Gesellschaft | 06.11.2012

“Russland braucht Zeit”

Text von Céline Graf | Bilder von Céline Graf
Olga Retjunskaja lebt an einem der kältesten Orte der Welt, in Sibirien. Ich treffe die 20-jährige Deutschstudentin und Präsidentin der Studentenschaft der Fremdsprachenfakultät zum Kaffee in einer "belgischen" Bäckerei in Ulan Ude. Wir reden den ganzen Nachmittag, während draussen Schneeflocken den trockenen Asphalt bedecken.
Olga Retjunskaja vor der Universität von Ulan Ude. Eines der grössten Lenindenkmäler überhaupt steht vis-à -vis der Universität auf dem Platz der Räte.
Bild: Céline Graf

“Ehrlich gesagt, es nervt mich, wenn keine fünf Minuten vergehen, bis ich zum ersten Mal nach der Regierung gefragt werde. Ich verstehe, dass das Thema im Ausland interessiert. Aber ich möchte mit einem Menschen, den ich zum ersten und vielleicht letzten Mal sehe, nicht gleich über Putin und Medwedew sprechen. Mir passierte dies oft während meines Studienaustausches in Bochum. Ich besuchte auch andere deutsche Städte, darunter Düsseldorf und Köln. Die deutschen Kleinstädte sehen eher aus wie Dörfer, so klein. Auf den ersten Blick fiel mir die Ruhe auf, die Ordnung. Alles ist sauber, alle sind freundlich, aber auch zurückhaltend. Es schien keine Probleme zu geben. Später natürlich verstand ich, dass das nicht stimmt.

 

An Ulan Ude gefällt mir der Sommer. Der ist hier heiss, nicht so verregnet und kalt wie in Mitteleuropa. In Sibirien gibt es wegen dem kontinentalen Klima enorme Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter. Im Januar kann das Thermometer schon mal auf minus 30 °C fallen. Ulan Ude liegt in der Nähe des Baikalsees, mehr als 400-˜000 Menschen leben in der Hauptstadt der russichen Teilrepublik Burjatien im südöstlichen Sibirien. Circa jeder fünfte Einwohner stammt aus der mongolisch geprägten Bevölkerungsgruppe. Neujahr, das wir gemäss dem julianischen Kalender ein paar Tage später feiern als Europa, ist das wichtigste Fest im Jahr. Alle versammeln sich auf den öffentlichen Plätzen. Die Leute schütteln ihre Verschlossenheit ab, die auf Aussenstehende manchmal unhöflich wirken kann. Sie trinken, singen und tanzen, und die sonst stark befahrenen Strassen werden für einmal zu Skipisten.

 

Ich wohne in einem Aussenquartier von Ulan Ude bei meinen Eltern in einem Einfamilienhaus. Mein Bruder ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist 27, sieben Jahre älter als ich. In Russland ist es normal, jung eine Familie zu gründen. Für mich ist das allerdings noch kein Thema. Ich will zuerst mein Studium beenden und dann in einer westrussischen Stadt arbeiten. Dort gibt es mehr Möglichkeiten und bessere Löhne.

Von Montag bis Samstag bin ich an der Uni. Um halb sieben klingelt der Wecker. Ich trinke Kaffee mit Milch und schaue die Morgenshow. Mir gefällt das, ein bisschen Musik, Gymnastik, Unterhaltung. Es ist mühsam, jeden Tag mit der Marschrutka zu fahren. Im kleinen Bus spickt es dich auf den holperigen Strassen auf und ab, zudem ist der Fahrer meist auch nicht gerade die Freundlichkeit in Person. Aber immer noch besser, als selbst zu fahren. Die russischen Autofahrer sind nicht umsonst berüchtigt für ihren wilden Fahrstil.

 

Die deutsche Grammatik ist wie die russische Grammatik, sehr schwer. Die meisten Jungen wählen Englisch als Fremdsprache schon in der Schule und später auch an der Uni. Deutsch ist nicht sonderlich populär. Gerade deshalb studiere ich diese Sprache. Um acht beginnt der Unterricht. Gewöhnlich dauert er bis ein Uhr, manchmal auch bis halb drei. Zu meinen Fächern zählen Sprachpraxis, Grammatik, Hauslektüre, Phonetik, Stilistik und theoretische Übersetzung. Deutsch zu sprechen fällt mir viel leichter als Englisch. So vermische ich manchmal englische mit deutscher Satzstellung zu Sätzen wie “Yesterday have I read a text”, oder es schleichen sich deutsche Formulierungen ein wie “keine Ursache”. Bis mich mein Gesprächspartner verwirrt anschaut. Mit deutschen Songtexten lässt sich wunderbar das Hörverständnis trainieren. Allerdings ist Bushidos Slang wohl nicht mal für jemanden mit deutscher Muttersprache leicht verständlich.

 

Später möchte ich vielleicht Übersetzerin werden. Stephan Zweig, E.T.A. Hoffmann, Kafka; ich lese deutschsprachige Literatur möglichst im Original. Doch bei Thomas Mann zum Beispiel würde dies Monate dauern. Stell dir vor, du müsstest Tolstojs Werke auf Russisch lesen! Ich liebe die russische klassische Literatur von Tschechow und Gogol. Ihre Bühnenstücke werden überall aufgeführt. In der Nachbarstadt Irkutsk gibt es viele so schöne Theater, so professionell… ich habe keine Worte dafür. Letztes Jahr spielte eine Gruppe aus Irkutsk hier “Romeo und Juliette”. Die ziemlich ungewöhnliche Interpretation in Form eines Rockmusicals endete noch dramatischer als im Original: Romeo und Julia sehen einander an und realisieren gleichzeitig, dass beide wegen eines Missverständnisses sterben werden.

 

Zeitgenössische Literatur halte ich für Publizistik, nicht für “richtige” Literatur, die Philosophie transportiert. Seit fünf Jahren schreibe ich für Zeitungen. Es ist für mich essentiell, meine Meinungen und Gefühle anderen Menschen mitzuteilen. Früher schrieb ich in der Tageszeitung “Buryatia 7” auch über Politik und die Regierung. Aktuell bespreche ich vor allem Theaterstücke für eine Studentenzeitung. Wenn mir ein Stück gar nicht gefällt, schreibe ich nicht darüber, Punkt. Klar, auf der anderen Seite ist das Schreiben mein Job. Aber ich darf nicht kritisieren. Kritik ist immer individuell. Anderen Menschen gefällt das Stück vielleicht. Der Redaktor glaubt an dich und nur er kann deinen Artikel in die Zeitung stellen. Ich will ihn nicht verärgern, indem ich etwas schreibe, das ihm nicht gefällt.

 

Jeder Journalist formuliert die Meinungen der Menschen. Das heisst, Journalismus ist die vierte Macht im Staat, ja? Aber ich glaube ehrlich gesagt, in Russland instrumentalisiert die Politik die Medien. Einmal kritisierte ich in einem Artikel, dass ein Schüler unrechtmässig zum Gewinner eines Schülerwettbewerbs gekürt worden war. Da hat mir der Redaktor erklärt, das sei normal und ich hätte kein Recht, meine Meinung dazu in der Zeitung zu äussern. Er gab mir zu verstehen, meine Aufgabe als Journalistin sei es, zu schreiben, was passiert ist, und nicht, wie etwas passiert ist. Ich war so… das war so ärgerlich. Aber er hat Recht. Das heisst, ich beschreibe vor allem, worum es im Stück geht, Autor, Regisseur, Schauspieler, Publikum. Ich darf auch Negatives schreiben, solange es ein Fakt ist. Etwa wenn ein Schauspieler den Text vergessen hat.

 

Wenn du in drei Jahren wieder nach Ulan Ude kämst, würdest du die Stadt nicht mehr wiedererkennen. Ich habe das Gefühl, dass sich in Russland alles viel schneller verändert als in Deutschland. Sei es in der Politik, in der Gesellschaft oder in der Stadt selbst. Heute entsteht hier ein neues Gebäude, morgen wird dort ein altes abgerissen. Auch die Werte haben sich verändert. Früher standen die Beziehungen an erster Stelle. Im Russischen benutzen wir dafür das Wort “Blat”. Zwar ist es auch heute noch schwer, ohne Blat einen guten Job zu erhalten. Am wichtigsten sind nun jedoch Geld und Macht, besonders in Moskau. Ich glaube an die Ehrlichkeit. Natürlich, der Politiker kann nicht ehrlich sein, egal ob in England, Frankreich, Deutschland oder Russland. Churchill hat gesagt, “das Volk kennt seine wahre Geschichte nie”. Okay, wir haben Probleme. Alle kennen sie. Die Probleme mit Putin und dem Geld, der Arbeit und den Gastarbeitern, der Armee und der Polizei, am Kaukasus. Aber Russland ist mit 20 Jahren ein junges Land. Wir brauchen Zeit, um unsere Probleme selbst zu lösen. Eins nach dem anderen.”