Kultur | 12.12.2012

Schallmauer-durchbrechend und die Gehörgänge des Publikums bombardierend

Text von Uwe Bieri | Bilder von zvg
Subwoofer, die unter ihrem Frequenzspektrum beschallt werden, Blitzlichtgewitter, die einem jede Epilepsie-Abklärung beim Arzt ersparen, ein Drummer, der das Schlagzeug wie der frühere Dave Grohl bearbeitet, ein ekstatisches Publikum, das jeden Pogo-Punker wie ein schlenkernder Schlager-Musik-Liebhaber aussehen lässt und drei Tage Post-Konzert-Tinitus: All das erwartet man von einem Crystal-Castles Konzert - und das zurecht.
Die Sicherheitsleute waren hilflos, als Alice Glass begann mit dem Publikum zu feiern.
Bild: zvg

An diesem kalten Dienstag Abend  vor einer Woche gab es für alle Anhänger von düsterer elektronischer Musik eigentlich nur ein Ziel: das Crystal Castles Konzert im Zürcher X-tra . Ob es von diesen Anhängern nicht allzu viele gab oder ob diese lieber in ihren warmen Fledermaus-Höhlen blieben, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall war die Konzert-Halle nicht ausverkauft. Man wünschte sich für den Konzertveranstalter, dass er sich vor Konzertbeginn einen Überblick über die Anzahl der Besucher gemacht hätte, denn sobald Ethan Khan mit dem Synthesizer seine erste Staffel Bass-Bomber, schallmauer-durchbrechend und die Gehörgänge des Publikums bombardierend starten lies, stürmte alles nach vorne, so dass sich der beanspruchte Platz gefühlsmässig auf einen Zehntel reduzierte.

 

Alice in “gwunderigen” Händen

Als sich nach fünf Songs, mehrheitlich aus dem Repertorie des Debut- und des aktuellen Albums, die Menge metaphorisch und auch temperaturmässig  in einen prä-eruptierenden Vulkan verwandelt hatte, wurde es einen kurzen Augenblick dunkel im Saal um dann Stroboskop-Gewitter und der fieseste Beat des CC-Arsenals: die Geburt von “Baptism” und der Ausbruch des Vulkans, mit anstelle von Lava herumfliegenden Bierbechern und einem fast schon magmatischen Gemenge von schwitzenden Körpern. Und auf diesem Lahar reitend – Alice Glass – die in selbstzerstörerischer Wildheit ihren zierlichen Körper in die Lava hinabsinken liess, ganz zum entsetzten der überraschten und angesichts der Situation hilflosen Security. Der Höhepunkt des Konzerts startet ab diesem Zeitpunkt und endete erst am Ende des Konzert wieder mit “Sad Eyes”, einem melodiösen politischen Statement gegen die Diskriminierung von Frauen in klerikalen Gesellschaften.

 

Unterwegs in Richtung Ausgang sah man viele die noch vor dem Merchandise-Stand stehen bleiben und T-Shirts anprobieren. Aber ein wenig Abseits hörte man auch Stimmen die sich beklagten:  “Das war ja wie auf dem Jahrmarkt, es fehlten nur noch die Zuckerwattenstände und die Putschiautos.” Die Kanadischen Elektro-punker polarisieren Musikpresse und Konzertbesucher seit ihrer Bandgründung, für die einen sind ihre Auftritte wie ein ausser Kontrolle geratenes Nintendo-Spiel auf Ecstasy und für die anderen… Nun ja für die anderen auch aber die finden das ganz unterhaltsam.