Kultur | 12.12.2012

“Falls jemand den Sinn des Lebens gefunden hätte, hätten wir das sicher gemerkt”

Text von Samira Marti | Bilder von Manuel Kuhn
Während wir im Beitrag von letzter Woche die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften als Ganzes in den Mittelpunkt gerückt haben, sollen in dieser Woche Slammerinnen und Slammer im Zentrum stehen.
Während Slammerinnen und Slammer in der letzten Woche noch im Schatten ihres eigenen Anlasses standen, erhalten sie diese Woche auf Tink.ch den gebührenden Platz. Hazel Brugger war eine von wenigen Schweizer Vertreterinnen an den deutschsprachigen Meisterschaften. Die Noten wurden wie üblich vom Publikum vergeben.
Bild: Manuel Kuhn

Auffällig oft sprachen vor allem die jüngeren Teilnehmenden von der Verzweiflung angesichts der Komplexität der globalisierten Welt und die Resignation, die sich dabei einstellt.

 

Als ich ein Jahr alt war, lernte mir mein Vater gehen. Und trotzdem brauchte ich weitere zwanzig Jahre, um auf eigenen Beinen zu stehen.  Und dann steht man da und sieht sein Leben fröhlich an einem vorbeilaufen. – Moritz Neumeier

 

Denn nach zehntausend Jahren sind wir immer noch Uhrzeitmenschen, und wir müssen und müssen und müssen. Wir sind machtlos gegen die Rädchen der Zeit, und du rennst der Zeit davon. – Tes Fu

 

Es gibt so viele Dinge, die ich schon immer mal tun wollte. Wenn die Leute am Morgen alle in den Zug drängen, möchte ich schreien: “Keine Angst, wir passen alle hier rein, ich habe gehört, der Zug sei innen hohl!” Und die Ampel wird auch nicht schneller grün, wenn ich die ganze Zeit auf den Knopf drücke. – Tom Schildhauer

 

Was ist die Hauptstadt von Frankreich? Geometrie war noch nie mein Ding. – Tilman Döring

 

Der grösste Makel der Gesellschaft ist die Moral. Ich schalte RTL2 ein und denke: So krank kann doch kein Mensch sein! Und dann geh ich auf die Strasse und denke: Okay, es geht noch schlimmer. Ich sag mir immer, man muss einfach der sein, den man ist. Und dann kuck ich in den Spiegel und denke: Nein, lieber nicht. – Sushi da Slamfish

 

Wir schreiben immer nur zweite Auflagen, denn erste Worte fallen uns schwer. Denn die meisten Leute machen kleine Schritte, weil sie die Hosen voll haben. – René Sydow

 

“Und er stapelt Gabeln und Gabeln und Gabeln, bis er den Löffel abgibt”

Grundschule, Gymnasium, Studium und Arbeit bis zur Pensionierung. Lernst du noch oder lebst du schon? Unsere westliche Leistungsgesellschaft hinterfragt sich inmitten des hektischen Alltags viel zu selten. Seitenlange To-Do-Listen, permanente Erreichbarkeit – Max Webers “Geist des Kapitalismus”, der unsere Gesellschaft beherrscht, muss mit Sorge und Kritik beobachtet werden. Ein überaus amüsantes Liebeslied an die Arbeit, gehört an einer Vorrunde in Mannheim. Es lässt lächeln und zeigt einmal mehr, dass mit einer Portion Humor alles nur halb so schlimm ist.

 

Oh Arbeit, oh Arbeit, ich glaube, ich liebe dich. Du findest es geil, wenn ich zu früh komme, so früh wie es nur geht, und willst trotzdem, dass ich bleibe, bis nichts mehr steht. Meine Brille ist nicht rosarot, sondern ultraviolett. Würde ein Konjunktiv, aber Arbeit nicht. Du bist der Grund, warum ich nicht an Gott glaube, denn er hat nur sechs Tage gearbeitet. Oh Arbeit, du hast nie deine Tage, ausser am Tag der Arbeit. – Robin Mesarosch

 

“Typen wie ich lieben Typen wie mich”

Trotz Globalisierung, Kapitalismus, Steuerstreit, Klimawandel, Leistungsgesellschaft – die Liebe ist ein generationenübergreifendes Mysterium, die Poeten und Poetinnen inspiriert. Zwischen höchster Euphorie und tiefster Verzweiflung, ob aussichtslos oder hoffnungsvoll, ob erwidert oder nicht, die Bühne gehört dem Authentischen. Ob vierzig oder achtzehn Jahre alt, die Gedanken und die Verwirrungen bleiben dieselben.

 

Ich nahm mein Herz und verschenkte es gratis auf dem Jahrmarkt. – Tobias Gralle

 

Wir sitzen im Café und spielen Schach mit unseren Worten. Nach dem ersten Zug bitte ich um Zeit, ringe mit der Entscheidung. Wir sind nicht Herr der Lage, die Lage ist Herr von uns. Das erste Mal haben wir uns verrannt, das hat Spass gemacht. Und nun versuchen wir es ein zweites Mal, mit weniger Ziel und mehr Elan. Aber bei diesem Schachspiel werden beide verlieren, Ich das Du, Du das Wir. Ich habe die Hoffnung auf ein drittes Mal, du weinst und verneinst. Und wir sitzen im Café und spielen Schach mit unseren Worten. – Manuel Thielen

 

Ein Tag wie jeder anderer, obwohl jeder ein anderer ist. – Sven Gotze

 

Sag mir Bescheid, wenn du mich liebst. Ich liebe dich. Aber ich kann’s dir nicht versprechen. Vor dir habe ich mich immer versprochen. Ich habe mich dir schon immer versprochen. Liebe macht blind, denn ich hab eine gute Fantasie. Und wie paradox ist es eigentlich, in Luftschlösser unterzutauchen? Wenn du vor Wegen stehst, von denen keiner deiner ist, dann bin ich da, weil du meiner bist. – Sulaiman Masomi

 

“Doch irgendwann fickt das Leben uns alle, und das Leben mag es hart”

Nun, man mag es primitiv nennen. Ist es vielleicht auch. Doch ist das schlimm? Manchmal tut es einfach gut, zu lachen. Obwohl oft kritisiert: Diese raue, bittere Sprache, die es schafft, schwere Inhalte auf eine sarkastische und unterhaltsame Art und Weise zu thematisieren, ist eine Kunst für sich. Und diese soll durch einige treffende Zitate gewürdigt werden.

 

Auf Jesus scheiss ich nicht, den einen oder anderen freut’s, denn der ist zwar ziemlich dünn, aber hat ein breites Kreuz. – Florian Wintels

 

Diese Salbe wird ihrer Hand wieder auf die Beine helfen. – Daniel Wagner

 

Seit ich mehr schreibe, onaniere ich weniger. Wobei, das ist ja auch nur herumgewichse. – Tilman Döring

 

Was wäre wohl geschehen, wenn die Frauen früher selbst gedacht hätten? Ich behaupte, die Atombombe wäre nie erfunden worden. Ich behaupte sogar, der zweite Weltkrieg hätte nie stattgefunden, denn der Adolf wäre nämlich zu Hause geblieben und hätte die liebe Eva bekocht. Die Kochbücherwelt wäre dann sicher um einiges erweitert worden, man denke nur mal an den Bestseller “Mein Mampf”. – Hazel Brugger

 

 

Aber ich scheiss’ auf Ehrlichkeit, ich will, dass es wirklich so ist. – Peter Janick

Links