Kultur | 13.11.2012

Zwei Geschichten

Text von Michael Scheurer | Bilder von Matthias Käser
Nicht nur in Deutschland ist sie umstritten, die Ausstellung zur arabischen Version des Unabhängigkeitskriegs rund um 1948. Auch Alain Pichard hat im Bund vom zweiten November ein vernichtendes Urteil über die Ausstellung und dessen Organisation gefällt.
Einfache Plakate bilden den Kern der Ausstellung.
Bild: Matthias Käser

“Al-Nakba” ist das arabische Wort für “Die Katastrophe”. Es beschreibt die Katastrophe der Vertreibung von mehr als 700’000 Palästinenser und Palästinenserinnen. Es ist die Katastrophe von Frauen, Männern und Kindern. Dabei hat die Geschichte nicht als Katastrophe begonnen.

 

Ein jüdischer Staat

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Idee eines jüdischen Staates erstmals öffentlich diskutiert. Stets getrieben durch die politisch schwierigen Situationen jüdischer Gemeinschaften im zaristischen Russland und in anderen europäischen Ländern, konkretisierte sich die Idee eines jüdischen Staates. Die Ausstellung zeigt entlang von Fakten, Zahlen und historischen Quellen die Geschichte von der Idee eines jüdischen Staates bis zur heutigen, bedenklichen Situation von Palästinensern und Palästinenserinnen auf der ganzen Welt.

 

Teilungsplan

Die Resolution 181 der UNO 1947 war die vielleicht folgenschwerste der Geschichte. Sie sah eine Trennung des Gebietes, die bis dahin Mandat des vereinten Königreiches und früheres Palästina war, in einen israelischen und palästinensischen Staat vor. Bis zu diesem Zeitpunkt sei es eine mehr oder weniger gemeinsame Geschichte, wie den Informationsplakaten der Ausstellung zu entnehmen ist. Doch die arabische Seite war nicht gewillt, den Uno-Teilungsplan anzuerkennen. Ein umstrittener Punkt, bis heute. Aber durchaus nachvollziehbar. Während die arabische Bevölkerung zum Zeitpunkt des Teilungsplans ungefähr zwei Drittel aller Einwohner Palästinas ausmachten, sollte sie nur einen Bruchteil des Landes erhalten.

 

Zwei Geschichten

Am 14. Mai 1948 endete das britische Mandat für Palästina und noch am selben Tag rief Ben Gurion den israelischen Staat aus. Als Antwort darauf fielen Ägypten, Transjordanien, Syrien, Irak und Libanon in Palästina ein. Doch Israel war den arabischen Soldaten militärisch weit überlegen. “Und genau hier beginnt nicht nur der erste arabisch-israelische Krieg, sondern es ist auch der Anfang zweier verschiedener Geschichtsschreibungen”, erklärt Elisabeth Lutz, Mitglied der zwölfköpfigen Planungsgruppe der Ausstellung.

 

Nur eine Geschichte

Iren Meier, Redaktorin bei DRS und Nahostkorrespondentin bis 2012 beschreibt diese eine Geschichte der Katastrophe an der Ausstellungseröffnung im Kornhausforum eindrücklich. Die nicht endende Geschichte von Flüchtlingslagern, Perspektivenlosigkeit und Unterdrückung des palästinensischen Volkes. Ihre Erfahrungen sprechen Bände wenn sie erzählt: “Mädchen, deren Gesichter unter dem Kopftuch viel zu ernst und zu alt wirkten, junge Männer, die auch in diesem Tag wie den unzähligen vergangenen, weder Sinn noch Perspektive erkennen konnten. Gott sei Dank, in ein paar Stunden kann ich hier wieder raus.”

 

Einseitige Darstellung

Die Nakba-Ausstellung präsentiere ein verzerrtes Geschichtsbild und lasse deren einseitige Informationen auf ahnungslose Berner Schulkinder herunterprasseln, lautete die Kritik im Bund. Zudem sei ein Angebot an einem der Podien teilnehmen zu dürfen von der Gesellschaft Schweiz-Israel abgelehnt worden. Elisabeth Lutz, bereits bei einem Menschenrechtsbeobachtungseinsatz im Westjordanland und weiteren Aufenthalten mit dabei, widerspricht vehement: “Abgesehen davon, dass der Artikel mit grosser Wahrscheinlichkeit bereits vor der Ausstellungseröffnung geschrieben worden ist, wurde die Gesellschaft Schweiz-Israel bereits im Juli für eine Podiumsteilnahme angefragt.” Das Angebot sei jedoch aus terminlichen Gründen ihrerseits abgelehnt worden und dann einen halben Tag vor Ausstellungsbeginn einer solchen Anfrage statt zu geben, sei ja kaum möglich.

 

Auch die Einseitigkeit der Ausstellung lässt Lutz nicht gelten. “Wir geben einer Geschichte Raum, die bis heute kaum erzählt worden ist. Die Version aus zionistischer Sicht ist ja bekannt.” Es sei indes nicht nur eine Geschichte, sondern – und das betont die pensionierte Lehrerin besonders – eine Ausstellung auf einer Basis schwer zu widerlegender Fakten. “Die Informationen sind Resultat zahlreicher, wissenschaftlicher Forschungen, an denen unter anderem auch israelische Wissenschaftler mitgearbeitet haben.”

 

Unumstritten ist bisweilen aber die ausweglos scheinende Situation in den betroffenen Gebieten. Ungerechtigkeiten, Hass und Auseinandersetzungen auf beiden Seiten zeigen jeden Tag von neuem ihr hässliches Gesicht. Wie die Antwort auf die Frage nach einem Ausweg lautet? Wer sich mit der Ausstellung auseinander setzt, wird mit Sicherheit nicht die ganze, aber einen Teil einer Antwort finden.