Politik | 18.11.2012

Jugend(werbe)session

Das Urheberrecht war an der Jugendsession nicht nur Thema in einer Arbeitsgruppe, sondern dessen Fehlen auch Anlass für Kritik aus den Reihen der Teilnehmer. Ebenfalls für Erstaunen sorgte die aufdringliche Werbung von Sponsoren.
Präsent: Ein Hauptpartner der Jugendsession.
Bild: My Lien Nguyen

Auf den ersten Blick ist an der Jugendsession das Logo des Sponsors Swisscom vor allem auf den Schlüsselbändern mit den Badges präsent. Aber auch im Programm nimmt der grösste Telekommunikationskonzern der Schweiz eine zentrale Rolle ein. Am Samstag fand im sogenannten “BrainGym”, einem Arbeitszentrum der Swisscom unweit des Berner Bahnhofs, ein Ideenwettbewerb statt.

 

Bevor die Aufgabe gestellt wurde, begrüsste Fabian Etter, der bei Swisscom zuständig ist für soziale und ökologische Fragen, das junge Publikum mit einer Präsentation über das Unternehmen, zugeschnitten auf die anwesende Zielgruppe. Etter betont, dass im “BrainGym” zum Beispiel ein Tarifplan für Kunden unter 26 Jahren entwickelt worden sei. Dies kommentierten einige Anwesenden mit Kopfschütteln, Kichern oder Grinsen. Weiter bemerkte der Swisscomangestellte, dass die Swisscom ein sehr guter Arbeitgeber für Politiker sei, da das Unternehmen politisch aktive Mitarbeiter fördere und unterstütze.

 

Was passiert mit den Ideen?

Im Zusammenhang mit dem nationalen Programm “Jugend und Medien”, bei dem die Swisscom Partner ist, lautete die Aufgabe für die Jugendlichen folgendermassen: Projektideen erarbeiten zum Thema Förderung der Medienkompetenzen von Jugendlichen. Nachdem die Teilnehmer der Jugendsession am Morgen lange zugehört hatten, freuten sich die meisten über die kreative Abwechslung, so berichten verschiedene Teilnehmer. Einer von ihnen fragte, ob die Swisscom die erarbeiteten Konzepte des Ideenwettbewerbs kommerziell nutzen dürfe. Ja, das sei möglich. Denn die Ideen kämen in einen Ideenpool, auf den die Swisscom und die anderen Partner von “Jugend und Medien” Zugriff hätten, so Etter.

 

Wie der Projektleiter der Jugendsession Micha Küchler bestätigt, werden die Projektideen und ihre Urheber von der Jugendsession nicht geschützt. “Wir haben keine Urheberrechtsregelungen gemacht.” Küchler räumt ein, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) und die anderen Partner die Umsetzbarkeit der Ideen prüfen werden. In der Vereinbarung sei allerdings vermerkt, dass der Partner die Jugendsession kontaktiere und er wiederum die Personen, die dahinter stehen, falls eine Projektidee weiterverfolgt werden sollte. Auf Anfrage wollte Küchler Tink.ch jedoch die Vereinbarung nicht vorlegen. “Im Grunde hat die Swisscom unsere Teilnehmer für einen Nachmittag ausgeliehen”, kommentiert ein Gruppenleiter.

 

Aggressives Lobbying

Nicht nur der Umstand, unzureichend über die Wettbewerbsbedingungen informiert worden zu sein, rief bei einigen Jungpolitiker Unmut hervor. In der Regionalausgabe der Jugendsession in Zürich beliess es der Sponsor Swiss Life nicht nur bei der üblichen Begrüssung und Vorstellung des Unternehmens. Die Versicherungsgesellschaft stellte für die Workshops Räume und Experten zur Verfügung. Teilnehmer des Workshops “Demografische Alterung” berichten, der Experte von Swiss Life habe versucht, sie für politische Forderungen seines Arbeitgebers zu gewinnen. Projektleiter Micha Küchler findet es “bis zu einem gewissen Mass okay”, wenn der Sponsor am Anlass für sich lobbyiert.

 


 

Der Projektleitung ist es ein Anliegen, diesen Artikel in drei Punkten zu kommentieren.

1. Der Artikel zitiert einen Gruppenleiter, der das Gefühl ausdrückt, die Jugend-session habe der Swisscom die «Teilnehmer für einen Nachmittag ausgeliehen». Dies ist nicht korrekt. Der Idea Contest wurde zusammen mit dem Programm «Jugend und Medien» organisiert. Dieses wird vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) im Auftrag des Bundesrates durchgeführt und hat das Ziel, den Jugendmedienschutz in der Schweiz zu verbessern. Dafür arbeitet das BSV mit Partnern aus der Medienbranche zusammen – insbesondere der Swisscom. Die Projektleitung hat mit dem BSV vereinbart, dass die Projektideen dem BSV überreicht werden, mit dem Ziel, dass spannende Ideen «idealerweise (…) in konkreten, umsetzbaren Projekten münden.»

 

Entsprechend erhielt die  Jugendsession vom BSV Geld, um die Arbeitsstunden, die für die Organisation des Idea Contests nötig waren, zu bezahlen. Die Swisscom unterstützte die Jugendsession bei der Umsetzung: Sie stellte uns Räumlichkeiten, Technik, Personal, Verpflegung und Preise zur Verfügung.

 

2. Der Artikel moniert, die TeilnehmerInnen seien «unzureichend über die Wettbewerbsbedingungen informiert (worden)». Dies stimmt nicht. Wir haben allen im Einladungsschreiben geschrieben: «Aber vor allem (…) winkt den spannendsten Projekten die Chance, dass sie vom Programm Jugend und Medien weiterentwickelt und umgesetzt werden – natürlich nicht ohne dass darauf hingewiesen wird, wer die Ideengeber waren.»

 

3. Das Problem liegt woanders: Offenbar wurde der Idea Contest teilweise als «Anlass der Swisscom» wahrgenommen. Denn die Swisscom war mit Logos etc. präsent. War dies zu viel des Guten? Dieser Frage wird die Projektleitung nachgehen und das Gespräch mit den PartnerInnen suchen. Denn es ist in niemandes Interesse (weder der TeilnehmerInnen, noch der Projektleitung, noch der PartnerInnen!), dass die Jugendsession als Werbeveranstaltung wahrgenommen wird. Dasselbe gilt für die Situation in Zürich, bei welcher Swisslife die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Fakt ist jedoch: Die Jugendsession kann nur dank Stiftungen, Sponsoren und dem freiwilligen Engagement Jugendlicher durchgeführt werden. Die Bundesgelder reichen nicht aus, weil die Bundesfinanzierung per Gesetz maximal 50% des Budgets ausmachen darf. Daher werden wir auch in Zukunft auf glaubwürdige Partner angewiesen sein. Ohne diese gibt es keine Jugendsession.

 

Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest.