Gesellschaft | 28.11.2012

Lasst Milch und Honig fliessen

Text von Veronika Henschel | Bilder von Raoul Pellaton
Im letzten Teil der Serie "Das Ende ist nah" wurde zum Umzug aufgerufen. Auch Teil elf beschäftigt sich mit einem Ortswechsel: Zwei Tink.ch-Reporter stiegen in einen Zug und machten Pause vom Alltag, ohne Rücksicht auf Zeit und Geld. Warum man sich ohne nachzudenken Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzen sollte.
Colmar scheint schön zu sein -“ also nichts wie Aussteigen. Schlemmen ohne aufs Portemonnaie zu schauen: Einen Monat vor dem Weltuntergang spielt es keine Rolle mehr, wie viel Geld noch übrig bleibt ... ... und ob der Weihnachtsmann in diesem Jahr noch einmal kommt, sei einmal dahingestellt.
Bild: Raoul Pellaton

Noch einen Monat haben wir zu leben, dann geht die Welt unter. Das ist nicht viel, selbst für mein kurzes Leben. Wenn ich so zurück blicke und mir überlege, was ich mein Leben lang getan habe, werde ich nachdenklich. Meistens bin ich in die Schule gegangen, habe ganz viel Wissen in mich hineingestopft, um später einmal viel Geld verdienen zu können. Ich habe Pläne befolgt, Regeln, Gesetze, Aufforderungen. Meistens war ich pünktlich und habe mich an den vorgegebenen Tagesrhythmus gehalten. Und was habe ich jetzt davon? Was nützen mir das angehäufte Wissen und das Geld?

 

Schlemmen bis zum geht nicht mehr

Keine Ahnung. Nach dem 21. Dezember 2012, an dem die Welt laut dem Kalender der Maya untergehen wird, werde ich weder noch brauchen können. Auch meine Folgsamkeit wird mir nicht helfen. Höchste Zeit also, alles über Bord zu werfen und einfach mal zu tun, auf was man gerade Lust hat. Zum Beispiel ein Ticket kaufen, in einen Zug steigen und irgendwo hinfahren. An diesem regnerischen Montag um 10.15 Uhr fährt der nächste Zug nach Saint Louis, Mulhouse, Colmar, Strassbourg.

 

Colmar scheint schön zu sein, also steigen wir aus. Anscheinend gibt es hier einen Weihnachtsmarkt. Wir laufen durch die schönen Gassen und finden schliesslich ein paar Hütten. Laute Weihnachtsmusik dröhnt aus Lautsprechern hoch über unseren Köpfen. Weihnachtskekse, Schneekugeln, Kerzen und Figuren: Alles lässt sich finden. Wir probieren uns quer durch das Gebäck und die Käsesorten, kaufen hier und da etwas, das Geld brauchen wir sowieso bald nicht mehr. Zwischendurch stärken wir uns mit einem französischen Crêpe, dann geniessen wir einen Flammkuchen und wärmen uns mit Glühwein auf.

 

Tut euch Gutes!

Hemmungslos gönnen wir uns alles, was wir uns sonst so häufig verbieten. Die Wörter “Zeit”, “Uhr”, “zu teuer”, “beeilen”, “zu kalorienreich”, “sparen” und “müssen” sind verboten. Am Anfang ist das sehr schwierig, immer wieder kommen Gedanken auf wie “Ich sollte…” oder “Ich kann doch nicht…” und ähnliches. Doch mit der Zeit wird es immer einfacher, es sich gut gehen zu lassen.

 

Irgendwann ist das Portemonnaie leer und der Bauch voll, also machen wir uns wieder auf den Rückweg. Zurück in den Alltag. Doch die Einstellung, die Philosophie des “sich etwas Gönnens” nehmen wir mit. Das beste Parfüm wird ab jetzt jeden Tag getragen, die gute Schokolade immer gegessen, wenn ich Lust darauf habe, ein gutes Buch gekauft, auch wenn ich schon viele zu Hause habe. Und am Schluss wird niemand sagen können, ich hätte mein Leben nicht genossen. Hier also mein Aufruf: Tut euch Gutes, ohne Rücksicht auf Geld, Zeit oder Regeln!

 

 

Zur Serie


Dieser Artikel ist der elfte aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 21. Dezember (vielleicht) untergeht.