Gesellschaft | 13.11.2012

Vom Neonazi zum Pastor, Teil zwei

Text von Sofia Khomenko/mokant.at | Bilder von zvg/Viva
Der ehemalige Neonazi sass fünf Jahre im Gefängnis, weil er einen Mann tot geprügelt hatte. Heute ist er Pastor und hat den Ausstieg aus der rechtsextremen Szene geschafft.
Kneifel: „Wurde im Gefängnis zu einem selbstbewussten Menschen-œ
Bild: zvg/Viva

Johannes Kneifel war schon ganz unten. Fünf Jahre sass er im Gefängnis, nachdem er und sein Freund einen Mann zu Tode geprügelt hatten. Damals war Kneifel noch bekennender Neonazi – und hätte seinen Freund aus Kameradschaft nie infrage gestellt. Kameradschaft war viel wert in seinem rechtsextremen Freundeskreis, genauso wie Stolz und Kampfbereitschaft. Ausländern begegnete Johannes Kneifel mit Hass und Gewalt und den Holocaust fand er gut.

 

Heute schämt Kneifel sich für seine rechtsextreme Vergangenheit. In Haft ist er religiös geworden und arbeitet mittlerweile als Pastor. Aber wie ist so ein Wandel möglich? Das hänge zusammen mit den Haftbedingungen, meint Kneifel. “Mit der Zeit wurden Ausländer zu meinen besten Freunden im Gefängnis. Ich habe meinen Rassismus schon nach ein paar Wochen abgelegt.” In einem sehr persönlichen Gespräch gibt er Einblicke in die Gedankwelt der Rechtsextremen. Kneifel spricht über Schuld, seine Jugend und den steinigen Weg nach oben. Teil zwei des Interviews.

 

mokant.at: Was denken Sie mittlerweile über die Tat selbst? Jetzt wollen Sie ja, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird. Was erhoffen Sie sich dadurch?

Johannes Kneifel: Ich möchte Klarheit darüber haben, was damals passiert ist. Laut Gerichtsgutachten ist er nicht unmittelbar an den Folgen der Verletzungen gestorben, sondern an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben. Wenn andere Menschen auch Verantwortung dafür tragen, möchte ich, dass sie es zumindest zugeben.

 

Das ist keine Entschuldigung für das, was ich gemacht habe. Ich bin schuldig geworden vor Gott und vor meinen Mitmenschen. Es nicht so wichtig, zu wie viel Prozent ich verantwortlich bin. Es war der schlimmste und der folgenschwerste Fehler, den ich gemacht habe. Ich habe dafür auch die Verantwortung übernommen, habe einen hohen Preis gezahlt und meine Haftstrafe abgesessen.

 

Mir geht’s bei der Sache auch darum, dass ich damals ein Stück weit keinen fairen Prozess hatte, weil ich Neonazi war und alle wollten, dass ich ins Gefängnis gehe. Jeder Mensch hat einen fairen Prozess verdient. Man kann nicht einfach Leute, weil man deren Einstellungen nicht mag, vorschnell verurteilen. Wenn ich juristisch nicht für die Todesfolge verantwortlich sein sollte, dann möchte ich das auch als Urteil bekommen, weil das für mich heute noch gravierende Konsequenzen hat. Menschen wollen mir gar nicht begegnen, weil sie denken, dass ich jemanden umgebracht habe. Wenn ich nur für die Körperverletzung verantwortlich sein sollte, würde ich hoffen, dass es das Zusammenleben mit anderen Menschen erleichtern würde.

 

Jetzt hört man heraus, dass Sie vor allem an der Beziehung zu anderen Menschen interessiert sind. Aber für sich selber: wäre Ihre Schuld denn dann geringer?

Ähm…schon…ein Stück weit. Aber ich habe ja vorhin schon gesagt: ich weiß, dass ich schuldig geworden bin. Ich weiß, dass ich derjenige war, der sich falsch verhalten hat. Auch wenn andere auch Fehler gemacht haben, war ich letztendlich derjenige, der für die Verletzungen verantwortlich war. Für die Schuld habe ich meine Strafe abgesessen und ich habe auch von Gott Vergebung erfahren. Ich bin sehr froh darüber, dass ich Vergebung bekommen hab. Ich habe gelernt mit der Tat zu leben.

 

Sollte jede Tat vergeben werden?

Vergebung passiert nicht automatisch. Aber im christlichen Glauben ist es so, dass man Vergebung bekommen kann, wenn man Gott darum bittet.

 

Macht man es sich da nicht ein bisschen leicht?

Nee. Zu merken, dass man schuldig ist und Gottes Hilfe braucht, um die Schuld abzulösen,  ist ein Schritt, den viele Menschen auch gar nicht gehen können. Ich denke nicht, dass das ein einfacher Schritt ist. Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich an diesen Punkt gekommen bin.

 

Wie sind Sie zur Kirche gekommen?

Ich habe mich schon im Gefängnis mit Glauben beschäftigt. Ich habe viele Gespräche mit den Anstaltspastoren und mit Christen, die ehrenamtlich ins Gefängnis gekommen sind, geführt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Diese Menschen sind uns Häftlingen anders begegnet, als viele andere. Sie haben uns als Menschen gesehen und uns gesagt, dass jeder Mensch mit Gott ein neues Leben anfangen kann. Den Schritt hab ich dann auch irgendwann getan und bin selber Christ geworden.

 

Mir war klar, dass die Zeit nach dem Gefängnis keine einfache Zeit werden würde, dass es nicht einfach sein würde, Anschluss zu finden. Ich hatte die Hoffnung, dass ich in einer christlichen Gemeinde Menschen begegnen würde, die mir eine Chance geben. Ich habe Anschluss an diese freikirchliche Gemeinde gefunden, wo ich sehr warmherzig aufgenommen worden bin. Sie haben mich auch als Menschen gesehen, der auch Dinge kann. Sie haben mir Vertrauen geschenkt und mich gefördert, dass ich mich zur Entfaltung bringen konnte. Im Laufe der Zeit habe ich dann gemerkt, dass ich das nicht nur als Freizeitaktivität machen soll, sondern dass ich Theologie studieren soll. Ich weiß, dass das der richtige Weg für mich war.

 

 

Wenn wir zu Ihrer Zeit im Gefängnis zurückkehren: Wie konnte die Neonazi-Ideologie verdrängt werden?  Wie kann man sich Ihren Wandlungsprozess vorstellen?

Es war sehr schwierig. Das Gefängnis ist ein total problematisches Umfeld. Ich wollte nicht mehr mit Gewalt leben, aber ich habe bald gemerkt, dass der Alltag im Gefängnis von Gewalt geprägt ist. Wenn ich auf Gewalt verzichtet hätte, wäre ich permanent das Opfer gewesen.

 

Was aber für meine Veränderung sehr gut war: Im Gefängnis waren die meisten Leute Ausländer oder Leute mit Migrationshintergund. Dort hatte ich überhaupt keine Chance den Leuten aus dem Weg zu gehen, ich musste mit denen meinen Alltag gestalten, zusammen arbeiten, zusammen in den Häusern leben. Dadurch habe ich sie überhaupt erst als Menschen kennengelernt. Menschen, die nach wie vor ihre Macken hatten, aber auch ihre Stärken und ihre guten Eigenschaften, genauso wie jeder Deutsche auch. Mit der Zeit wurden Ausländer zu meinen besten Freunden im Gefängnis. Ich habe meinen Rassismus schon nach ein paar Wochen abgelegt. Ich habe gemerkt, dass es gar keine Unterschiede zwischen verschiedenen Nationalitäten gibt.

 

Aber ein wirklich neues Menschenbild, dass alle Menschen gleich viel wert sind, habe ich eigentlich erst bekommen, nachdem ich Christ geworden bin. Im Gefängnis gibt es andere Abstufungen: Sexualstraftäter stehen ganz unten, Junkies sind auch nicht so viel wert. Das Denken über den Wert des Menschen ist nicht automatisch besser, nur weil man nicht mehr Nazi ist. Meine Einstellung zur Demokratie und zum Staat zu ändern hat auch eine Weile gedauert, weil ich trotzdem den Staat als feindlich mir gegenüber erlebt habe. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar, dass wir ein solches Strafsystem haben. Ich bin dankbar dafür, dass ich trotz dieser Tat die gleichen Möglichkeiten habe, wie Menschen, die eine ganz normale Jugend hatten.

 

 

Wie war das mit ihrem eigenen Selbstwertgefühl im Gefängnis?

Unterschiedlich. Bei vielen Bediensteten war ich weniger wert, da war ich der Nazi-Mörder. Aber ich habe auch Erfahrungen gemacht, die mich sehr beeindruckt haben. Mein Ausbilder zum Beispiel hat immer gesagt, dass er uns nur danach beurteilt, wie wir uns auf der Arbeit benehmen und dass es ihm vollkommen egal ist, was in der Akte über uns steht.

Obwohl ich als Rechtsradikaler ins Gefängnis gekommen bin, bin ich Ausländern dort begegnet, die gesagt haben, dass wir draußen alle Fehler gemacht haben, alle Dinge getan haben, die uns hier reingebracht haben. Im Miteinander mit den Insassen bin ich danach beurteilt worden, was ich kann und wie ich denen begegnet bin. Ich bin eigentlich erst im Gefängnis ein selbstbewusster Mensch geworden.

 

 

Warum haben Sie dann beschlossen, sich einer christlichen Gemeinde anzuschließen? Gab es, weil Sie die eine

Ich war immer ein wertebewusster Mensch und habe nach Werten gesucht, nach denen ich mein Leben ausrichten kann. Aber letztendlich war es eigentlich nicht das Christentum an sich, weil ich zuerst auch lauter Forderungen gesehen habe, die ich nicht erfüllen konnte. Sondern es war die Erfahrung Gott zu begegnen, Gott als jemanden kennenzulernen, der es gut mit mir meint, der mir meine Schuld vergibt und mir inneren Frieden schenkt. Ich habe auch gemerkt, dass wenn ich mein Leben nach Gottes Willen ausrichte, es auch den Menschen in meinem Umfeld viel besser geht.

 

Jetzt möchte ich zeigen, dass Veränderung möglich ist. Dass auch Menschen, wie ich, Menschen, die so gedacht haben, wie ich, sich ändern können. Dass es wichtig ist, Leuten eine neue Chance zu geben. Ich hätte den Weg nicht gefunden, wenn ich nicht Menschen gehabt hätte, die mir Vertrauen entgegen gebracht haben, und die geglaubt haben dass ich eine zweite Chance verdient habe.

 

Zu mokant.at


Das Interview wurde in unserem österreichischen Partnermagazin mokant.at publiziert und entstand aus einer Zusammenarbeit mit dem TV-Sender Viva. Der erste Teil des Interviews kann unter dem angegebenen Link nachgelesen werden.

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