Kultur | 13.11.2012

“Ich bin ein Wrack”

Am 5. November gab die Band Gaslight Anthem ein Konzert in Zürich. Tink.ch traf sich davor zu einem Interview mit ihrem Sänger Brian Fallon und erfuhr, was ihn antreibt, wonach er sucht und warum er nicht aufhören könnte. Oder etwa doch?
Gaslight Anthem im Interview mit Tink.ch.
Bild: zvg Gaslight Anthem live in Zürich. zvg

Tink.ch: Viele eurer Songs sind melancholisch – Ist für dich das Glas halbvoll oder halbleer?

Brian: Ich weiss nicht. Da sind verschiedene Gläser für verschiedene Dinge. Es hängt davon ab, wonach du fragst.

 

Deine Songs handeln aber viel von Verlust und etwas, das man nicht haben kann, obwohl man es sich wünscht. Wie passt das zusammen?

Na, ich bin eben ein Schweremüter. Ich ziehe alle runter. Ich bin ein Wrack. Ich bin so einer: Ich fall die Treppe runter und schreibe Songs. Ich bin einfach merkwürdig.

 

In einem anderen Interview sagtest du mal, dass du keine Antworten hast in deinen Songs, sondern nur Fragen. Ist das nicht unbefriedigend?

Ja, das ist es.

 

Warum machst du dann weiter?

Warum machst du, was du machst? Es ist eben noch nicht fertig, deswegen.

 

Und wann denkst du, ist es fertig?

Ich hab keine Ahnung.  Weisst du, du hälst doch nach etwas Ausschau. Du fängst das hier an, aus demselben Grund, wie alles andere auch: weil du nach etwas suchst. Etwas nagt an dir. Und du machst so lange weiter, bis du herausgefunden hast, was es ist. Und dann hörst du vielleicht auf.

 

Weisst du denn schon, was es ist?

Nein. (Pause) Alles. Alles nagt an mir.

 

Sucht ihr in der Band denn nach der gleichen Art von Antworten?

Nein, ich glaube nicht, dass wir nach denselben Sachen suchen. Ich glaube auch nicht, dass das wichtig ist, oder man das muss.

 

Zu den Nicht-Antworten in deinen Songtexten: inwiefern gehören für dich Text und Musik zusammen, oder könnten sie auch unabhängig voneinander stehen?

Wie der Fisch ins Wasser («Like white on rice«)! Sie sind eigentlich ja separat, aber ich glaube, sie gehören trotzdem zusammen. Ich hoffe sie gehören zusammen. Du schreibst, worüber du so nachdenkst und das ist dann das, worum es geht und so entsteht die Musik. Ich möchte daran glauben, dass sie zusammengehören.

 

In  deinen Texten offenbarst du aber sehr viel von dir selbst. Wie gehst du da mit Kritik um?

Ich lese keine Kritiken. Und ich frage Freunde und Familie nicht nach ihrer Meinung.

 

Du fragst wirklich nie nach der Meinung anderer?

Nein. Ich kümmere mich nicht darum, was sie denken. Ich mache das für mich, nicht für andere. Es geht nicht um Lob oder Bewunderung. Es ist etwas, was du kommunizieren möchtest, aber was du für dich tust und tun musst. Meiner Meinung nach steht das nicht zur Beurteilung für andere.

 

Aber ihr seid auf der ganzen Welt bekannt. Ändert dich das nicht?

Wenn du es lässt. Ich weiss nicht, ob es bei mir so ist. Ich hoffe nicht. Ich denke nicht. Ich genieße es natürlich. Ich finde es gut, dass Leute mögen, was wir machen. Aber wir haben es auch gemacht, als niemand es mochte und wir würden es wohl auch machen, wenn niemand es mag. Du entscheidest nicht, dass du das machen möchtest, sondern du fühlst, dass es etwas ist, was du tun musst.

 

Hast du denn nie Angst, dass niemand zu euren Konzerten kommt?

Doch. Sicher! Wenn du dich aber zu sehr darum sorgst, was Leute denken, dann beginnst du, etwas nur zu machen, um sie zufriedenzustellen. Ich möchte sie aber lieber mit etwas zufriedenstellen, was wir für uns selbst gemacht haben. Klar hast du manchmal Angst. Du erwartest ja nicht, dass die Leute immer mögen, was du machst.  Manchmal musst du aber etwas, was du wirklich machen möchtest, selbst dann tun, wenn du weisst, dass die anderen es nicht mögen werden. Du wirst von innen angetrieben, sonst kannst du das gar nicht. Sonst bist du nur ein Teil der ganzen Maschine.