Gesellschaft | 12.12.2012

Artikel, Gebühren und fast leere Batterien

Weitere zwei Monate sind vergangen, ein weiterer Brief wurde vom Postboten überbracht. Warum er 115 Franken dafür haben wollte, was der Inhalt des Briefes war und ob der Weg zur Schweizerin nun zu Ende ist im Teil sieben der Serie "Ich lasse mich einbürgern".
Unsere Autorin will sich gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man der deutschen Sprache nicht so sehr mächtig ist. Symbolbild: Katharina Good

Es ist, als würde ich in einem ewigen Kreislauf feststecken. Ein Brief kommt, ich überweise eine Menge Geld, ich warte, es landet wieder ein Papierstapel im Briefkasten, ich fülle den Einzahlungsschein aus und so weiter. Doch wofür ist das Geld? Wieso dauert das so lange? Wie viel Zeit und Geld werde ich noch in meine Einbürgerung investieren müssen?

 

Ein freundlicher Brief

Als ich den Brief öffne springt mir zuerst die fett gedruckte Betreffzeile und eine Geldsumme ins Auge: “Ordentliche Einbürgerung Art. 13 BüG (Gebühr: CHF 100.00)” steht da. Aha. Der Postbote wollte aber 115 Franken von mir haben. Ich kenne weder das BüG, noch den Artikel 13 daraus, noch weiss ich, weshalb ich 115 Franken bezahlen musste, obwohl da nur 100 Franken verlangt werden. Eine Antwort auf die Frage, wo die restlichen 15 Franken hingeflossen sind, werde ich wohl nie erhalten. Weiter im Brief schreibt das Bundesamt für Migration (BFM), dass sie sich freuen, mir die eidgenössische Einbürgerungsbewilligung zuzustellen. Ich freue mich auch.

 

Bis ich den nächsten Abschnitt lese: “Gleichzeitig machen wir Sie darauf aufmerksam, dass es sich noch nicht um die definitive Einbürgerung handelt, sondern dass Sie mit dieser eidgenössischen Einbürgerungsbewilligung das Verfahren bei Ihrem Wohnkanton bzw. bei Ihrer Wohngemeinde fortsetzen können.” Aha. Auf Deutsch übersetzt heisst das, dass der Bund dem Kanton nun die Erlaubnis erteilt hat, das dieser darüber nachdenken darf, ob er mich einbürgern will. Dann werde ich in einem letzten Satz freundlich darauf hingewiesen, dass das Verfahren für das BFM nun abgeschlossen ist und ich mich mit Fragen ja nicht an sie wenden soll.

 

Vom Antragsteller zum Bürokraten?

Da ich sowieso wieder einmal warten muss – auf den nächsten Brief, auf die nächste Rechnung, auf das blaue Kärtchen – sehe ich mir den beiliegenden Wisch genauer an. Darauf befindet sich sowohl der Antrag meines Kantons an den Bund wie auch dessen Bewilligung. Unterschrieben haben beide Male Menschen mit unidentifizierbar ausländischen Namen, was mich irgendwie schmunzeln lässt. Vielleicht werde ich ja auch einmal für das Bundesamt für Migration oder für die kantonale Einbürgerungsbehörde arbeiten, wer weiss. Vermutlich fanden diese beiden Menschen ihre eigene Einbürgerung so schlimm, dass sie sich geschworen haben, in diesem Apparat mitzuarbeiten um anderen das Ganze angenehmer zu machen. Geklappt hat das noch nicht ganz, ist dieser Prozess doch sehr zermürbend.

 

Obwohl ich als junge Deutsche mit Matura nicht wirklich daran zweifle, dass ich irgendwann das blaue Kärtchen mit dem roten Wappen besitzen werde, kostet diese Einbürgerung mehr Energie als zu Anfang gedacht. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das für Menschen sein mag, die unsere Sprache nicht ganz verstehen oder die aus einer Kultur ohne Bürokratie kommen. Für die Menschen, die Angst haben, wieder gehen zu müssen. Also lehne ich mich zurück, danke dem lieben Gott für die vielen Privilegien, die er mir geschenkt hat und warte. Der nächste Brief kommt bestimmt.

 

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist zwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Dies ist der siebte Teil dieser Serie.