Kultur | 17.12.2012

Wenn 90 Prozent des Publikums nichts versteht, aber trotzdem Spass hat

Jahr für Jahr findet in Fellbach bei Stuttgart das Theaterfestival "Bunte Bühne" statt, zum letzten mal Anfang Dezember. Während fünf Tagen wurden auf fünf verschiedenen Sprachen gespielt, aber auch geredet, gesungen und gefeiert.
Verzweiflung aus Polen und ... ... Liebe aus Russland, ... ... und Protest aus Deutschland gibts nur in Fellbach.
Bild: Christian Schmidt / schmidtchris.de

Mitten im kleinen Stuttgarter Vorort Fellbach steht ein Gebäude, das von aussen an eine Sternwarte erinnert. Nur die Kuppel fehlt. Des Weiteren scheint das “Polygon” keinen einzigen rechten Winkel in seiner Baustruktur zu haben, auch innen nicht. Ein rotes Schild gibt schliesslich Aufschluss über die Bestimmung des seltsam anmutenden Bauwerkes: “Jugendhaus Fellbach”. Vor 25 Jahren wurde zum ersten mal in dieses Haus eingeladen und noch heute pilgern junge Bühnenbegeisterte Jahr für Jahr zur “Bunten Bühne”. Während jedem von fünf Tagen werden zwei oder drei Stücke aufgeführt und jedes davon in einer Diskussion mit allen Teilnehmern nochmal aufgenommen. Dabei kommen die erstaunlichsten Gedanken und Geschichten zu Tage. Zum Beispiel dürfen Frauen im Irak auf der Bühne stehen, müssen aber dabei Perücken tragen. Es wäre zutiefst unsittlich, ihre echten Haare zu sehen.

 

Fünf Sprachen

Bunt ist eine treffende Beschreibung des ganzen Festivals. Der Besucher stösst auf eine kunterbunte Mischung aus Nationalitäten (Russland, Litauen, Frankreich, Armenien, Polen, …) und dementsprechend auch Sprachen, aber auch auf verschiedenste Erfahrungsniveaus, Gruppen und Arten, Theater zu machen. Spielte um 12 Uhr noch eine freie Jugendgruppe aus Litauen, performen um 20 Uhr fünf Schauspielstudentinnen aus Armenien auf derselben Bühne. Da alle eingeladenen Stücke eigentlich für das jeweils heimische Publikum ausgelegt sind, wird auch in den verschiedensten Sprachen gespielt. In rund zwei Dritteln der Stücke wurde Deutsch, Englisch oder Französisch gesprochen, bei den übrigen verstand der grösste Teil des Publikums nur einzelne Wörter. Erstaunlicherweise ist das gar nicht so schlimm. Durch die fremde Sprache und die ungewohnte Art des Theaters bleibt es spannend. Wer sich darauf einlässt, erfährt Bühnenkunst aus einem ganz neuen Blickwinkel, etwas ganz anderes, als das, was auf den deutschen Bühnen gezeigt wird.

 

Die Schweiz ist mit dabei

Das Junge Theater Solothurn (JTS) fuhr in diesem Jahr zum zweiten Mal zur “Bunten Bühne”. Für Andreas Schmidhauser, Leiter des JTS, bietet das Festival Essentielles für Jugendliche, die Theater machen. “Um Solothurn gibt es wenig Möglichkeiten, auch mal zu schauen, was andere junge Theater machen. Theater heisst immer auch, Neues zu suchen und zu entdecken und sich selbst und andere kennenzulernen. In Fellbach bietet sich die Möglichkeit für all das.” Mit “Creeps” zeigten die Schweizer ein Stück mit vergleichsweise kleiner Besetzung: Nur vier Akteure bestritten fünf Viertelstunden Spiel. Die grösste Truppe in Fellbach umfasste wohl rund ein Dutzend Jugendliche.

 

Schauspielerei verbindet, …

Es ist ein sehr bereicherndes Treffen, das sich den Teilnehmern bietet. Dadurch, dass die Veranstalter voraussetzen, für so viele Festivaltage zu bleiben wie nur möglich, können alle Angereisten viele Stücke sehen und haben ausreichend Zeit, wirklich Bekanntschaft untereinander zu machen und sich auszutauschen. Die verschiedenen Darbietungen und Workshops lassen keinen Mangel an Gesprächsstoff aufkommen. Zusammen mit einer gewissen Kontaktfreudigkeit, die alle jungen Theaterleute verbindet, fühlt man sich frei, direkten Kontakt mit denjenigen zu suchen, die interessant sind, deren Auftritt toll war oder die einem mal eben angelächelt haben. In Kombination mit einer gewissen Abschottung nach aussen, entsteht ein kreativer Schmelztiegel, der inspiriert und Freundschaften begründet.

 

… Englisch auch.

Ohne Englisch ginge aber nichts. Weil jeder kommunizieren will und Englisch am weitesten verbreitet ist, scheut keiner, von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen, selbst wenn er Hände und Füsse zu Hilfe nehmen muss.

 

Und so kommt es, dass eine Russin, zwei Deutsche, zwei Franzosen und ein Schweizer auf drei Sofas landen und sich über den Weltuntergang unterhalten. Eines steht fest: Ginge sie unter, wäre es wirklich schade um das Festival “Bunte Bühne”.