Politik | 11.12.2012

Kinderlobby – für die Rechte der Jüngsten

Text von Eva Hirschi | Bilder von Eva Hirschi
Ersin Dincer ist 17 Jahre jung und Lobbyist. Als Vertreter der Kinderlobby setzt er sich im Bundeshaus für die Rechte und Anliegen der jüngsten Bewohner der Schweiz ein. Mit Tink.ch sprach er über seine Tätigkeiten im Bundeshaus.
Als Kinderlobbyist häufig im Bundeshaus anzutreffen: Ersin Dincer.
Bild: Eva Hirschi

Tink.ch: Warum gibt es die Kinderlobby?

Ersin: Ziel ist es, die Kinderrechte in der Schweiz auf der höchsten politischen Ebene, das heisst im Bundeshaus, zu vertreten. Das Spezielle daran ist, dass die Kinder selber für ihre Rechte lobbyieren, und nicht eine erwachsene Person. Die Kinderlobby existiert seit 1993. Die Basis bildet dabei die UN-Kinderrechtskonvention.*

 

Die Schweiz ist der UNO-Kinderrechtskonvention 1997 beigetreten – braucht es da überhaupt noch Lobbying für Kinder?

Unbedingt. Ein gutes Beispiel warum es uns braucht, ist das Thema Prostitution von Minderjährigen an der vorletzten Session. Bis es zur Ratifizierung gekommen ist, hat eine ganze Front an Kinderrechtsorganisationen zusammen gearbeitet. Dieses Beispiel zeigt, dass es immer noch Fälle gibt, wo Handlungsbedarf besteht, auch in der Schweiz!

 

Was ist deine Funktion als Kinderlobbyist?

Vor kurzem fand in Zug die nationale Kinderkonferenz statt, wo Kinder diskutiert und ihre Anliegen formuliert haben. Mein Job ist es, ihre Forderungen im Bundeshaus einzubringen und zu vertreten. Wenn es Traktanden gibt, die Kinderthemen betreffen, dann zeige ich, was die Meinung der Kinder dazu ist. Da die politisch linke Seite meistens auf meiner Seite steht, konzentriere ich mich deshalb eher auf die Mitglieder der SVP oder anderen bürgerlichen Parlamentsangehörigen. Es geht dabei nicht nur darum, die Politiker von einer Meinung zu überzeugen, sondern auch mit ihnen zu diskutieren und ihnen konkrete Tatsachen vor Augen zu führen. Sie haben oft nur Politik im Kopf.

 

Wie gehst du konkret vor?

Zum einen habe ich persönliche Kontakte, diese spreche ich meistens zuerst an. Zum anderen handle ich auch aus einer Spontaneität heraus. Ich gehe auf eine Person zu und spreche mit ihr. Natürlich braucht es dazu Mut, aber auch die Strategie ist wichtig. Ich muss wissen, wer ein gewisses Geschäft überhaupt ins Rollen gebracht hat, wer zum Beispiel die Motion eingereicht hat. In der Geschäftsleitung schauen wir vor den Sessionen jeweils das Programm an. Manchmal kommen Kinderthemen gar nicht vor. Wenn aber solche Themen dabei sind, dann recherchieren wir und definieren unsere Positionen.

 

Wie erhältst du Zutritt ins Bundeshaus?

Jeder Nationalrat hat zwei Eintrittspässe für das Bundeshaus. Ich habe einen solchen Badge vom grünen Nationalrat Geri Müller. Dadurch habe ich jederzeit Zugang ins Bundeshaus. Seit neuem müssen die Parlamentarier deklarieren, an wen sie die Badges abgegeben habe. Ich finde diese Transparenz gut. Manchmal sind aber fast zu viele Lobbyisten im Bundeshaus. Ich merke das selber, zum Beispiel wenn ich mit einem Parlamentarier spreche und ihm unsere Stellungnahme schicken möchte. Dann höre ich häufig “und bitte schreibe nicht zu viel, ich habe schon so viele Dossiers zum Bearbeiten.”

 

Wirst du als Kind überhaupt ernst genommen von den Politikern?

Ich habe das Glück, dass ich glaubhaft auftreten kann. Es ist noch nie vorgekommen, dass jemand einfach weg gegangen ist. Meistens hören sie mir aufmerksam zu. Ausserdem nehmen mich die Politikerinnen und Politiker schon nur aus dem einfachen Grund ernst, weil ich im Bundeshaus bin. Denn das heisst, dass ich nicht einfach irgendjemand von der Strasse bin, sonst hätte ich gar keinen Zugang zur Wandelhalle.

 

Konntest du auch schon konkrete Erfolge verzeichnen?

Das ist das Traurige an der Politik. Selbst die Nationalräte sagen mir: “Du kannst hier oben nicht viel erreichen. Du kannst UNO-Generalsekretär sein, und trotzdem den Krieg in Syrien nicht beenden, auch wenn du noch so mächtig bist.” Politik ist langweilig, das ist nicht etwas, das du am Samstagabend mit deinen Kollegen machst. Gerade in der Schweiz unterliegt die Politik äusserst  langwierigen Prozessen. Deshalb kann ich nur mit viel Zeit etwas bewirken.

 

Warum engagierst du dich trotzdem in der Politik?

(unvermittelt) Weil ich dennoch etwas ändern will. Und selbstverständlich haben wir auch schon Erfolge erzielt, wie zum Beispiel mit der Motion zur Kinderprostitution.

 

 

*Kinderrechtskonvention


Die Kinderrechtskonvention der UNO verpflichtet die unterzeichnenden Staaten, sich für die Kinderrechte in ihrem Land einzusetzen. Alle Mitgliedstaaten der UNO haben die Konvention unterzeichnet, mit Ausnahme von Somalia, Südsudan und den USA. Die Schweiz hat die Kinderrechtskonvention 1997 ratifiziert.

 

Zur Person


Ersin Dincer ist 17 Jahre alt und kommt aus Egg im Kanton Zürich. Zurzeit absolviert er die Ausbildung zum Milchtechnologen im 2. Lehrjahr. Nebenbei engagiert sich Ersin in der Partei Junge Grüne Schweiz und bei Greenpeace. Seit Anfang dieses Jahres ist er für die Kinderlobby tätig.