Kultur | 17.12.2012

Schwarze Umhänge und lebende Legenden

Powerwolf, Epica, Edguy, Motörhead, Saxon: Diesen Mix aus verschiedenen Metal-Stilrichtungen präsentierten "Taifun Music" am 7. Dezember in Bern in der Bernexpo-Festhalle. Tink.ch war am "Metal Christmas Festival" dabei.
Epica war nur eine von zahlreichen Bands, die den Berner Metal-Fans die Weihnachten vorversüssten.
Bild: Julian Stiefel

Weisse Gesichter, schwarze Umhänge: Die Performance von Powerwolf war mehr als die Musik, die Band wollte ihren Auftritt kurzerhand in eine diabolische Messe verwandeln. Ihr Horror-Konzept missglückte beim Publikum jedoch gänzlich, denn am späten Nachmittag waren die Gäste noch nicht bereit, sich auf ein derartiges Experiment einzulassen. Man vernahm verächtliche Aussagen: “Ist doch lächerlich!” Die deutsche Power-Metal-Band interessierte das nicht, sie mehr versuchte umso mehr, die Stimmung umzulenken und mit Songs wie “Erection by Resurrection” die Halle einzuheizen.

 

Klassisch geprägte Musik aus den Niederlanden

Eine Frau und fünf langhaarige Männer, die während des ganzen Konzerts headbangen: Das sind Epica. Ihr kurzer Auftritt – gerade einmal 45 Minuten am frühen Abend – stellte bereits den Höhepunkt der Veranstaltung dar.

 

Die niederländische Band pflegt einen ganz besonderen Musikstil: Sie verbindet klassisch geprägte Musik mit Metal. Im Zentrum von Epica steht die markante Stimme von Sängerin Simone Simons. Die 27-Jährige nimmt schon seit klein auf klassischen Gesangsunterricht. Gegründet wurde Epica 2002 von Gitarrist Mark Jansen, welcher damals mit Simone in einer Beziehung war.

 

Vorreiter im Symphonic Metal

Während der kurzen Dauer taute das Publikum trotz der sehenswerten Performance kaum auf. Für die an bekannten klassischen Werken angelehnten Lieder wie “Dies Irea” oder “Adagio” (Giuseppe Verdi bzw. Antonin Dvorak) blieb keine Zeit mehr, obwohl sich so mancher wohl darauf gefreut hatte. Dem Genre “Symphonic Metal” wurde Epica mit Liedern wie “Sancta Terra” dennoch gerecht.

 

Das sogenannte “Symphonic Metal” bildet ein Subgenre des Metal und tritt seit etwa Ende 90er-Jahre immer mehr in Erscheinung. Weitere bekannte Vertreter dieses Genre sind etwa Nightwish oder Within Temptation.

 

Epica mit Musik von Vivaldi bis Metal

Im Mai 2012 veröffentlichte Epica ihr fünftes Studioalbum “Requiem for the Indifferent”. Im Album ist die Tendenz von Epica zu orientalisch gefärbter Musik stark zu verspüren. Mehrmals trat Epica auch schon mit einem Chor oder einem Orchester auf. Das ganze Album “The Classical Conspiracy” wurde in Ungarn am Miskolc Opera Festival mit einem 40-köpfigen Orchester und einem 30-köpfigen Chor aufgenommen. Etwa die Hälfte des Albums besteht aus Interpretationen bekannter klassischer Musik aus Filmen oder Opern. So wurden etwa ein Presto (Antonio Vivaldi) oder ein Pirates-of-the-Carribbean-Medley mit Goth-Metal-Elementen versehen. Das ganze Album gilt als eines der Vorzeigebeispiele für Symphonic Metal und eine perfekte Übersetzung von klassischer Musik von Händel bis Vivaldi in die Neuzeit des Rock.

 

Viel Ausdauer, wenig Kreativität

“Nach Epica kann ich wieder nach Hause gehen”, sagte eine Festivalbesucherin. Wir schüttelten erst den Kopf, um während des Motörhead-Konzerts zu realisieren, dass sie richtig lag: Der Frontmann Lemmy Kilmister stand mit seinem Cowboy-Hut vor das Mikrofon und blieb dort für den Rest des Auftritts genauso angewurzelt auf der Bühne stehen wie das Publikum davor.

 

Später kam es zwar zum obligatorischen Pogo in der Mitte der Menge. Dies lag jedoch eher am fortgeschrittenen Bierkonsum denn an den immergleich klingenden Songs, die Motörhead zwar laut, aber teilnahmslos von der Bühne herunterleierte. Das Trio, welches sich als lauteste Band der Welt bezeichnet, tourt seit beinahe vier Jahrzehnten um die Welt und zählt zu den langlebigsten Vertretern des harten Rock-Genres. Ohne Auszeit veröffentlichen sie etwa alle zwei Jahre ein neues Album. Ihr Mix aus Heavy Metal, Hard Rock, Blues Rock und Punk wird charakterisiert durch seine Basslastigkeit. Nach anfänglicher Erfolglosigkeit hatte Motörhead zwischen 1979 und 1982 ihre kommerziell erfolgreichste Phase.

 

“We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!”

Gegen Mitte des Konzerts rief Frontmann Lemmy Kilmister mit heiserer Stimme denn auch den bekannten Satz ins Mikrofon: “We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!” Das Publikum entgegnete ohrenbetäubendes Geschrei, und für einmal schien die Menge komplett aufgewacht zu sein. Die lange Tradition einer legendären Rockband aus dem vergangenen Jahrtausend vermochte doch noch zu begeistern.

 

Erfrischende Durchmischung, kühle Stimmung

Positiv in Erinnerung bleibt die erfrischende Durchmischung der verschiedenen Metal-Subgenres. Das Durchschnittsalter des Publikums lag deutlich über 30 Jahren, verbunden wohl auch mit dem doch eher hohen Eintrittspreis von rund 90 Franken. Dies war auch an der Stimmung spürbar, die wohl fast so kühl war wie die Luft in der Konzerthalle an diesem verschneiten Wintertag. Ein “Festival” war es auf jeden Fall nicht. Ob “Taifun Music” die Veranstaltung nach 2010 und 2012 in einem der kommenden Jahre erneut durchführt, ist noch nicht bekannt. Fest steht: Wer ein echtes Metalkonzert erleben möchte, sollte eine andere Veranstaltung besuchen.