Kultur | 13.11.2012

Literatur von Anfang bis Ende

Text von Florian Oegerli | Bilder von Florian Oegerli
Die Buch Basel bot verschiedensten Autoren eine Möglichkeit, ihrem Publikum zu begegnen, vom renommierten Philosophen bis zum Indie-Verleger.
Die Philosophen Paul Liessmann und Rüdiger Safranski diskutieren über die Grenzen des Todes. Arno Camenisch kennt den Nutzen eines "Schnudderlumpen" gut. Warum Fliegen Rentner in Sinneskriesen stürzen können, erklärt Matto Kämpf. Eine "Ego-Kammer" nennt Miriam Meckel das Internet.
Bild: Florian Oegerli

“Weiß überhaupt noch jemand hier, was ein ‘Schnudderlumpen’ ist?”, fragt Arno Camenisch in gelassenem Bündner Dialekt. Er trägt einen dunklen Pullover, Jeans und Stoffturnschuhe. Der Raum, in dem er sitzt, ist die Galerie Beyeler in Basel. “Wie ein Nastuch eigentlich, aber der Vorteil ist, dass man ihn länger benutzen kann. Bis zu ein, zwei Monate.” Camenisch ist einer von vielen Autoren, den die Besucher im Rahmen der Buch Basel erleben konnten. Er ist es sich gewohnt, vor Publikum zu lesen. Über 300 Auftritte hat er bereits über die Bühne gebracht, seit vor drei Jahren sein Erstlingswerk “Sez Ner” erschienen ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte der frühere Lehrer gerade die Ausbildung am Schweizer Literaturinstitut Biel beendet. In “Sez Ner” geht es, wie in den beiden Nachfolgewerken auch, um das Leben in der Bündner Provinz.

 

Von Fliegen und Suppen

Sein neuster Roman “Ustrinkata” spielt am letzten Tag einer Kneipe, bevor sie geschlossen wird. Die Figuren in dem schmalen Büchlein verlauten Sätze wie: “Der Rhein, die alte Kuh, hat schon viele Traktoren gefressen.” Beim Publikum im Saal kommt Camenisch gut an. Immer wieder unterbricht er seine Geschichte, um Anekdoten einzuflechten. Sei es, dass das Auto in Graubünden erst 1925 zugelassen wurde, oder die von seiner hundertjährigen Urgrossmutter, die den Fürbitten des Dorfpfarrers zum Trotz noch drei Jahre weiter lebte. Die Welt, die er beschreibt, ist im Verschwinden zu begreifen. Das zeigt sich auch in den Texten selbst. War der erste Roman noch auf Deutsch und Räteromanisch geschrieben, links die eine und rechts die andere Sprache, so bleiben in “Ustrinkata” bloß noch einige Brocken Räteromanisch übrig. Obwohl oder vielleicht gerade weil es im Buch um eine Minderheitensprache geht, wurden seine Bücher bereits in 19 Sprachen übersetzt.

 

Wer nach Camenisch sitzen blieb, konnte sich als nächstes von Matto Kämpf vorlesen lassen. Der Schriftsteller, Theater- und Filmemacher, der aus seinen gesammelten “Tiergeschichten” erzählte, wobei er einen beinahe so stoischen Blick wie der Bernhardiner auf dem Titelbild seines Buches aufsetzte. Anders als Camenisch hielt sich Kämpf mit Informationen über sich selbst zurück und liess die Texte alleine sprechen: Kürzestgeschichten, die fast immer schlecht ausgehen. Von 50 Geschichten, so Kämpf, habe nur eine ein glimpfliches Ende. In den anderen werfen sich hungerleidende Rehe Wanderern vor die Füsse und Rentner werden von Fliegen in ihren Suppen in Sinnkrisen gestürzt.

 

Die Gefahren der Ego-Kammer

Im Theater Basel lud die Zeitung “Zeit” zum Gespräch mit Miriam Meckel. Sie denkt in ihrem Buch “Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns” über die Grenzen zwischen Technik und Mensch nach und weisst auf die Gefahren hin, die das Internet für uns darstellen kann. Die meisten Menschen wüssten zum Beispiel nicht, dass Google jedem Menschen andere Suchresultate liefere. Denn die Suchmaschine speichert die Anfragen der Benutzer und liefert ihnen nur, was zu ihren bisherigen Vorlieben passt. Wer sich nur über das Internet informiert, sitzt also in einer Art “Ego-Kammer” fest. Da seien die traditionellen Medien besser. Denn eine Zeitung räumt verschiedenen Meinungen Platz ein. Am Ende der Veranstaltung fragte ein junger Mann, der aus dem sonst eher älteren Publikum auffiel, was Meckel denn von Leuten unterscheide, die sich im Spätmittelalter gegen die Erfindung der Buchpresse wehrten. “Es ist nicht mein Anliegen, das Internet zu dämonisieren. Zudem waren die Gründe und Argumente der Gegner völlig andere”, wie die Kommunikationswissenschaftlerin zur Antwort gibt. Ein Problem bestehe jedoch, wenn Menschen den ganzen Tag im Internet zubrächten, ohne sich anderweitig zu informieren. Einen Fernseher könne man einfach abschalten, das Internet umgebe uns beinahe dauernd.

 

Grenzen

Am Abend sorgten die renommierten Philosophen Paul Liessmann und Rüdiger Safranski für ein ausverkauftes Literaturhaus. Die zwei älteren Herren sprachen der Grenze ein Lob aus. “Jedes Definieren ist ein Grenzziehen”, sagte Liessmann. “Wenn alles dasselbe wäre und es keine Grenzen mehr gäbe, dann könnten wir kein Ich kennen.” Man merkte den zwei die Begeisterung am Philosophieren an. Während ihren Ausführungen kamen sie vom Hölzchen aufs Stöcken, von der mittelalterlichen Feudalherrschaft auf die Eurokrise und von der Grenze zwischen Alt und Jung auf die Literatur. “Der Tod ist keine Grenze, denn eine Grenze muss man in beide Richtungen überqueren können”, erklärte Liessmann. Der Tod sei ein Ende, das wir nicht erleben können. Am Schluss des Gesprächs verriet er sein Geheimnis der Literatur: “Literatur ist die einzige Art, Anfang und Ende zu erleben. Deshalb schätzen wir sie so.”