Gesellschaft | 07.11.2012

Vom Neonazi zum Pastor

Text von Sofia Khomenko/mokant.at | Bilder von zvg/Viva
Der ehemalige Neonazi sass fünf Jahre im Gefängnis, weil er einen Mann tot geprügelt hatte. Heute ist er Pastor und hat den Ausstieg aus der rechtsextremen Szene geschafft.
Johannes Kneifel hat den Ausstieg aus der Neonazi-Szene geschafft.
Bild: zvg/Viva

Johannes Kneifel war schon ganz unten. Fünf Jahre sass er im Gefängnis, nachdem er und sein Freund einen Mann zu Tode geprügelt hatten. Damals war Kneifel noch bekennender Neonazi – und hätte seinen Freund aus Kameradschaft nie infrage gestellt. Kameradschaft war viel wert in seinem rechtsextremen Freundeskreis, genauso wie Stolz und Kampfbereitschaft. Ausländern begegnete Johannes Kneifel mit Hass und Gewalt und den Holocaust fand er gut.

 

Heute schämt Kneifel sich für seine rechtsextreme Vergangenheit. In Haft ist er religiös geworden und arbeitet mittlerweile als Pastor. Aber wie ist so ein Wandel möglich? Das hänge zusammen mit den Haftbedingungen, meint Kneifel. „Mit der Zeit wurden Ausländer zu meinen besten Freunden im Gefängnis. Ich habe meinen Rassismus schon nach ein paar Wochen abgelegt.“ In einem sehr persönlichen Gespräch gibt er Einblicke in die Gedankwelt der Rechtsextremen. Kneifel spricht über Schuld, seine Jugend und den steinigen Weg nach oben.

 

mokant.at: Wie sind Sie zur Neonazi-Szene gekommen?

Johannes Kneifel: Über den Freundeskreis. Ich habe die Schule gewechselt und keinen Anschluss gefunden. In meiner Familie war es sehr schwierig. Ich habe dann Jugendliche kennengelernt, die rechts denkend waren und rechte Musik gehört haben. Mit denen habe ich meine Freizeit verbracht, viel Alkohol getrunken. Durch die habe ich ein paar Skinheads kennengelernt und mich auch mit denen angefreundet.

 

Was hat Sie zu gerade zu diesen Leuten hingezogen?

Im Nachhinein seh ich, dass da ein paar Sachen waren, die zu den Bedürfnissen, die ich damals gehabt habe, gepasst haben. Meine Eltern sind beide schwer körperlich behindert, es war alles sehr schambesetzt. Ich habe mich damals für alles sehr geschämt. In der Neonazi-Szene habe ich das erste Mal etwas bekommen, worauf ich stolz sein konnte. Stolz war ein sehr großes Thema: Stolz Deutscher zu sein, Stolz Weißer zu sein. Mit den Skinheads habe ich auch sehr viel gefeiert, was ein großer Unterschied zu meinem Leben vorher war, das sehr depressiv gewesen ist. Meine Eltern haben ihr persönliches Schicksal sehr resignativ wahrgenommen. In der rechten Szene herrschte Kampfbereitschaft: Wenn man Probleme gesehen hat, hat man nicht resigniert, sondern ist die Probleme angegangen. Außerdem hat mir imponiert, dass Kameradschaft groß geschrieben wurde, wir waren füreinander da. Ich hatte vorher keine Freunde und hatte das nicht gekannt.

 

Also zunächst waren es die Bedürfnisse nach Stolz und Zugehörigkeit, die Sie in die Szene geführt haben?

Genau. Andere Dinge haben sich dann entwickelt. Dadurch, dass ich in der Szene drin war und auch als Skinhead rumgelaufen bin, hatte ich permanent Streit mit Ausländern. Ich habe Ausländer nur in Streit- oder Prügeleisituationen kennengelernt und dadurch Ausländerhass entwickelt. Ich habe immer mehr gedacht, die Leute ausserhalb der Szene seien meine Feinde. Ich war in einem Alter, wo ich über vieles nicht so reflektiert gedacht habe, wie ich es heute kann. Für die Probleme, die ich hatte, habe ich Lösungen der Nazis als praktikable Lösungen gesehen. Bei Schlägereien mit Ausländern hatte ich das Gefühl, vom deutschen Staat nicht geschützt zu werden. Dass die Nazis versucht hatten, alle Ausländer umzubringen, erschien mir damals wie eine gute Lösung. Ich habe solche Sachen rein logisch gesehen. Zu meiner Gefühlswelt hatte ich keinen Zugang, Mitgefühl habe ich nicht gekannt. Dass man so nicht mit Menschen umgehen kann, hab ich erst später gelernt.

 

Haben Sie Rassismus erst dann entwickelt, nachdem Sie schon in der Szene waren?

Ja, der ist eigentlich erst gekommen, als ich in der Szene war. Ich bin nicht in die Szene gekommen, weil ich Rassist war. Die Dinge, die mir meine Freunde über Ausländer erzählt hatten und meine Erfahrungen, die ich dann auf der Strasse bei Prügeleien gemacht habe, haben dazu geführt, dass sich Rassismus immer mehr entwickelt hat.

 

Haben Sie wirklich daran geglaubt, dass die Deutschen besser sind, als andere?

Ja. Das hört sich komisch an, aber es war mein Weltbild. Ich habe mich in meiner damaligen Situation sehr benachteiligt gefühlt. Wir hatten kein Geld zu Hause, keine Möglichkeiten. Im Vergleich zu den Menschen um mich herum, habe ich immer schlechter abgeschlossen. In der Szene wurde mir dann gesagt: du bist nicht schlechter, als die anderen, du bist besser. Das wollte ich damals glauben.

 

Welche Rolle spielte Antisemitismus?

Antisemitismus war ein großes Thema, wobei wir keinen persönlichen Kontakt zu jüdischen Mitbürgern hatten. Es ist erstaunlich, was alles an Verschwörungstheorien zirkuliert. Ich hatte damals das Gefühl, dass von dem, was der deutsche Staat ausgibt, nicht viel bei mir ankommt. Ich habe mich sehr ungerecht behandelt gefühlt. Dass ich in Armut lebe, aber Steuergelder dafür verwendet werden, um den Staat Israel zu unterstützen. Es wurde auch gesagt, dass Juden sehr grossen Einfluss haben und viel dazu beitragen, dass es den Deutschen nicht gut geht.

 

Haben Sie sich in der Schule mit dem Holocaust beschäftigt?

Wir haben uns in der Schule mit Nationalsozialismus beschäftigt. Aber bei mir ist damals nur angekommen, dass ich mich heute als Deutscher für das schämen soll, was damals passiert ist. Ich habe mich zu dieser Zeit sowieso schon für alles Mögliche geschämt und wusste nicht, warum ich mich auch noch für etwas schämen soll, womit ich überhaupt nichts zu tun habe. Unsere Lehrer haben uns nicht wirklich vermittelt, was die Zeit damals mit der Zeit jetzt zu tun hat und was für Schlüsse wir daraus ziehen sollten. Im Gegenteil: mich hat das Militärische fasziniert, ich habe alles auf einer rein technischen Ebene gesehen. Mitleid kannte ich nicht, dass das alles mit Tod, Leid und Zerstörung zusammenhängt, habe ich nicht gesehen.

 

Haben Sie Filme über KZs gesehen?

Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Fotos waren in den Geschichtsbüchern schon drinnen.

 

Haben Sie, wenn Sie die Fotos gesehen haben, nichts empfunden?

Ich habe damals tatsächlich kein Mitleid empfunden.

 

Warum nicht?

Hmm … naja … das lag auch daran, dass ich damals in meinem Leben sehr grosse Probleme hatte und dass für mich die Probleme von anderen Menschen viel zu weit weg waren. Ich war schon mit meiner Situation total überfordert.

 

Welche Verbindung gab es zwischen dem Nationalsozialismus damals und der Neonazi-Szene, in der Sie waren?

Es war nicht eins zu eins übernommen, aber es waren einige Sachen, die wir auch wollten. Wir haben den Nationalsozialismus rosarot gesehen, zum Beispiel dass Hitler die Arbeitslosigkeit auf Null reduziert hatte. Das wollten wir auch, in der Szene waren auch einige Leute davon betroffen. Wir hatten uns auch gewünscht, dass Deutschland wieder eine Weltmacht wird, die Weltherrschaft übernimmt. Vernichtungsprogramme waren auch … irgendwo eine Sache … die wir uns gewünscht hatten. Wir hatten das Gefühl, dass wir mit der Ausländerproblematik mit unseren Möglichkeiten nicht fertig werden.

 

Das heisst, Sie haben die Massenvernichtung zur Zeit des Nationalsozialismus befürwortet?

Ja, klar. Das hat nach aussen nicht jeder zugegeben. Aber so wie ich die rechte Szene erlebt habe, war es so, dass der Holocaust nicht geleugnet worden ist, sondern verherrlicht. Es gab auch die Idee, dass, wenn wir an die Macht kommen würden, wir mit den Ausländern genauso umgehen würden.

 

Wie geht es Ihnen jetzt damit, dass Sie mal so gedacht haben?

Ich schäme mich heute dafür. Auf der anderen Seite war ich damals mit meiner Lebenssituation völlig überfordert und habe mich in bestimmte Sachen reingeflüchtet, weil ich nicht anders damit umgehen konnte. Ich habe jetzt dazugelernt, ganz bewusst ein anderes Welt- und Menschenbild angenommen und bin froh darüber, dass ich diesen Umdenkprozess durchmachen konnte.

 

Ist die Tatsache, dass Sie mit Ihrer Lebenssituation überfordert waren, eine Rechtfertigung?

Nee, eine Rechtfertigung ist es nicht. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben. Ich habe durch mein Studium viel über Psychologie und Soziologie gelernt und kann es ein Stück weit erklären, ohne es entschuldigen zu wollen.

 

Warum sind Sie damals ins Gefängnis gekommen?

Ich war mit meinem besten Freund, der auch in der rechten Szene war, zusammen. Wir hatten Alkohol getrunken und viel Langeweile. Er stand kurz davor ins Gefängnis zu gehen, ihm war alles scheissegal. Ob er jetzt noch einen mehr oder weniger schlug, spielte keine Rolle. Er hatte Streit mit einem Mann aus dem Ort wegen seiner politischen Einstellung. Wir hatten dann diese bescheuerte Idee, dort hinzugehen ohne genauen Plan, was wir eigentlich tun wollten. Wir haben die Tür eingetreten, sind in die Wohnung gegangen, haben gleich zugeschlagen und zugetreten. Ich hab die Situation damals gar nicht richtig eingeschätzt und dachte bis zum Schluss, dass es eine Körperverletzung war. Am nächsten Tag wurde ich wegen versuchten Totschlags verhaftet. Beim Haftrichter hab ich dann erfahren, dass ich jetzt ins Gefängnis muss.

 

Was haben Sie sich gedacht in dem Moment?

Für mich ist die Welt zusammengebrochen. Zum einen konnte ich mir nicht erklären, wie er gestorben sein konnte und zum anderen war mein ganzes Leben vorbei. Es war ein wahnsinniger Schock. Ich musste damit klarkommen, dass mir vorgeworfen wurde, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben.

 

Haben Sie die Tat gleich bereut oder standen mehr die Gedanken über das eigene Leben im Vordergrund?

Bereut habe ich es sofort, was aber auch damit zusammenhing, dass es massive Konsequenzen für mein eigenes Leben hatte. Mir war klar, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Aber mir ging mein eigenes Schicksal erstmal näher, als das, was ich jemand anderem angetan hatte.

 

Warum?

Das sagen vielleicht nicht alle, wenn man sie fragt, aber wenn man sich im Gefängnis mit Leuten unterhält und die ehrlich sind, dann denkt jeder erstmal an sich. Dass man realisiert, was das auch für andere bedeutet, kommt erst später.

 

Zu mokant.at


Das Interview wurde in unserem österreichischen Partnermagazin mokant.at publiziert und entstand aus einer Zusammenarbeit mit dem TV-Sender Viva. Der zweite Teil des Interviews erscheint auf Tink.ch nächste Woche.

Links