Kultur | 13.11.2012

Schachspiel des Hasses

Text von Michaela Ulmann | Bilder von Tine Edel
Die Othello-Inszenierung in St. Gallen begeistert durch eine laute, tragische und lebendige Spielweise, mit unkonventionellen, aber interessanten Ansätzen. Shakespeare hätte die Vorführung wohl gefallen.
Während der Vorstellung fragen sich Zusehende zuweilen, ob sie veräppelt werden. Starke Bilder hinterlassen in der Othello-Aufführung einen bleibenden Eindruck.
Bild: Tine Edel

Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson hat zusammen mit dem Choreografen Sebastian Gibas, den Bühnenbildnern Anna Rún Tryggvadóttir und Jósef Halldórsson sowie dem Schauspielensemble sämtliche Grenzen des Vorgaukelns ausgelotet. Zeitweise war in der Othello-Aufführung des Theaters St. Gallen schwer zu erraten, ob man als Zuschauer gerade veräppelt wird, oder ob Shakespeare veräppelt wird – oder ob Shakespeare versucht uns zu veräppeln, oder gar die Schauspieler. Oder noch schlimmer: Was wäre wenn die einen Schauspieler die anderen Schauspieler veräppeln würden?

 

Die Wahl des modernen Theaters gab die ganze Paradoxie und Ambivalenz, in der sich Othello und seine Mitstreiter befinden, perfekt wieder. Jago (Christian Hettkamp), wie er sein Netz aus Intrigen spinnt, damit er seine Schachfiguren – in seinem Spiel wohlgemerkt – am richtigen Platz stehen hat, um sie dann zu vernichten. Zug für Zug ein Akt des Hasses, den er ziellos in die Welt hinausschüttet, nur um zu sehen was passiert. Othello (Roman Schmelzer), wie er während seiner Eifersuchtsanfälle ziellos über die Bühne rennt. Cassio (Matthias Albold), der seine Prinzipientreue nicht immer unter Kontrolle hat und natürlich Desdemona (Boglárka Horváth), das unschuldige weibliche Objekt der ganzen Tragödie.

 

Für einen Mord reichen keine drei

Die erste Szene in der Originalfassung von Shakespeare wird in Arnarssons Fassung zur Zweiten. Sie beginnt mit einem Hilferuf Rodriguez’ (Oliver Losehand), der immerfort “Jago!” schreit. Hilflos, verzweifelt und völlig liebeskrank steht er gleichzeitig mit zwei “Bühnenarbeitern” (Marcus Schäfer und Romeo Meyer) auf der Bühne, die diese seelenruhig von den Federn der vorherigen Szene säubern. Irgendwann fügt Rodriguez noch einen zweiten Satz seinem Repertoire hinzu. Er fragt nun Jago, was er denn jetzt tun solle. Jago taucht aber gefühlte Ewigkeiten nicht auf und Rodriguez wird immer verzweifelter. Als ein perfektes Stilmittel beginnt er sich zu entblössen, was ihn noch viel verletzlicher macht. So steht er schliesslich nackt und somit den Launen des Schicksals völlig ausgeliefert, auf der Bühne. Die Szene wird immer verzweifelter, bis er sich voller Tatendrang einige Flaschen holt und sich auf den Boden legt um sich damit zu ersäufen.

 

Der Zuschauer kann völlig mit Rodriguez mitfühlen und konzentriert sich so auf ihn, dass die zwei Bühnenarbeiter gar nicht mehr auffallen, bis sie sich recht auffällig hinter die Bühne begeben und mit einem Koffer voller Mordwaffen wieder auftauchen, um sie voller Stolz dem Liebeskranken zu präsentieren. Die Szene wird dadurch in ihrer Ernsthaftigkeit völlig unterbrochen, weil sie es zu Dritt noch nicht schaffen, ihn umzubringen, und so völlig drollig auf der Bühne hin und her torkeln beim Versuch Rodriguez nur mit Muskelkraft zu erhängen. Und obwohl die Szene eigentlich lustig ist, wird dem Zuschauer erst durch das Lachen bewusst, wie tragisch es eigentlich wäre. Es wird erst dann klar, wie sehr Rodriguez in Desdemona verliebt gewesen sein muss, um so zu reagieren.

 

Laut, tragisch und lebendig – Shakespeare eben

Dieser Faden zieht sich durch das ganze Stück. Immer wieder wird eine tragische Szene aufgebaut, bis sie durch eine absolut komische Einlage unterbrochen wird. Und meist wird dem Zuschauer erst dann bewusst, wie traurig das Ganze vorher war. Die Tragik wird ins Absurde gezogen, um sie sogar noch zu verstärken.

 

Es wird mit sehr starken Bildern gearbeitet, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch die knalligen Farben, die zuerst gar nicht in das Stück passen wollten, gaben schlussendlich dem Bild einen harmonisierenden Abschluss. Alles in allem eine Inszenierung, die mit ihrer lauten, einschlagenden und auch irritierenden Art Shakespeare sicher sehr gut gefallen hätte.

 

 

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Weitere Vorstellungen finden statt am 24. November und am 6. Dezember 2012, jeweils um 19.30 Uhr, sowie am 13. Januar 2013 um 17.00 Uhr.

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