Gesellschaft | 28.11.2012

Trugschluss des Friedens

Text von Rick Nellestein | Bilder von Rick Nellestein
Am 24. November 1912 traf sich die sozialistische Internationale zu einem einzigartigen Friedenskongress in Basel. An der Universität Basel fand zum hundertjährigen Jubiläum dieses Ereignisses vom 22. bis zum 24. November 2012 eine Veranstaltung statt, wo Geschichte und Aktualität des Friedenskongresses diskutiert wurden.
Für drei Tage versammelten sich die Teilnehmenden an der Universität Basel zur Erinnerung an den Basler Friedenskongress und zur Diskussion über Frieden heute. Rebekka Ehret ist Ethnologin und ehemalige Leiterin der Sprachabteilung Gerichtsdolmetscher- und dolmetscherinnen am Special Court for Sierra Leone. Ruth Daellenbach ist Senior Consultant bei International Cooperation und ehemalige Geschäftsleiterin bei Solidar Suisse.
Bild: Rick Nellestein

In der Aula trifft man sich für den Plenarvortrag von Wolfram Wette, deutscher Historiker und Mitbegründer der Historischen Friedensforschung, als Einstieg in den Tag zu Ehren des hundertjährigen Jubiläums des Basler Friedenskongresses. Bevor wir mit Informationen über die gesellschaftliche Situation im deutschen Kaiserreich anno 1912 und die Aktualität der Themen des Friedenskongresses bombardiert werden, nochmals schnell einen Blick in die Runde. Das Durchschnittsalter ist auffällig hoch, was wohl auch daran liegt, dass es ein Samstagmorgen ist und junge Leute sich an diesem Wochentag bekanntlich nicht darum reissen, ihr Bett in Frühe zu verlassen. Ein doppelter Espresso schafft jedoch Abhilfe.

 

Der gescheiterte Friedenskongress und die Bedeutung heute

Am Basler Friedenskongress kamen 1912 555 Delegierte aus 23 Ländern zusammen, um ein Manifest des Friedens zu erstellen. Die Idee war, dass Kriegsverhütung die höchste Priorität geniessen müsse. Die Gründe für das letztendliche Scheitern dieser Initiative der sozialistischen Internationale – es folgten bald zwei Weltkriege anstelle von Frieden – bringt Wolfram Wette folgendermassen auf den Punkt: Zum einen standen der Internationalen im Vergleich zur herrschenden Elite und ihren Generalstäben kaum Machtmittel zur Verfügung und zum anderen überschätzte sie den Friedenswillen der Arbeitergemeinschaft und unterschätzte die nationalstaatlichen Gefühle, die bei drohender Gefahr erweckt werden konnten. Die deutsche Elite manipulierte das Volk geschickt, indem es den nahenden Krieg als unvermeidbar und das deutsche Kaiserreich als angegriffenes Land darstellte.

 

Wichtige Unterschiede in der Einstellung zum Krieg im heutigen Europa sieht Wette darin, dass nach den beiden Weltkriegen die Kriegsverhütung immer mehr in den Vordergrund getreten ist. Das Bewusstsein, dass Kriege von Menschen gemacht und verhindert werden können und damit also nicht länger gottgewollt oder eine historische Unausweichlichkeit sind, hat sich mittlerweile etabliert. Die zentrale Frage, wie Kriege in Europa zu verhindern sind, ist nicht mehr aktuell, da ein solcher Krieg aufgrund der inneren Verflechtungen vor allem dank Bildung der EU kaum mehr möglich ist, doch es wäre ein Trugschluss zu denken, im Jahre 2012 sei die Welt rundum friedlicher geworden.

 

Denn auch heute gebrauchen sowohl Diktaturen als auch Demokratien Manipulationsinstrumente, die trotz globaler Massenkommunikation zur Kriegsrechtfertigung und Kriegsvertuschung angewendet werden. Bekanntes Beispiel hierfür ist der Irak-Krieg. Es kommt dazu, dass die Kriegsmächte auch anno 2012 für einen Krieg gerüstet sind, wenngleich dies in der öffentlichen Debatte meist verdrängt wird.

 

Krieg führt zu Armut, Armut führt zu Krieg

In dem an das Referat anschliessende Panel ging es in den kleineren Räumlichkeiten der Universität Basel darum, die heutigen Friedensbewegungen unter die Lupe zu nehmen. Ruth Daellenbach, Senior Consultant bei International Cooperation, vermeldet bei ihrem Beitrag über NGOs als Friedensbewegungen, dass Krieg bekanntlich zu Armut führe und Armut zu Krieg. Somit ist für Daellenbach die Armutsbekämpfung eine Art von Friedensarbeit. Die ehemalige Leiterin der Solidar Suisse weist auf die Hauptproblematik der Armut in der heutigen Welt hin, nämlich die ungenügende Verteilung von Ressourcen und die Machtkonzentration auf wenige. Unter diesen Umständen müsse man sich mit kleinen Erfolgen zufrieden geben, denn solange die Armut strukturell in unserer Gesellschaft verankert ist, ist eine fairere Umverteilung von Ressourcen nicht einfach zu realisieren.

 

Zum Beispiel Sierra Leone, das Rebekka Ehret, ehemalige Leiterin der Sprachabteilung für Gerichtsdolmetscher- und dolmetscherinnen am Special Court for Sierra Leone, vorgestellt hat. In dem westafrikanischen Land ist etwa die Hälfte der Bevölkerung zehn Jahre nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs unter neunzehn Jahre alt und siebzig Prozent verdient unter einem Dollar pro Tag. Seine Wirtschaft befindet sich in grosser Abhängigkeit von Krediten und ausländischen Gebern. Dies führt zu grosser sozialer Ungleichheit. Doch das bedeutendste Problem, das nach wie vor ungelöst ist, ist die Reintegration der ehemaligen Kindersoldaten und Kindersoldatinnen. In der Friedensarbeit wird das Ziel verfolgt, Kriege zu stoppen und deren Folgen zu behandeln. Das geht oft zu Kosten der Bekämpfung der Armut. Ausgehend von der These, dass Krieg zu Armut und Armut zu Krieg führt, verlässt man auf dieser Weise den Teufelskreis nicht.

 

Die drei erwähnten Beiträge waren gehaltvoll und wurden kompetent und interessant vorgetragen. Der Morgen war vielleicht nicht abwechslungsreich genug, um es Leuten zu empfehlen, die nicht sehr geschichtsbegeistert sind und beachtet man das Durchschnittsalter des Publikums ist es die Frage, ob an dem Samstagmorgen das Zielpublikum erreicht wurde. Informativ und tiefgründig war die Veranstaltung jedoch allemal.