Gesellschaft | 27.11.2012

Einer wird verprügelt und alle schauen zu

Text von Dominik Galliker | Bilder von Dominik Galliker
In Bern soll am Sonntag vor einer Woche ein 20-Jähriger angegriffen worden sein. Etliche Passanten schauten zu, unternahmen jedoch gar nichts. Eine unglaubliche Geschichte, die Psychologen allerdings nicht verwundern würde.
In einem Nachtbus trug sich eine unangenehme Geschichte zu.
Bild: Dominik Galliker

“Was für feige Leute!” – “Gibt es ja nicht! Da schäme ich mich für meine Stadt.” Die Reaktionen der Leserinnen und Leser sind heftig, nachdem Blick.ch die Geschichte publik machte: Am Sonntag vor einer Woche soll in Bern ein Mann in einem Nachtbus von drei Männern verprügelt worden sein und dies vor den Augen von mindestens 80 Fahrgästen. Eingegriffen hat laut Blick.ch niemand, auch die Polizei wurde nicht verständigt. Ob die Schilderungen stimmen, ist fraglich. Blick.ch nennt keine Quellen und der Busfahrer sagt, er habe nichts bemerkt.

 

Zuschauereffekt

Ähnliche Geschichten tauchen jedoch immer wieder in den Medien auf. Passanten beobachten eine Straftat, reagieren aber nicht. In der Psychologie ist dieses Phänomen bekannt und gut beschrieben. Man spricht vom sogenannten Bystander-Effect (Zuschauereffekt).

 

Der Begriff ist fest verknüpft mit einer brutalen Geschichte, die sich 1964 in New York zutrug. Es ist die Geschichte, wie die 28-jährige Kitty Genovese vergewaltigt und erstochen wurde. Zwei Wochen nach ihrem Tod deckte die New York Times folgendes auf: “Mehr als eine halbe Stunde lang beobachteten 38 achtbare, gesetzestreue Bürger in Queens, wie ein Mörder eine Frau in Kew Gardens belästigte und auf sie einstach. Zwei mal wurde der Täter von den Stimmen der Anwohner und dem plötzlichen Aufleuchten ihrer Schlafzimmerbeleuchtung unterbrochen und vertrieben. Jedes Mal kehrte er zurück, suchte sein Opfer erneut auf und stach weiter auf die Frau ein. Keine einzige Person rief während des Übergriffs die Polizei. Ein Zeuge verständigte die Polizei, nachdem das Opfer verstorben war.” (Übersetzung von Tink.ch)

 

Zerfall der Gesellschaft

Jahre später wurde bekannt, dass der Journalist etwas gar dick aufgetragen hatte. Doch bei seinem Erscheinen, warf der Artikel hohe Wellen. Warum schauen 38 Nachbarn eine halbe Stunde lang zu, ohne die Polizei zu alarmieren? Während Politiker den moralischen Zerfall der Gesellschaft herbeischrien, suchten zwei junge Psychologen, John Darley und Bibb Latané, nach Erklärungen.

 

Unabhängig davon, wie viele Passanten anwesend sind, kann Hilfe laut Darley und Latané an einigen Hürden scheitern. Zum Beispiel greifen Passanten nicht ein aus Angst, selber verletzt zu werden. Allerdings fanden die beiden Psychologen heraus, dass gerade in grossen Gruppen häufig niemand reagiert. Sie nennen dabei zwei Hauptgründe.

 

Zum einen geschah der Mord an Kitty Genoves um drei Uhr morgens, die Nachbarn wurden von den Schreien der jungen Frau geweckt und schauten aus dem Fenster. Was draussen vor sich geht, war in der Dunkelheit wohl schwer einzuschätzen. Ein Notfall oder bloss ein heftiger Streit? Ruft man bei letzterem die Polizei, könnte man sich blamieren. John Darley und Bibb Latané fanden heraus, dass Menschen sich in solch unsicheren Situationen an den anderen orientieren. Wenn diese nicht reagieren, wird es sich wohl nicht um einen Notfall handeln. Weil jedoch alle ratlos sind, greift gar niemand ein.

 

Zum anderen ist es in der Menge leicht, die Verantwortung auf jemand anderes  abzuschieben. Wenn man als Nachbar am Fenster steht, Kitty Genoves Schreie hört und selber Angst hat, ist es ein einfacher Ausweg, zu denken, der andere Nachbar könne besser eingriffen. Vielleicht sieht er die Situation von seinem Fenster aus besser und kann die Situation den Sicherheitskräften deshalb genauer beschreiben. Vielleicht hat er eine Waffe zuhause oder ist gar selber Polizist. Doch wiederum gilt: Wenn alle so denken, greift niemand ein.

 

Hoffnung

So ergibt sich eine paradoxe Situation: Der 20-Jährige, der angeblich im Berner Moonliner verprügelt wurde, hatte Pech, dass der Bus voller Leute war. Hätten nur wenige Fahrgäste den Angriff beobachtet, wäre die Chance wohl grösser gewesen, dass ihm jemand zu Hilfe geilt wäre.

 

Und wem dieser Text jetzt Angst gemacht hat, dem sei noch verraten, wie er den Bystander-Effect durchbrechen kann: Werden Sie selber einmal angegriffen, zeigen Sie am besten mit dem Finger auf einen Passanten und Sie bitten genau ihn um Hilfe. Er kann die Verantwortung nicht mehr auf andere abschieben. Und sobald ein Passant zu Hilfe eilt, werden sich andere an ihm orientieren und folgen.