Kultur | 05.12.2012

Ein Abend voller Melancholie

Text von Chiara Nauer | Bilder von Matthias Käser
Die schwedische Band First Aid Kit trat am Freitag im Berner Dachstock auf. Im Konzertsaal blieb es dabei eher ruhig, einzig die Band selbst hatte zwischenzeitlich ihren energetischen Ausbrüche.
Johanna am Keyboard: Könnte man diesem engelhaften Wesen lautes Geschrei zutrauen? Klara an der Gitarre: Wie wohl ihre Welt aussieht, in der sie versunken ist. Versteinerte Gesichter an einem Freitagabend im Dachstock: Was ist da schief gelaufen?
Bild: Matthias Käser

Es ist etwa neun Uhr abends und eine junge Frau mit schwarzem, krausen Haar steht auf der Bühne. Niemand kennt ihren Namen. Sie versucht das noch knappe Publikum mit ihrem Multitasking zu überzeugen. Nicht nur Piano, sondern auch Gitarre und eine gute Stimme zählt zu ihrem Repertoire. Trotzdem findet sie nur wenig Zuneigung. Das liegt vielleicht an der Ruhe ihrer Musik, die fast ein bisschen zu ruhig ist.

 

Schweden macht Stimmung

Nach einer knappen Stunde ist der Raum rappelvoll und es wird klar, dass First Aid Kit wohl nicht mehr lange auf sich warten lässt. Im Vorverkauf wurden rund 500 Tickets verkauft, was den Dachstock jedoch nicht überfüllen lässt. Das heisst, dass eine Menge Interessierter sich trotz der Kälte zur Abendkasse zwängt und dem Konzert schliesslich das Label «Ausverkauft« verpasst.

 

Zurück zu der schlecht beleuchteten Bühne, wo nun zwei Schwedinnen hinter dem Vorhang hervortreten. Sie gehen direkt zu ihrem Piano und der Gitarre, die in einen Meter Abstand von einander stehen und beginnen mit dem Konzert. Am Ende des zweiten Liedes begrüsst Johanna, die Ältere der beiden, die Zuschauenden und versucht ein bisschen Stimmung zu machen nach den ersten langsamen Stücken.

 

Den Mädchen im Publikum gefällt es anscheinend. Unter ihnen sieht man auch Männer, jedoch treten diese eher als Begleitung auf. Erstaunlicherweise hat es dafür ältere männliche Wesen, die sich in die vordersten Reihen gequetscht haben und voller Elan und mit geschlossenen Augen mitsingen.

 

Tempowechsel über das Schlagzeug

Mit sanften Klängen geht es weiter. Johanna und Klara werden vom Schlagzeug begleitet. In mitten ihrer Darbietung wird das Spiel etwas schneller und lauter, so dass sich sogar das Publikum etwas bewegt. Jedoch ist das Spektakel nach zwei Liedern schon wieder vorbei und die Ruhe und Melancholie findet erneut ihren Ehrenplatz.

 

Obwohl es zu der Stimmung im Raum und der Musik wunderbar passen würde, werden kaum Feuerzeuge in die Luft gestreckt. Auch beim Mitsingen halten sich die Anwesenden im Zaum – und mit dem Tanzen erst recht.

 

Klara bittet um Ruhe

Plötzlich bittet die 19-jährige Klara um absolute Stille. Auch die an der Bar sollten doch kurz ihre anregenden Gespräche einstellen, so die Sängerin.  Ihr Wunsch wird sofort befolgt und so können die Blondine und die Brünette auf der Bühne mit Ghost Town loslegen, das sie Acapella vorsingen. Ohne Mikrofon, nur zwischendurch hört man sanfte Gitarrensaiten. Sie singen das Stück einwandfrei und ihr Potenzial kommt zum Vorschein. Es kommt sehr selten vor, dass Künstler damit angeben können, vor Publikum ohne musikalische Begleitung ein Stück vorzutragen.

 

Brav, braver, aber nicht Johanna

Aus dem nichts beginnen die Schwestern und der Schlagzeuger auszuflippen und wie wild auf ihre Instrumente einzuschlagen. Ganz schön ungewohnt für diese zwei braven Mädchen. Auf einen Schlag wird es wieder stockdunkel, was dem Dachstock etwas Mystisches verleiht. Der perfekte Anfang für das wohl bekannteste Stück “Lion’s Roar”, das den selben Namen trägt wie das neuste Album der jungen Damen. Die blondhaarige Johanna geht ganz schön ab. Während des Refrains headbangt sie und spielt zur selben Zeit das Piano. Ihre jüngere Schwester verzieht währenddessen wie immer kaum ihr Gesicht und zupft auf ihrer Gitarre rum. Zum Ende des Liedes bedanken sich die zwei und gehen mit dem Schlagzeuger von der Bühne.

 

Folk trifft Heavy Metal

Ihr Zurückkommen mit lautem Geschrei von Johanna à  la Heavy Metal ist ein bisschen verwirrend. Die Begeisterung des Publikums hält sich in Grenzen und steigert sich erst, als Klara das Lieblingslied der Schwestern ankündigt. Es heisst “America”, das Original stammt von Simon and Garfunkel. First Aid Kit haben es bereits beim Polar Music Prize dargeboten. Das ist der inoffizielle Nobelpreis der Musik, er wird vom schwedischen König verliehen. Die Zuhörer sind aus dem Häuschen. Die Zwei sind in ihrer eigenen Welt versunken und vermitteln einem das Gefühl von Geborgenheit, was an ihrer Ausstrahlung liegen könnte. Um mit Schwung das Konzert zu beenden, bringen sie zu guter Letzt ein Lied, das sehr schnell ist. Jedenfalls für ihre Verhältnisse. Und die Mädchen im Dachstock zeigen, dass sie eigentlich doch tanzen könnten.