Binningen und Pratteln in den Ausgang gehen, wie in Basel. Befragungen zeigten etwa, dass die Baselbieter Besucher im Theater Basel stark untervertreten seien. Baselstädter würden ihre Kultur ganz anders leben als Baselbieter.

 

Und nur weil die Baselbieter die Institutionen in Basel-Stadt nutzten, etwa die Uni, bedeute das noch nicht, dass die Kantone auch gleich zusammenwachsen müssten. “Mein Sohn hat auch in Lausanne studiert, deswegen fusionieren wir noch nicht mit der Waadt”, so Kämpfer weiter. Der Beitrag, den der Kanton Baselland etwa an die Universität zahle, sei angemessen.

 

Kantonsgrenze dient dem Steuerwettbewerb

Die Finanzen sind für die SVP Baselland ein wichtiges Argument, denn die Fusion würde praktisch nur zu erhöhten Kosten führen. So sei eine Nivellierung der Löhne aller Kantonsbeamten nötig. Zudem habe der Stadtkanton viel mehr Beamte im Dienst als Baselland. Demgegenüber würde die Fusion kaum Vorteile bringen. Die Ablehnung fusse jedoch nicht auf dem Steuerwettbewerb. “Damit hat das nichts zu tun”, so Kämpfer. Denn neben den Steuern seien in Basel-Stadt auch die Löhne viel höher als im Kanton Baselland. Tatsache ist jedoch, dass die Steuerfüsse für vergleichbare Einkommen in Basel-Stadt deutlich höher liegen. Eine Mehrheit der FDP argumentierte denn am Sonderparteitag zur Kantonsfusion auch gegen die Fusion, da sonst die Stärke des Föderalismus – und insbesondere des Steuerwettbewerbes – verloren ginge.

 

Ruedi Brassel sieht das anders. Bisher würden die Regierungen von Basel-Stadt und Baselland zwar eng zusammenarbeiten, doch die Kantonsgrenze behindere dies immer wieder. Die neuen Strukturen bieten “viele Chancen, welche der Region, der Wirtschaft, aber auch der Bevölkerung wirklich etwas bringen”. Und SP-Regierungsratskandidat Eric Nussbaumer unterstreicht, dass die Kleinkriege zwischen den Kantonen mit der Fusion ein Ende nehmen würden. So könne Basel gegen aussen stärker auftreten. SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger-Oberholzer kommt ebenfalls zu diesem Schluss und deutet weiter an, dass “der gemeinsame Kanton Basel in Bern viel mehr Gehör finden wird”.

 

Ein langer Weg

Die Kantonsfusion ist ein sehr langwieriger Prozess. Die Initiativen werden laut dem Initiativkommitee “Ein Basel” in etwa einem Jahr zur Abstimmung stehen. Die Geschichte zeigt, dass selbst bei einem “Ja” zu beiden Initiativen (Basel-Stadt und Baselland) noch ein langer Weg zu gehen ist, bevor von einem Kanton Basel gesprochen werden kann. Denn bei einer Annahme muss der Vorschlag noch vor die eidgenössische Bundesversammlung. Bei einer Zustimmung müsste ein Verfassungsrat gebildet werden, der eine neue Kantonsverfassung erarbeitet. Sobald diese – voraussichtlich 2020 – fertig gestellt wäre, käme es erneut in beiden Kantonen zur definitiven Abstimmung.

 

Die Gegner kritisieren denn auch, dass wichtige Ressourcen an diesen langjährigen Fusionsprozess gebunden werden und dadurch sehr lange nicht anderweitig eingesetzt werden können. Die Befürworter stellen dem entgegen, dass der geteilte Kanton Basel, momentan viel mehr Ressourcen beansprucht als dies ein gemeinsamer Kanton tun würde. Ausserdem sehen sie im langen Prozess auch die Chance, ganz neue Ideen und Gedanken verwirklichen zu können.

 

Bis sie diesen Traum von einem Basel jedoch in die Realität umgesetzt sehen können, müssen sie sich noch gedulden.

“Die Leute kamen bis vor die Fenster”

Tink.ch: Frau Blocher, wie sieht der Alltag von Frau Alt-Bundesrätin Blocher aus? Gibt es da überhaupt ruhige, ganz normal verlaufende Tage?

Silvia Blocher: Der Tag ist natürlich sehr geprägt von den Arbeiten meines Mannes. Und so läuft es tagtäglich anders. Vor allem die Essenszeiten richten sich sehr stark danach, wann er da ist und wann nicht. Mein Mann empfängt täglich viele Leute, einmal pro Woche kommt das Fernsehteam von Teleblocher. Und es kommen auch Leute die sich einfach einen Rat von meinem Mann holen möchten.

 

Das klingt, als richten Sie ihren Tag stark nach Ihrem Mann aus. Was machen Sie den ganzen Tag?

Ich kümmere mich um Haus und Garten. Da gibt es immer etwas zu tun. Ich bin für den ganzen Unterhalt der Liegenschaft zuständig. Zu meinem Alltag gehörte bis vor kurzem das Schreiben von monatlichen Kolumnen für eine Familienseite im Internet. Früher schrieb ich auch für “Der Sonntag”. Manchmal schreibe ich zudem Artikel, welche ich an Zeitungen schicke. Jedoch werden diese dann nicht überall veröffentlicht, denn vielfach ist man halt “Die Frau vom Mann”.

 

Die “Frau vom Mann” ist natürlich stark ins politische Leben integriert. Wie stellen sie sich beispielsweise den Problemen einer immer älter werdenden Gesellschaft?

Das ist nicht einfach. Einerseits wird die Gesellschaft älter, anderseits ist die ältere Gesellschaft gesünder als früher. Da kommt natürlich auch die Frage nach AHV und Rente. Ist es noch richtig, dass man die Leute Mitte 60 in Pension schickt, wenn man sieht wie fit und leistungsfähig die Leute heute in diesem Alter noch sind. Eine Ausbildung dauert heute bis man fast 30 Jahre alt ist, dann arbeitet man 30 Jahre lang, und dann ist man noch 30 Jahre ausserhalb des Erwerbslebens.

 

Das heisst, Sie sind für eine Erhöhung des Rentenalters?

Es wäre sehr wahrscheinlich nicht schlecht, wenn man früher ins Erwerbsleben treten würde. Das ergäbe eine gezieltere Ausbildung. Ich habe vor kurzem eine Tagung besucht, an welcher über die AHV diskutiert wurde. Man kann sich fast nicht vorstellen, wie ungewiss ihre Zukunft ist.

 

Als Ehegattin von Christoph Blocher stehen Sie natürlich in der Öffentlichkeit. Wie weit beeinflusst dieser Status Ihre Privatsphäre?

Man muss sich eine Privatsphäre beibehalten. Um unser Haus ist eine grosse Mauer. Als wir dieses Haus gekauft haben, gab es diese Mauer noch nicht und sie glauben nicht, die Leute kamen damals bis vor die Fenster und schauten uns beim Essen zu. Da braucht man einen gewissen Schutz. Wichtig ist auch, dass man weiss wer man ist. Man braucht ein gewisses Selbstverständnis, eine Verwurzelung, und man darf sich nicht beeinflussen lassen von den Meinungen anderer. Ich schirme mich auch ein wenig ab. Ich möchte gar nicht alles wissen. Wir haben zum Beispiel keinen Fernseher, dafür ist mir die Zeit viel zu kostbar. Ich höre auch nie Radio, sondern lese Zeitung.

 

Wie sind Sie mit den Belastungen, Herausforderungen und Rückschlägen, was die politische Laufbahn Ihres Mannes betrifft, umgegangen?

Die damalige Bundesrats-Abwahl war eine Erleichterung. Ich habe das extrem als Belastung empfunden. Eigentlich gar nicht das Amt, denn das Reisen, sowie das Sprechen mit Leuten, das bereitete mir Freude, und ehrlich gesagt es gibt gar nicht so wahnsinnig viele Aufgaben als Frau von einem Bundesrat. Aber die Atmosphäre war belastend.

 

Ihr Mann stand sehr im Fokus. Machte das manchmal auch Angst?

Ich hatte vielfach das Gefühl, dass überall Leute mit einem Dolch stehen, den sie einem in den Rücken stechen möchten. Ich hatte auch Mühe mit der Art und Weise der Abwahl. Das Verräterische, dieser krankhafte Ehrgeiz, dass man keine ethischen Grenzen mehr sieht, das beschäftigt einem natürlich sehr und das geht einem sehr nahe.

 

Sie sind nicht nur Ehegattin sondern auch bereits Grossmutter. Als Grossmutter darf man entspannen, loslassen, geniessen. Ist dies bei Ihnen auch so? Schöpfen Sie daraus viel Kraft?

Ja. meine Enkel geben mir sehr viel Kraft. Ich habe acht Enkelkinder und diese sind alle sehr verschieden. Jedes hat seinen ganz eigenen Charakter. Vor allem über die Weihnachtszeit war natürlich viel Betrieb im Haus mit der ganzen Familie und diese Zeit geniesse ich jeweils sehr. Ich versuche auch Zeit mit meinen Enkeln einzeln zu verbringen. So lernt man die Kinder auf eine ganz neue Art und Weise kennen. Das ist eine Zeit, in der ich nichts organisiere, sondern einfach spontan mit den Kindern entscheide, was wir machen möchten. Ich finde es wichtig, wenn man auf das Kind eingeht und den Kindern die Freiheit lässt, die sie brauchen um sich zu entwickeln.

 

Wie sie auf Ihrer Homepage auch betonen, liegen Ihnen die Jugendlichen sehr am Herzen. Was meinen Sie zur heutigen Jugend? Haben wir genug und sinnvolle Freizeitangebote?

Was mir auffällt: Die Jugend ist extrem verplant. Es gibt so viele Angebote. Und ich denke solche Angebote engen immer ein wenig ein. Als ich vor kurzem von einem Jugendtreff las, überlegte ich, ob sich Jugendliche heute nicht mehr selber treffen können? Muss immer alles schon bereit stehen? Früher musste man sich selber organisieren. Was für Transportmittel gibt es? Wie kommt man wieder nach Hause? Man hatte viel weniger Möglichkeiten seine Freizeit zu gestalten. Meine vier Kinder konnten ihre Freizeitbeschäftigung selber aussuchen, alles jedoch unter der Bedingung, dass sie selber wussten wie sie an diesen Ort gelangen und wie sie wieder zurückkommen würden. Heute gehen die Kinder ins Ballet, ins Englisch, zum Fussball spielen, ins Malen und vieles mehr. Das ist unglaublich wie verplant sie sind. Und die Mütter sind dauernd am Fahren.

 

Dann macht die Jugend heute zu viel?

Ich denke es wäre besser, sie würde weniger machen. Kreativität kann sich nur bilden wenn Freiheit vorhanden ist und das fehlt heute bei vielen Kindern.

 

Ich höre oft, den Jugendlichen fehle es heute an der Motivation zu lernen und etwas aus Ihrem Leben zu machen. Wie war es bei Ihnen? Wussten Sie schon früh, was Sie später gerne mal werden möchten?

Man musste sich auch früher schon relativ früh entscheiden, welchen Beruf man wählen wollte. Nur ist es heute nicht mehr so, dass man nach der Erstausbildung beim erlernten Beruf bleibt. Man hat verschiedene Möglichkeiten sich weiterzubilden und das gab es bei uns weniger. Ich habe mich entschieden, die Kantonsschule zu besuchen, mit dem Ziel später Lehrerin zu werden. Ich habe mich jedoch nach der Matura für ein Mathematikstudium entschieden – und bin dann auf Umwegen trotzdem beim Schulwesen gelandet, da es an vielen Orten an Lehrern fehlte. Ich gab als Aushilfe in Thurgau Schule und bemerkte, wie viel Freude mir dieser Beruf bereitete und so machte ich eine Primarlehrerausbildung,

 

Das Schul- und Lernsystem in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren immer wieder verändert. Ich merke und erlebe selber: es wird immer mehr gefordert. Ist diese Entwicklung sinnvoll? Setzten wir die richtigen Prioritäten?

Ich glaube nicht, dass mehr gefordert wird. Auch wir wurden sehr gefordert. Ich denke jedoch, dass man viel weniger System in der Wissensübermittlung hat. Ich mache öfters Schulbesuche und da merke ich, dass die Lehrmittel viel weniger bestimmt sind, als früher. Die Strukturen und der Aufbau fehlen. Vor allem in der Unterstufe ist es wichtig, dass jedes Kind zuerst ein logisches Denken aufbauen kann. Zudem sind die Schwerpunkte heutzutage oft nicht altersgerecht. Ist es wichtig, dass ein Zweitklass-Kind alles über das Weltall weiss? Müsste man nicht zuerst die Welt des Kindes anschauen? Am Schulsystem in der Schweiz muss man sicher etwas ändern, vor allem auch viele unsinnige Neuerungen und Verschlechterungen abschaffen.

 

Frau Blocher, das neue Jahr hat begonnen. Welche Wünsche, Hoffnungen und persönliche Ziele begleiten Sie in das neue Jahr?

Ich versuche mir in diesem Jahr vor allem die Zeit ein wenig besser einzuteilen. Im letzten Jahr habe ich extrem oft das Gefühl gehabt, ich sei nur am Rennen. Ich versuche Sachen, die weniger wichtig sind, nicht sofort zu machen, sondern eher ein wenig zurückzustufen und den Blick aufs Wesentliche zu richten.

Magersucht hinter der WC-Tür

Das Thema ist so aktuell und andauernd wie die Armut in Afrika. Immer wieder erfahre ich von einem weiteren Jugendlichen, dessen Essverhalten krankhaft gestört ist. Klar, die Pubertät birgt so manche Unzufriedenheit mit seinem Körper. Doch immer häufiger entwickelt sich aus dieser Unzufriedenheit und dem Wunsch der Gesellschaft zu genügen eine krankhafte Essstörung. Mittlerweile assoziieren wir ausgehungerte Mädchenkörper direkt mit dem Wort Magersucht. Bei sehr vielen betroffenen Jugendlichen fällt die Sucht aber nie auf, denn sie haben durchschnittlich gebaute Körper und ein Talent zum Schauspiel. Erzählen sie dann ihren Angehörigen von ihrer Krankheit, fällt es diesen oft schwer, das Problem ernst zu nehmen.

 

Die Suche nach Bestätigung

Ich stehe in St.Gallen am Bahnhof und höre hinter mir meinen Namen. Da steht sie, eine wunderschöne 20-jährige Frau. Ihre Figur entspricht so gar nicht meinen Vorstellungen einer Magersüchtigen. “So denken die meisten”, erzählt mir Fabia wenig später im Interview. “Viele denken, dass alle Magersüchtigen auf die Knochen ausgehungert sind. Dem ist aber überhaupt nicht so.” Als sie sich nach zwei Jahren endlich getraut hatte, ihrer Mutter von ihrem Problem zu erzählen, nahm diese sie gar nicht ernst. “Die erste Reaktion meiner Mutter war: Du bist aber gar nicht dünn.” Für Fabia war das ein Faustschlag ins Gesicht.

 

Begonnen hat es bei Fabia wie bei vielen anderen auch mit der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. “Ich habe nirgends die Bestätigung gefunden, die ich gebraucht hätte. Auch mein damaliger Freund hat mir nie gesagt, dass er meinen Körper schön findet, wie er ist. Das hat mich sehr verletzt und noch mehr angespornt dünn zu werden.”

 

“In einem Buch habe ich gelesen wie es geht”

Eines Mittags, Fabia gönnt sich Kekse zum Dessert. Kurze Zeit später ist ihr unwohl. Aber nicht aufgrund der Kekse im Magen sondern weil sie bemerkt, wie viele dieser feinen “Guetzli” sich bereits die Speiseröhre hinuntergeschlichen haben. “Das war der Moment, in dem ich mir wünschte, dass diese alle wieder draussen wären.” Und dann geschah es zum ersten Mal. “In einem Buch über Magersucht, welches eigentlich abschrecken sollte, habe ich die Option des Erbrechens für einen Gewichtsverlust entdeckt und auch abgeschaut!”

 

Vom Umfeld unbemerkt

“Es war nie schwierig, meine Brechattacken zu verheimlichen. Ich war schliesslich nie dünn und auch wenn ich bis zu zehn Kilogramm abgenommen hätte, wäre meine Sucht noch nicht aufgefallen.” Die Sucht nach dem Hungergefühl wurde bei ihr nach einem halben Jahr langsam krankhaft und nahm eine Eigendynamik an. “Ich fühlte mich glücklich, wenn der Magen knurrte.” Fabia begann nun auch in der Schule, das spärliche Mittagessen im Mädchenklo wieder hochzuwürgen. “Meine Freundinnen haben nichts bemerkt, sie waren aber auch nicht sehr aufmerksam. Mit der Zeit kennt man die Tricks, wie man das Geräusch übertönt und die Spuren beseitigt.” Mit Spuren meint Fabia die tränenden Augen, der Mundgeruch, die Rückstände in der Toilette und das immer röter werdende Gelenk am Ende des Zeigefingers. Alle diese Anzeichen wurden von ihren Angehörigen nie bemerkt. Zudem war sie eine gute Schauspielerin, sodass ihre regelmässigen Toilettengänge nach dem Essen unter dem Vorwand einer schwachen Blase die Familie und Freunde nicht weiter beunruhigte.

 

“Man schämt sich so!”

Als Fabia schon ziemlich tief in der Bulimie steckte, überrollte sie ein Schamgefühl. “Es war mir unangenehm, dass ich es nicht auf ‘normale’ Art geschafft hatte abzunehmen. Ich konnte auch die Mädchen nie verstehen, welche ihre Magersucht an die grosse Glocke hängen. Bei ihnen geht es lediglich um Aufmerksamkeit. Niemals hätte ich gewollt, dass jemand von meiner Magersucht weiss, denn ich schämte mich so.”

 

Nach einiger Zeit aber überwand sie sich, ihrer Freundin davon zu erzählen. “Als ich es ihr offenbarte, war sie sich gar nicht bewusst, was das Ganze bedeutet. Zwei Wochen später beklagte sie sich nämlich vor mir über ihre 10 Kilogramm leichtere Figur. Ich fühlte mich gar nicht verstanden.” Fabias Auffassung, wirklich zu dick zu sein, verstärkte sich.

 

Traumberuf stoppt Albtraum

Neben dem Wunsch schlank zu sein, hatte Fabia noch einen zweiten. Sie war eine sehr ambitionierte klassische Sängerin und hatte bereits einige Erfolge zu verzeichnen. Doch mit der Zeit begann sich die Bulimie in ihre Zukunftsplanung einzumischen. Plötzlich bekam Fabia Schmerzen beim Singen und ihre Stimme veränderte sich. “Auch meinem Gesangslehrer ist es aufgefallen, dass sich meine Stimme verändert hatte.” Das war für Fabia das Zeichen, mit dem Erbrechen aufzuhören. “Ich steckte bereits tief im Musikstudium an einer renommierten Schule, so dass ich nichts riskieren wollte.” Das Thema Magersucht rückte in den Hintergrund von Fabias Leben. “Bestimmt ein halbes Jahr ging es mir super! Ich hatte mit dem Erbrechen aufgehört und zudem durch einen neuen Freund Bestätigung gefunden.” Doch als der Drang nach einem halben Jahr wieder kam, zog Fabia die Notbremse. “Ich wusste, dass es jetzt gefährlich werden würde und suchte mir Hilfe.”

 

Notbremse zieht nicht

Hilfe wollte sie sich bei einem Psychiater suchen, doch da Fabias Krankenkasse nur bei einer Überweisung des Hausarztes bezahlt, stand zuerst ein Besuch bei ihm an. “Ich musste sowieso wegen einer Grippe zu ihm und nahm meinen ganzen Mut zusammen, ihn um eine Überweisung zu bitten.” Unter Tränen gestand sie ihrem Arzt ihr Problem und hoffte, dass sie endlich Hilfe bekommen würde. Und wieder erlebte sie – wie bei der Beichte bei ihrer Mutter – einen Schlag ins Gesicht. “Ja, was erhoffen sie sich denn von einer solchen Therapie? Antidepressiva?”, so die Reaktion des Hausarztes. “Ich dachte, ich sei im falschen Film. Denn als ich ihm klar machen wollte, dass ich unter Magersucht und nicht unter Depressionen leide, fragte er mich allen Ernstes, was es denn sonst sei, wenn nicht Depressionen.” Noch nie hatte Fabia eine solche Demütigung erlebt und trotz der Reaktion des Hausarztes liess sie sich auf einen zweiten Termin mit ihm ein, da sie schliesslich die Überweisung benötigte. “Natürlich fürchtete ich mich vor dem zweiten Treffen, aber der Arzt hatte dazugelernt und ein wenig mehr Einfühlungsvermögen gezeigt.”

 

Das Outing bei Freunden

Bis heute hatte Fabia bereits vier Gespräche mit ihrem Psychiater und fühlt sich wieder deutlich wohler. “Ich fühle mich verstanden und ich lerne in den Sitzungen die Gründe für mein gestörtes Essverhalten kennen.” Es fällt ihr auch immer leichter mit Freunden darüber zu sprechen. “Viele benötigen einige Zeit, bis sie verstehen, was das überhaupt bedeutet.”

 

Viele Betroffene

Fabia erzählt, dass sie durch ihre Krankheit auch auf viele andere Jugendliche mit einem gestörten Essverhalten gestossen ist. “Als ich einem Freund von meiner Sucht erzählte, offenbarte er mir, dass er mit demselben Problem zu kämpfen hatte.” Auch mir ist aufgefallen, wie viele Jugendliche vergessen, das Essen zu geniessen und sich zu bestimmten Ernährungsmustern zwingen. Diese selbst erstellten Essvorschriften sind oft die Vorstufe einer Essstörung, wie mir Fabia erzählt. Ihr Ziel ist es nun, andere auf die Problematik aufmerksam zu machen, indem sie versucht darüber zu sprechen.

 

*Name geändert

“Alt, langweilig und höflich”

Friska Viljor ist eine Band, die vor über acht Jahren im Suff gegründet wurde. Mittlerweilen sind die beiden Gründerväter Daniel Johansson und Joakim Sveningsson erwachsener geworden. Ihre Energie auf der Bühne  färbt sich an Konzerten schnell aufs Publikum ab.

 

Bevor die Band wieder auf Schweizer Tournee geht, traf Tink.ch sie in einer Spelunke in Zürich.

 

Tink.ch: Warum ist kein Bier auf dem Tisch?

Daniel: Es ist zu früh für Bier (lacht)

 

Inwiefern hat sich die Einstellung zu Alkohol geändert?

Joakim: Wir haben uns einmal geschworen, niemals wieder nüchtern ins Studio zu gehen. Doch das war früher. Zu dieser Zeit fühlte es sich richtig und gut an. Seitdem hat sich vieles verändert. Heute wäre es uns nicht möglich, Zeit mit der Familie zu verbringen, wenn wir dauernd betrunken wären. Dieser Teil unseres Lebens hat sich verändert.

 

Das impliziert, wenn ihr auf Tour seid, lässt ihr eure Hemmungen zu Hause?

Joakim: Ich habe von diesem Gerücht gehört. Was aber auf Tour passiert, bleibt auf der Tour (lacht).

Daniel: Wir nehmen unsere Familie manchmal mit auf Tour. Mein ältester Sohn war fast überall mit dabei.

 

Will dein ältester Sohn nun auch Musiker werden?

Daniel: Manchmal sagt er das. Allerdings sähe ich ihn viel lieber als erfolgreichen Geschäftsmann. Aber die Kinder werden selbst entscheiden.

 

Die Songs sind bedachter und gehen mehr in die Tiefe als früher. Ist das euer Ziel?

Joakim: Das erste Album war sehr schnell entstanden. Einfach eingespielt und fertig war’s. Heute arbeiten wir intensiver an den Songs. Aber es gibt immer noch Songs wie “Flageoletten” auf dem neuen Album.

Daniel: Vielleicht liegt es auch daran, dass wir jetzt die Aufnahmen nüchtern machen.

 

Wo entstehen eure Songs?

Daniel: Wir sollten mal Backstage versuchen Songs zu machen. Aber meistens ist es zu Hause. Dann tragen wir Ideen zusammen und arbeiten konzentriert daran. Aber es muss nicht immer kompliziert sein. Manchmal ist der einfachste Weg auch der beste.

 

Der Song “Boom Boom” schlägt eine neue Stilrichtung ein, wie entstand er?

Joakim: Der Song entstand bereits im Jahr 2007 in verschiedenen Versionen.

Daniel: Wir wussten lange nicht, wie man diesen Song interessant rüberbringen konnte.

Jetzt mit den Synthetisysern kommt er richtig dramatisch daher.

 

Welches ist euer liebster Song aus dem aktuellen Album?

Daniel: Ich mag “Flageoletten” sehr. Aber jeder Song ist in seiner Art gut.

Joakim: Wir mögen jeden Song. Bei diesem Album können wir wirklich sagen, dass jeder Song gelungen ist.

 

Was wollt ihr mit euren Konzerten bewirken?

Joakim: Wir wollen die traurigen Leute fröhlich stimmen und die Glücklichen noch glücklicher machen

 

Einen Abschlusssatz, der euch treffend beschreibt?

Daniel: Alt, langweilig und höflich (lacht).

Voulez-vous coucher avec moi?

Neun grosse Betten stehen in einem Raum, fünf davon sind besetzt. Neben den Schlafenden ist jeweils noch eine Betthälfte frei. Um die Betten herum stehen Hocker und eine Nachttischlampe. Aus den Lautsprechern an den Wänden dringen Geräusche von ausserhalb. Eine Autotür schlägt zu, Schritte eilen zur Haustür, eine Stimme ruft jemandem etwas zu. Ansonsten ist es still.

 

Schauspiel der Besucher

Die gut zwanzig Besucher reagieren unterschiedlich. Zwei Frauen tuscheln miteinander, kaum haben sie den Raum betreten: “Und was passiert jetzt? Ist das etwa schon alles?” Ein junger Mann überlegt nicht lange, sondern legt sich neben eine Frau mit kurzem blondem Haar und schliesst die Augen. Die meisten überwinden ihre Hemmungen jedoch nicht so schnell und stehen etwas verlegen da, manche setzen sich auf einen der Hocker. Eine Frau Mitte dreissig betrachtet hingerissen den schlafenden Mann im Bett neben ihr.

 

In den ersten paar Minuten findet das Theater unter den Zuschauern statt. Die Reaktionen der Besucher sind das wahre Schauspiel. Auch während der restlichen Spielzeit bleibt dies ein nicht unwesentlicher Faktor. Die Rolle der schlafenden Schauspieler wird jedoch deutlich wichtiger. Als der Mann im roten Pyjama, dessen Bett in der Mitte des Raumes steht, anfängt im Schlaf zu sprechen, oder vielmehr zu flüstern, fällt das kaum jemandem auf. Bald darauf werden die Geräusche aus den Lautsprechern leiser und verstummen schliesslich ganz. Nun ist im ganzen Raum ein Zischeln und Flüstern zu hören. Die Besucher lassen sich nicht lange bitten und setzen sich auf Hocker und Bettkanten, beugen sich näher zu den erzählenden Schauspieler, um die Worte verstehen können.

 

Traumgeschichten

Während der restlichen Vorstellung geschieht nicht viel, und doch wird es nie langweilig. Die Schauspieler halten die Augen geschlossen und reden im Schlaf. Ihre Erzählungen sind unterschiedlich. Eine junge Frau erzählt in allen Einzelheiten von ihrem ersten Mal. Eine andere Darstellerin sinniert über die Gemeinsamkeiten von Schlaf und Tod. Und wer im richtigen Moment dem Mann im roten Pyjama zuhört, erfährt, dass Füsse, bei denen der zweite Zeh länger ist als der erste, griechische Füsse genannt werden.

 

“Voulez-vous coucher avec moi?” bietet Raum für viel Neues. Als Zuschauer entscheidet man selbst, welcher Traumgeschichte man zuhören will, ob man stehen, sitzen oder sich auf eines der Betten legen will. Wer Action braucht, ist bei dieser Theaterinszenierung fehl am Platz. An Spannung mangelt es dennoch nicht. Die Erzählungen der Darsteller ziehen die Besucher in ihren Bann. Der Schlaf wird zur Inszenierung und erlaubt den Besuchern, sich ungeniert über die Schauspieler zu beugen, um die schlafenden Gesicher zu betrachten. Und als nach zwei Stunden die Geschichten verstummen und das Licht angeht, scheinen nicht wenige selbst in eine Traumwelt abgedriftet zu sein.

Jugendliche Grenzerfahrungen

Stephanie ist gelangweilt. Ihre Mutter ist todkrank, ihr kleiner Bruder hat damit schwer zu kämpfen, ihr Freund geht ihr auf die Nerven und ihre beste Freundin Cat wird wegziehen. In ein Internat. Letzteres beschäftigt Stephanie am meisten. Was sie ohne Cat machen soll, fragt sie sich. Doch ihre beste Freundin ist froh, wegzukommen, schliesslich sind ihrer Meinung nach alle ihre Freunde langweilig, die Stadt stinkt nach Zucker und alle Menschen sind “behindert im Kopf”, wie sie findet. Aus Langeweile und dem Wunsch, noch etwas Spannendes zusammen zu erleben, planen Stephanie und Cat einen flotten Dreier mit Stephanies Freund Stephen. Doch auch das wird nicht so interessant wie erhofft und so gehen die Mädchen noch einen Schritt weiter und die Situation eskaliert. Plötzlich gilt es, einen Mord zu vertuschen. Doch nicht einmal Stephanies verzweifelte Aktionen haben Konsequenzen. Cat geht weg. Ihre Mutter stirbt und Stephanie ist zwischen Gleichgültigkeit, schlechtem Gewissen und Trauer hin und hergerissen. Ihr bester Freund Jakob hat nur noch seine neue Freundin Anna im Kopf und ihr Bruder Alex reibt ihr unter die Nase, dass alle sie hassen.

 

Grosse Fragen

“Morning” ist ein düsteres, starkes Stück voller Energie und einer grossen Frage: Was ist, wenn nichts einen Wert hat? Wenn unser Handeln keine Konsequenzen hat? Wenn uns die Dinge und Menschen um uns gleichgültig werden? Von düsteren Dubstep-Klängen untermalt und mit Mehl bedeckt fragen uns sechs Jugendliche nach dem Tod, nach dem Wert des Todes und nach dem Wert des Lebens. Und wie es Sebastian Nübling gerne und oft macht, bringt er viel Bewegung in diese Inszenierung ein. Die physische Präsenz der Schauspieler ist beeindruckend. Was die Sprache nicht kann, drückt der Körper aus – und umgekehrt. Die Schauspieler sind da. Sie stehen auf der Bühne und fordern den Zuschauer heraus.

 

An die Grenzen gehen

Wie viele Stücke von Simon Stephens beschäftigt sich “Morning” mit den grossen Fragen des Jungseins, die Erwachsene jedoch genauso ansprechen: Tod, Vergänglichkeit, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit. Stephens bringt die Figuren in seinen Stücken, fast ausschliesslich Jugendliche, dazu, an ihre Grenzen zu gehen, das Leben zu hinterfragen und mit der Idee von Macht zu spielen. Zum Beispiel die Macht, die ihre Gefühle oder die Verweigerung ihrer Gefühle gegenüber ihren Mitmenschen mit sich bringt. Cat aus “Morning” ist ein gutes Beispiel dafür: Sie spielt mit Stephanie, mit ihren Gefühlen und übt so eine grosse Macht auf ihre Freundin aus, wie keine andere es kann. Am Ende hängt nur noch der altbekannte Wunsch nach einem Versprechen in der Luft – dem Versprechen das alles wieder gut wird.

 

 

Info


“Morning” wird am 30.1, 31.1 und am 1.2 auf dem Kasernenareal nochmals aufgeführt.

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“Poesie ist alles, was daneben steht”

Kein Dichterheer, aber doch eine ansehnliche Reihe namhafter Schreiberlinge hat der Stadt am Rheinknie schon ihren Besuch abgestattet: Die klingenden Namen reichen von Dickens, Rilke und Dürrenmatt bis Kaschnitz, Sartre und Mann. Für letzteren war Basel nicht mehr als ein Zwischenhalt auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus. Thomas Mann, der sein Haupt zeitlebens auf seine Münchner Seidensteppdecke gebettet hatte, kehrte Deutschland den Rücken zu, als die Nationalsozialisten ihn um jeden Schlaf gebracht hatten. Als sich der grosse deutsche Dichter mit der niederdrückenden Vorstellung abgefunden hatte, seine Existenz anderswo aufzubauen, reiste er in die Schweiz, quartierte sich im Grand Hotel Trois Rois ein und ging auf Hausbesichtigung. Auch wenn er sein neues Heim am Zürichsee finden sollte, liess er sich später zur Bemerkung hinreissen, dass er sich in Basel wie auf heimischen Boden habe bewegen können, und blieb der Stadt verbunden.

 

Poesie, die der Halbwelt entspringt

Für den weitgereisten Rainer Maria Rilke war Basel ebenfalls mehr als eine Durchgangsstation: hier verschaffte er sich Zugang zu den vermögenden Kreisen, fand seine Gönner und hielt im Stadtcasino Lesungen vor einem frenetischen Publikum. Im Ritterhof beim St. Albans-Graben erhielt er Gastrecht und empfing tagsüber seine Gäste, nachtsüber machte er sich auf zu eigentümlichen Visiten, die ihn mal zu Frauenzimmern, mal zu spiritistischen Sitzungen führten, wie sie damals in Mode waren. Dort bewies die geladene Eminenz ihren Sinn fürs Übersinnliche, indem sie Rosen im freien Raum zum Schweben brachte – eine Erfahrung, die den Poeten in seinen Grundfesten dermassen erschütterte, dass er sie später in einem Sonett verarbeiten sollte (“Blume, ihr schliesslich den ordnenden Händen verwandte…”). Nicht auszuschliessen ist, dass die metaphysische Erfahrung weniger auf Rilkes’ Qualitäten als Medium als auf Medikamenteneinfluss gründete: sowohl Morphium als auch Kokain fanden in jenen Tagen in der Psychotherapie breite Verwendung und wurden als Stimulantien zur “Erforschung des Unbewussten” eingesetzt. Diese Episode führt vor Augen, was in manchen Künstlerexistenzen wohl schwierig zu trennen ist: Arbeit und Rausch reichen sich die Hand, die Vernebelung der Sinne wird zur erkenntniserweiternden Quelle der Wortproduktion.

 

Poesie, die den Kneipen und dem Wein ein Lied singt

Ein Zeugnis davon gibt das Werk Rainer Brambachs, einem anderen Namen, der mit der Stadt Basel und ihren Kneipen verbunden ist. Seinen 1974 vorgelegten Band “Kneipenliedern” ist folgendes Gedicht zu entnehmen: “Ein Fernrohr ist uns manchmal unser Glas, und wenn wir daraus trinken, sehen wir weit.” Ein zweizeiliges Poem, das nicht von Gedankenarmut eines alkoholvergifteten Trunkbolds zeugt, sondern von dem Bemühen, nicht bloss das Elementare der Welt ins Auge zu fassen, sondern die Gegenständlichkeit des Gegebenen zu überwinden, um das Dasein in seinen untergründigen Strömungen zu erfassen. Im Fall Brambachs spielte sich derlei Sinnieren oft in den verrauchten Kneipen der St. Alban-Vorstadt ab. Dort gönnte er sich ein Feierabendbier, nachdem er von seiner Arbeit als Gärtner und Torfstecher mit dem Fahrrad zurückgekehrt war und sich dann dem Zechen zuwendete, das in lyrisches Feinhandwerk erster Güte ausarten konnte. Besonders beeindruckend liest sich sein weinseliger Beschrieb einer Beizentour: “Wer im Narrenkleid steckt/ und in der Frühe/ querpfeiffend heimkehrt/ sieht den Mond als geblähte/ Schweinsblase”. Welch feinsinnige Unsentimentalität, die in diesem verbalen Vandalismus zum Ausdruck kommt! Da hat jemand zum Mond heraufgesehen und ihn nicht als Laterne wahrgenommen, die am Himmel thront und ihr Butterlicht zur Erde wirft. Und in diesem Sehen eine anstössige Metapher geschaffen, die von einer Wahrnehmung aus Welt- und Lebenserfahrung spricht.

 

Mit dem Kopf durch die Wand, weil die Wirklichkeit dahinter liegt

Eine derartige Beobachtungsgabe, die eine unter den Oberflächen der Dinge liegende Wahrheit zu Tage gefördert hat, blitzt auch im schmalen Gedichtband des jungverstorbenen Manfred Gilgien auf. Der Dichter, der den Baslern höchstens noch als Clochard ein Begriff ist, begehrte in den Studentenrevolten der 60er-Jahre gegen das biedermännische Gutbürgertum auf und setzte seine Rebellion auch dann noch fort, als die Parolen gegen althergebrachte gesellschaftliche Normen längst wieder abgeflaut waren. Als ewiger Rebell verwehrte sich Gilgien der Lohnarbeit und führte ein Mansardenleben in Kleinbasel, das ihn an den Rand der Vereinsamung brachte. Der Alkoholsucht schon früh verfallen, betrieb er nicht nur Raubbau an seinem Körper, sondern auch an seiner aussergewöhnlichen geistigen Gabe. Er schreibt: “Literatur ist ein Produkt des Mangels: etwas fehlt in der Wirklichkeit: dieses ETWAS rutscht sehr oft in den Körper ab./ Ich habe Wein getrunken und spreche daher in Rätseln./ Man möge es mir verzeihen.” Diejenigen, die in den Genuss seiner Gabe gekommen sind, werden ihm so manches nachsehen: erhebt er doch das bodenebene Irdische mit seiner Erkenntniskraft ins lyrisch Kosmische, das durch seine Sprache erst greifbar wird – und macht Basel so zum Schoss des Weltalls.

 

 

Info


Martina Kuoni führt Interessierte durchs ganze Jahr auf literarischen Rundgängen zu bedeutenden Orten von Basels Dichtern.

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Die Filmindustrie unter der Lupe

Lieber Dr. Radegeber,

Ich bin zwar angehende Kellnerin, träume aber von einer Karriere vor den Kameras. Ich übe die Schauspielerei zu Hause vor dem Spiegel. An ein Casting hab’ ich mich noch nie gewagt. Zurest möchte ich erfahren, was eine gute Schauspielerin mitbringen muss.

Aline, 19

 

Hallo Aline,

Emotionen, Ausstrahlung, Wille und Disziplin – das war Schauspiel einmal. Heute misst man bedeutende Schauspieler an der Popularität ihres Schönheitschirurgen und ihren gewonnen Preisen an aussagekräftigen amerikanischen Filmpreisverleihungen wie etwa den Golden Globes oder den Academy Awards. Also merke dir, wie du spielst ist zweitranging. Es zählt nur Vitamin B. Und das sammelst du am ehesten, indem du mit den richtigen Produzenten und Regiesseuren schläfst.

 

 

Lieber Dr. Radegeber,

Ich bin ein absoluter Filmliebhaber. Von den Neuen bis zu den Klassikern. Von den japanischen Animes bis zu deutschen Kriminalfilmen, stürze ich mich in alle Filmabenteuer. Das Problem ist, dass ich herzlich pleite bin und viel zu faul, um in’s Kino zu gehen. Deshalb sauge ich mir alle Filme, Serien usw. im Internet runter. Nun habe ich gehört, dass dies rechtlichen verboten sein soll. Kann man mich dafür bestrafen?

Sandro, 22

 

Hallo Sandro,

Nur wenn man dich erwischt.

 

 

Lieber Dr. Radegeber,

Ich bin bekennender Fan von Arthouse- und Independentfilmen. Denen wird viel zu wenig Beachtung geschenkt. Wie kommt es, dass in einer solch fortgeschrittenen Gesellschaft wie der unseren, immernoch so viele Leute Blockbuster richtigen Filmen vorziehen?

Marianne, 26

 

Hallo Marianne,

Arthouse ist für Besserwisser und Hipster. In richtig guten Filmen muss es krachen! Der Zuschauer braucht Botox Action, retouchierte Bauchmuskeln und silikongeladene Liebesszenen. Teuere Filme sind eben gute Filme. Denn gute Regiesseure und gute Schauspieler kosten nun mal. Besonders wenn sie so talentiert sind, dass sie nicht nur perfekt schauspielen, sondern auch singen können wie z.B. Jennifer Lopez und Justin Timberlake. So richtig hochbegabte eben. Aber zurück zu Arthouse und Independent: die meisten dieser Filme sind etwa so lasch wie das Popkorn, welches man für 12 Franken kauft und schon während den Trailern aufgegessen hat.

Randnotizen

Haben Sie gewusst, dass Pascal Santschi das letztjährige Verbandsfest im Platzgen in Utzenstorf gewonnen hat? Doch, ist wirklich wahr! Oder wie heisst der amtierende Schweizermeister im Faustball in der Halle? Natürlich ist dies wie auch schon im Vorjahr der SVD Diepoldsau-Schmitter, der auch in diesem Jahr im Meisterrennen mitmischt. Die Meisterschaft ist noch in vollem Gange. Aber für den belesenen Sportinteressierten ist dies freilich keine Neuigkeit.

 

Und der SC Kreuzlingen hat in den letzten fünf Jahren die Wasserballschweizermeisterschaft vier Mal gewonnen, eine bemerkenswerte Leistung. Zudem hat ein grosser Sportanlass bisher viel zu wenig mediale Aufmerksamkeit erhalten. Im vergangenen September fand nämlich die Armbrustschützenweltmeisterschaft in Wil (SG) statt und die Schweiz war äusserst erfolgreich: Insgesamt 16 Medaillen eroberten die Eidgenossen und drei Mal standen sie gar zuoberst auf dem Treppchen: Claude-Alain Delley gewann über die 10m-Distanz in der Kategorie U23. In derselben Kategorie aber über die 30m-Distanz feierte die Schweiz gar einen totalen Triumph, das Podest war fest in Schweizer Hand.

 

Zudem zeigte die Schweiz eine geschlossene Teamleistung. Die Frauen um Nationaltrainer Gerold Pfister gewannen den Teamwettkampf über die 30m-Distanz vor den Konkurrentinnen aus Österreich und Deutschland. Leider konnten aber keine der erwähnten Sportler auf die Schnelle vors Mikrofon gebracht werden. Der Medienrummel ist auch im neuen Jahr noch nicht kleiner geworden. Tink.ch bleibt aber dran und hält Sie auf dem Laufenden.

 

Was sagen Sie? Tennis? Australian Open? Ski? Die Rennen in Kitzbühel – Alles Randnotizen!

Begegnungen mit Soldini

Seit gut 16 Jahren ehrt der Spezialblock “Rencontre” an den Solothurner Filmtagen jeweils das Oeuvre einer herausragenden Persönlichkeit des Schweizer Films, gleichgültig, ob es sich dabei um einen Schauspieler, Regisseur, Produzenten oder einen Komponisten handelt. Der diesjährige Ehrengast Silvio Soldini ist bereit seit dreissig Jahren im Filmgeschäft und erlangte mit surrealen, tragikomischen Romanzen wie “Pane e tulipani” und “Agata e la tempesta” internationale Berühmtheit. Sein neuster skurriler Streich, “Il comandante e la cicogna”, welcher für den Prix du Public nominiert wurde, feierte am Freitagabend im Landhaus Premiere. Während diverser Filmgespräche und einem morgendlichen Film-Brunch im Barock-Café war ausserdem ein persönlicher Austausch mit dem Filmschaffenden möglich.

 

Jeder Film ist eine Reise

Auf die Rolle des Regisseurs leichter, romantischer Komödien möchte sich der Mailänder mit Tessiner Wurzeln jedoch nicht festlegen lassen. In einer seiner vielbesuchten Podiumsdiskussionen verriet der hagere Mann mit dem Lockenkopf und dem markanten Schnurrbart, dass ihm “herausforderndere” Filme, welche sich mit sozialen und politischen Problemen der Gegenwart auseinandersetzen, mehr liegen würden. Jeder Film sei für ihn eine Reise an einen zu Beginn noch unbekannten Ort. Die Protagonisten seiner Werke, so exzentrisch sie sich manchmal auch präsentieren mögen, sind jedoch in erster Linie aus dem Leben gegriffene Figuren mit alltäglichen Wünschen und Sehnsüchten. Menschen, welche mit verschiedenen, zum Teil auch drastischen Mitteln versuchen, der Monotonie ihres Alltags zu entfliehen. So beginnt in “Cosa voglio di piu” die verheiratete Versicherungsangestellte Anna eine leidenschaftliche Affäre mit dem kalabrischen Kellner Domenico und in “Pane e tulipani” reist die an einer Raststätte gestrandete Rosalba auf eigene Faust per Anhalter nach Venedig.

 

Der Fotograf im Schatten Silvio Soldinis

Einen anderen Blick auf Soldini gewährte während der Filmtage das Künstlerhaus S11 mit seiner Ausstellung des Filmsetfotografen Philippe Antonello, der den Mailänder Regisseur und sein filmisches Schaffen über Jahre hin begleitet und dokumentiert hatte. Die charmante Altbauliegenschaft an der Schmiedengasse beherbergt gut 25 Aufnahmen diverser Filmsets Soldinis. Die Fotografien versprühen einen ganz eigenen Zauber: Wuchtige Kamerakräne, verkabelte Mikrofone und Scheinwerfer im Hintergrund der sorgfältig arrangierten Filmsets verweisen jeweils auf die Realität hinter der filmischen Illusion. Durch gezielten Einsatz von Licht und Schatten und raffinierten Aufnahmewinkeln gelingt es Antonello, den Bildern eine poetische Qualität abzugewinnen und sie zu mehr als bloss dokumentarischen Aufnahmen zu machen: nämlich zu Kunstwerken.

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