Kultur | 13.11.2012

Der Folk lebt

Text von Charlotte Hoes
Einen Tag lang waren sie am vergangenen Donnerstag in Zürich, bevor sie erneut aufbrachen, um ihre Mission weiterzuführen: Die Truppe um Chuck Ragan zieht los, um dem Folk neues Leben einzuhauchen. Auf der Revival Tour wird Chuck Ragan jedes Jahr von wechselnden Künstlern begleitet und geht damit zum fünften Mal um die Welt.
Die Revival Tour begeisterte auch 2012 das Publikum in Zürich.

Jeden Auftritt zu etwas besonderem zu machen, das ist das Ziel. “Nächstes Jahr können komplett andere Leute vor euch stehen, aber das hier – diese Stimmung, dieses Gefühl, diese Menschen – das ist einzigartig”, schwelgte Chuck Ragan am Ende der Vorstellung. Zehn Musiker hatten zuvor gut dreieinhalb Stunden für Folk in seiner Fein- und Reinform gesorgt. Für das sporadisch reinhörende Ohr konnte das fast zu viel sein, für den Liebhaber war es gerade lang genug.

 

Hohe Erwartungen

Im letzten Jahr hatte die Revival Tour mit Brian Fallon, Dave Hause, Dan Andriano und natürlich Chuck Ragan die Messlatte sehr hoch gesetzt. Dieses Mal schlossen sich vier andere Einzelmusiker der rauen, markanten Stimme des Amerikaners an. Wieder mit dabei waren auch der gelassene Jon Gaunt am Kontrabass und der virtuose Joe Ginsberg an der Violine. Das Abart bot bei familiärer und gelassener Atmosphäre den richtigen Rahmen, um der abwechslungsreichen Musik zu lauschen. Den Anfang machte Cory Branan, der mit weitaufgerissenen Augen, harten Gitarrenspiel und ungezäumter Energie eine Mischung aus Furcht, Belustigung und Bewunderung auslösen konnte. Sich seiner Bühnenpräsenz bewusst, setzte er sie humorvoll ein. Seine Songs glichen eher Kurzgeschichten, als dass es ihm darin um Poetik ginge.

 

Musikalische Einzeldarbietungen

Lyrisch besang hingegen Emily Barker das Publikum. Die kleine, zierliche Australierin hatte das Herz einiger männlichen Zuschauer rasch erobert und mit ihrem gewinnenden, herzlichen Lächeln auch den restlichen Teil bald auf ihrer Seite. Mit klarer Countrystimme und abwechslungsreichen Melodien, häufig von ihren Kollegen begleitet, überzeugte sie als weiblicher Part. Ihr folgte Jay Malinowski. Der Kanadier brachte gleich noch drei Streicher mit: The Dead Coast. Ihr aller Herz schien sich dem Meer entgegen zu neigen, so spielten sie viele Sailor-Songs oder solche, die vom Ozean handeln. Eigentlich einer Raggaeband angehörend, stimmte er ein entsprechendes Lied an, bei dem ihn Chuck Ragan, Cory Branan und Rocky Votolato unterstützten. Die Paarung aus Folk und Raggae liess die Luft ein weiteres Mal vibrieren. Eine völlig andere Richtung bot Rocky Votolato – dies umso tiefgehender. Gross ist er nicht, der hübsche Amerikaner mit den blitzenden Augen, doch seine Musik ragte weit über ihn hinaus. Songs wie “Goldfield” und “Suicide Medicine” klangen noch Stunden nach.

 

Atmosphärischer Höhepunkt

Die Stimmung explodierte, als Chuck Ragan das letzte Set anstimmte. Mit “Meet you in the middle” und “Nothing left to prove” heizte er nochmals ein. Man lag ihm zu Füssen, wie man es nach der Zusammensetzung des vergangenen Jahres sowieso schon tat. Dass er als “special guest” auch Digger Barnes auf die Bühne lockte, machte ihn nur noch besser. Die Highlights waren die gemeinsamen Darbietungen aller, welche die Show am Anfang und am Ende umrahmten. In keinem anderen Augenblick drängt sich die Menge näher an die Bretter und begleitete inbrünstiger die Lieder. Auch die Musik selbst war nie besser, durchdringender, ausgelassener, gefühlvoller, als in jenen Momenten, da sich die zehn Musiker leidenschaftlich die Bühne teilten. Am Ende resümierten die Musiker singend mit dem Publikum: “We all got to be going somewhere”. Und so wurde man in die Nacht entlassen: verzaubert, melancholisch, glücklich, suchend.