Kultur | 28.11.2012

Empörte dieser Welt, vereinigt euch!

Text von Martina Probst | Bilder von Katharina Good
In Basel stellt derzeit ein Graffiti-Künstler aus, der in Moskau schon an die Wand beim Kreml gesprayt hat. Misha Most hat einem riesigen Graffiti in der iaab im Basler Dreispitz gezeigt, wie Graffitis innovativ und provokativ genutzt werden können - für einmal in einem Haus.
Das Graffiti von Misha Most füllt die Wand einer ganzen Industriehalle. Es ist in düsteren Farben gehalten und zeigt die Aufständischen des arabischen Frühlings. Die angeblich so entscheidenden Social Medias fehlen auf dem Wandgemälde vollständig.
Bild: Katharina Good

Der dramatische Anstieg neuer Protestbewegungen der letzten Jahre zeugt von einem wachsenden Unmut über bestehende Gesellschaftsstrukturen. Wo Menschen in diesen Tagen auf die Strassen strömen, geben sie ihrem Ärger über die Potentaten dieser Welt Ausdruck. Mögen sich die unterschiedlichen Protestbewegungen in ihren Inhalten, Anliegen und Repräsentationsformen noch so unterscheiden, gleichen sie sich doch in ihren Visionen für eine bessere Welt. Der inzwischen global verbreiteten Streitkultur hat der Moskauer Street-Art-Künstler Misha Most mit einem monumentalen Graffiti ein Denkmal gesetzt. Es ist noch bis zum 29. November in den Räumlichkeiten des internationalen Austausch und Atelierprogramm Region Basel, kurz iaab, beim Dreispitz in Basel zu betrachten.

 

Das neueste Werk des Moskauer Graffiti-Pioniers wurde am Samstag, dem 24. November anlässlich der Eröffnung einer Gruppenausstellung von aktuell in Basel residierenden Kunstschaffenden der Öffentlichkeit präsentiert. Definitiv sprengte es alle leinwandkompatiblen Dimensionen: das Revolutionspanorama bereitete sich vor den Augen der Vernissagebesucher auf der gesamten Länge der Wand einer Industriehalle aus. Dass sich der Urheber des Kunstwerks nicht nur konventionellen Formatsystemen sondern auch die Regeln des Zivil- und Strafrechts widersetzt, bewies er vor einem Jahr.

 

Mutiges Plädoyer für einen offenen Dialog

Damals sprayte er den Artikel 31 der russischen Verfassung, der die Meinungs- und Pressefreiheit garantiert, auf eine Häuserwand gegenüber dem Kreml. Die Verwegenheit, die er auf Moskaus Strassen an den Tag legt, ist dem Künstler auf den ersten Blick nicht anzusehen. Er gibt sich unnahbar, artikuliert seine Sätze mit fast tonloser Stimme und verzichtet beim Sprechen auf effektvolle rhetorische Ausschmückungen.

 

Während er über sein Werk Auskunft gibt, verliert sein verträumter Blick sich immer wieder in der Leere der Industriehalle. In erstaunlich distanzierter Haltung berichtet Most von den Demonstrationszügen in seinem Heimatland, denen er sich bis vor kurzem noch regelmässig anschloss. Dass dies seit jüngster Zeit nicht mehr der Fall ist, begründet er damit, dass er nicht der Illusion erlegen sei, dass es mit der blossen Beseitigung des einen Kreml-Demagogen getan sei. Vielmehr brauche es eine grundlegende Veränderung des postsowjetischen Gesellschaftssystems. Eine Veränderung zu welcher der Bilderstürmer seinen Beitrag leisten will.

 

Kunst mit sprühender Gesellschaftskritik

Mit welchem Selbstverständnis er dies tut, bringt Most mit dem Begriff des “Brain-Hackers” zum Ausdruck: er will den Betrachter zum Hinterfragen des Systems anregen, ihm Anstösse geben. Da liegt es nahe, dass er den russischen Ordnungshütern nicht nur als Vandale sondern auch als Demagoge ein Dorn im Auge ist. Most gesteht, dass die Ausübung seines künstlerischen Spieltriebs schon mehrmals auf der Polizeistation endete. Und schickt im gleichen Atemzug nach, dass er trotz der Einschüchterungsversuche auch in Zukunft nicht von den kargen Wänden lassen werde.

 

Szenen einer Revolution

Auch wenn der Künstler für seine Motive mit Vorliebe Aussenräume aussucht, weicht er ausnahmsweise auch auf Innenräume aus. Most zeigt auf das Graffiti hinter sich. In diesem vermengen sich syrische, ägyptische und russische Demonstranten zu einer entflammten Protestbewegung. Parolen skandierend wirft sich die aufgebrachte Menge den Augen des Betrachters entgegen, eingerahmt durch die Silhouette einer grauen Grossstadtszenerie.

 

Entgegen seiner Neigung zu einer schrillen Farbgebung hat der Künstler die Menschenmenge in Braun- und Grüntönen festgehalten, als ob es sich um die Vereinigung uniformierter Partisanenkämpfer handeln würde. Auf der besprühten Wand sind Frauen in Kopftüchern zu sehen, die ihre geballten Fäuste in die Luft strecken; Männer, die Banner und Spruchbänder in die Höhe halten. Von den sozialen Medien, die bei den Umstürzen des Arabischen Frühlings eine vermeintlich ausschlaggebende Rolle gespielt haben sollen, fehlt auf dem grossflächigen Panorama allerdings jede Spur.

 

Optimistische Projektion in die Zukunft

Most ist überzeugt, dass sich Russland in einer Umbruchsphase befindet. Im Gegensatz zu pessimistischen Stimmen, die vor übertriebenen Erwartungen an die Demokratisierung des Landes warnen und bis 2018 nur mit geringfügigen Umwälzungen rechnen, artikuliert Most die Prognose, dass es bis zum Ende der Amtszeit Putins möglich wäre, einen potenten Gegenspieler aufzubauen. Sechs Jahre bis zur nächsten Präsidentschaftswahl seien eine lange Zeit, in der sich vieles zum Besseren wenden könne.

 

 

Info


Das Werk des Künstlers Misha Most ist noch bis zum 29. November 2012 ausgestellt in der iaab an der Oslostrasse 10 in Basel. Öffnungszeiten: Sonntag bis Donnerstag, jeweils zwischen 14 Uhr und 18 Uhr.