Gesellschaft | 12.12.2012

„Wir lassen sie verhungern“

Text von Rick Nellestein | Bilder von Raoul Pellaton
Nachdem der Schweizer Soziologe und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Jean Ziegler Ende Oktober sein neues Buch "Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt" in Bern vorgestellt hatte, kam er am Montag, den 3. Dezember, nach Basel. Die Diskussion über sein Buch wurde von Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung, moderiert. Was hat das Buch im Vergleich zu früheren Werken an Neuem zu bieten und was hat der 78-jährige Gesellschaftskritiker zur heutigen Person gemacht?
Jean Ziegler gibt eine detaillierte Gesellschaftsanalyse aufgrund seiner achtjährigen Erfahrung als UN-Sonderberichterstatter. Der Chefredaktor der Basler Zeitung, Markus Somm, übernahm die Gesprächsleitung.-¨ Gegenseitige Sticheleien halten das Publikum bei Laune. Der geborene Thuner gibt offenherzig Einsicht in seine persönliche Vergangenheit.
Bild: Raoul Pellaton

Das Publikum sitzt zwischen den Bücherregalen zusammengestaucht, eng am Podest. Die Veranstaltung ist ausverkauft: Jung und Alt sehen einen gut gelaunten, herzhaft lachenden und teilweise scherzenden Jean Ziegler, der oftmals daran erinnert werden muss, in seinem Elan nicht zu vergessen, ins Mikrophon zu sprechen. Die herausfordernde Aufgabe der Moderation ist Markus Somm zu Teil geworden, der einen abschweifenden und eigensinnigen Jean Ziegler mit grosser Mühe zu Antworten auf seine Fragen zu steuern versucht.

 

Kannibalische, mörderische Weltordnung

Was ist in Zieglers neuestem Werk anders als zuvor? Einerseits führt er an, dass er nun endlich sagen könne, wer die Halunken sind, da sein achtjähriges Mandat als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung geendet hat und er nicht mehr mit diesen Leuten in Afrika und Asien am Verhandlungstisch sitzen muss. Und andererseits beschreibt er, wo er die Erwartungen leidender Menschen verraten habe. Hiermit meine er die Tatsache, dass er vor Ort mit den notleidenden Menschen in Kontakt kam und Hoffnung generierte, doch seine Ideen und Empfehlungen im UNO-Rat nicht durchsetzen konnte.

 

Doch seine Botschaft bleibt insgesamt gleich, denn die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich in den letzten sieben Jahren kaum verändert. In seinem Buch berichtet er, dass eine Milliarde Menschen schwerstens und permanent unterernährt seien, wobei die heutige Nahrungsmittelproduktion zwölf Milliarden Menschen normal ernähren könne. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gebe es laut Ziegler keinen objektiven, sondern einen von Menschen – von der „kannibalischen, mörderischen Weltordnung“ – gemachten  Mangel an Nahrung. Gestorben werde im Süden, womit er die 122 sogenannten Entwicklungsländer meint. Das liege am Herrschaftssystem der Grosskonzerne mit seiner Machtkonzentration auf wenige Einzelne. Diese haben heute mehr Macht als Päpste und Könige in der Geschichte je besessen hätten und müssen das Prinzip der Profitmaximierung gnadenlos verfolgen, um ihre hohe Positionen zu wahren. Dazu komme die legale Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel: Reis, Mais und Getreide. Bei diesem „mörderischen Mechanismus“ jagen die Spekulierenden die Preise in die Höhe und die 1,2 Milliarden Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag überleben müssen, fallen diesem Prozess zum Opfer.

 

„Mach‘ di Sach‘! Du kannst nichts ändern an dieser Welt“

Ein Moderationserfolg gelingt Markus Somm. Und zwar bringt er Jean Ziegler dazu, über das zu erzählen, was ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist. Nach ersten Beteuerungen, seine persönliche Psychologie tue nichts zur Sache und es gehe um die Menschen in Bolivien, die er verraten habe, beginnt er dann doch zu erzählen.

 

Der jetzige Professor an der Universität Genf war in einer liebevollen Familie aufgewachsen. Seine Mutter war eine temperamentvolle Bauerntochter , sein Vater ihr Gegenpol, nämlich ein introvertierter Calvinist, aber sie liebten sich sehr und wohnten in einem schönen Haus in Thun. Jeden Donnerstag, als er mit seinem Fahrrad am Viehmarkt vorbeifuhr, sah er die Verdingkinder, die „verschwiegenen Todsünden der Eidgenossenschaft“, wie Ziegler sagt, Kinder von Kleinbauern des Berner Oberlands, die, da sie von ihren Eltern nicht ernährt werden konnten an Grossbauern verpachtet wurden. Auch im Winter standen sie in ihren Holzschuhen da, schlecht gekleidet, verängstigt und bleich.

 

Da fragte der junge Progymnasiast sich, wie es kommt, dass es den einen so gut und den anderen so schlecht geht. Sein calvinistischer Vater sagte ihm: „Mach‘ di Sach‘! Du kannst nichts ändern an dieser Welt.“ Für den vierzehnjährigen Ziegler war der Gedanke, sein Leben sei reine Reproduktion, in dem er sein Studium abschliesse und in Thun als Notar arbeiten werde, unerträglich.

 

Auf der Seite der Henker in Kongo

In den sechziger Jahren hatte die UNO zum ersten Mal eine internationale Armee errichtet – die so genannten Blauhelme. Für einen kleinen Assistenzposten im Kongo suchte sie eine Person, die französisch sprach und aufgrund der noch frischen kolonialen Geschichte nicht aus Belgien oder Frankreich stammte. Der Thuner Jean Ziegler eignete sich. In einem Hotel, das mit Stacheldraht umzogen war und wo nepalesische Söldner im Namen der englischen Krone für den Schutz verantwortlich waren, arbeiteten und lebten die UNO-Angestellten.

 

Jeden Abend warfen die pakistanischen und indischen Köche die Essensreste über den Stacheldrahtzaun. Während Ziegler mit seinen Kollegen im zweiten Stock bei diskreter Musik zuschaute, kamen Hungerzüge aus der nächstgelegenen Stadt. Vor allem die Kinder kletterten den Zaun herauf, um die festhängenden Essenreste zu ergattern, während sie von den UN-Söldnern in Schach gehalten wurden, meistens in dem sie gewaltsam mit dem Ende ihrer Gewehren auf die Köpfe einschlugen. Da hatte ein junger, desillusionierter Schweizer UN-Angestellter sich eins geschworen: „Was immer auch in meinem Leben passieren werde, ich werde nie mehr auf der Seite der Henker sein.“

 

Buch der Hoffnung

Trotz des pessimistischen Titels soll „Wir lassen sie verhungern – Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ ein „Buch der Hoffnung“ sein. Das tägliche Übel des Hungers auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, kann laut Ziegler mit demokratischen, friedlichen Mittel „morgen“ aus der Welt geschaffen werden, denn in der Demokratie gebe es keine Ohnmacht. Wir alle seien verantwortlich, eben wir würden diese Menschen in der Dritten Welt verhungern lassen. Was der Einzelne mit demokratischen Mitteln in einer derart komplex funktionierenden globalen Gesellschaft effektiv machen kann, fehlt in seiner Argumentation jedoch. Eine kritische Auseinandersetzung mit seinem neuen Buch ist dennoch für alle empfehlenswert.