Gesellschaft | 17.12.2012

Bringt Liebe in die Welt

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katharina Good
In wenigen Tagen geht die Welt unter, heisst es vielerorts. In der Serie "Das Ende ist nah" haben wir eine Löffelliste abgearbeitet und jeden Monat etwas getan, das man vor dem Ende der Welt erlebt haben sollte. Hier nun das zwölfte und letzte "To Do".
Ein bisschen Liebe vor dem Weltuntergang darf's noch sein.
Bild: Katharina Good

Was sind die zwölf Dinge, die ein Mensch in seinem Leben unbedingt gemacht haben sollte? Es ist gar nicht so einfach, solch eine Liste zusammenzustellen. Vor allem, wenn man bei der Nummer zwölf angekommen ist. Etwas letztes, das man vor dem Weltuntergang getan haben muss. Nach reichlichem Überlegen und Listen erstellen bleibt nur eine Sache übrig: Ich muss Liebe verteilen.

 

Fremd und doch ganz nah

Mit einem Pappschild in der Hand stehe ich am Hauptbahnhof. Auf der einen Seite steht in Grossbuchstaben „FREE HUGS“, auf der anderen „GRATIS UMARMUNG“, für alle Menschen ohne Kenntnisse der englischen Sprache. Um die Buchstaben schlingen sich Blumenranken, Luftballons und Herzchen. Ich fühle mich wie ein Hippie. Und dazu noch ziemlich unwohl, denn viele Leute mustern mich mit abfälligen Blicken. Doch plötzlich fällt mir jemand in die Arme. Ohne ein Wort zu sagen geht er nach der Umarmung wieder seinen Weg. Viele andere folgen, ich umarme zahlreiche Frauen, Männer und Kinder. Und ich werde umarmt. Es gibt kurze, lange, innige, oberflächliche, kurz gesagt zig Formen der Umarmung. Eines haben sie alle gemeinsam. Irgendwie machen sie die Menschen ein bisschen wärmer, ein bisschen freundlicher, ein bisschen lächelnder.

 

 

Ein schwieriges Geständnis

Nachdem ich nun ganz viel Fremde mit Zuneigung beglückt habe, stelle ich mich einer schwierigeren Aufgabe. Vor dem Weltuntergang möchte ich den mir wichtigen Menschen in meinem Umfeld sagen, wie sehr ich sie mag. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Man ist so verletzlich, wenn man seine Gefühle offenbart. Und doch sollte man dieses Wagnis eingehen. Denn obwohl ein Freund oder Familienmitglied vermuten kann, dass ich es gerne habe, ist die Aussprache einer Tatsache etwas anderes als eine blosse Vermutung. Ausserdem tut es so gut, den Satz „Ich mag dich“ zu sagen. Er zaubert ein Strahlen auf die Gesichter, wie man es sonst selten sieht.

 

Die Weltverbesserer?

Mir ist klar, dass ich mit den Worten „Ich mag dich“ oder einer Gratis-Umarmung die Welt nicht wirklich verändere. Beides hilft weder gegen Hunger noch gegen Arbeitslosigkeit oder Krankheiten. Aber diese Worte und Taten bewirken, dass sich ein Mensch besser fühlt. Wenn nur ein einziger der hundert Umarmten gute Laune gekriegt hat, war es das wert. Wenn sich nur schon einer meiner Freunde wegen meinem Satz ein kleines Bisschen besser fühlt, ist es das wert. Und ich kann beruhigt am Abend des 20. Dezember schlafen gehen. Denn durch die gezeigte Zuneigung ist die Welt ein kleines Bisschen liebevoller geworden. Und ich habe meinen Frieden gefunden.

 

 

Zur Serie


 

Dieser Artikel ist der zwölfte aus der Serie „Das Ende ist nah“. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 21. Dezember (vielleicht) untergeht.