Kultur | 28.11.2012

Dekadenz und Überdruss im Englischen Seminar

Text von Amadis Brugnoni | Bilder von Sophie Hall
Im Theaterkeller des Englischen Seminars in Basel erklingt bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ein Stück der Theatergruppe The Gay Beggars. Mit "Lady Windermere's Fan" von Oscar Wilde hat sie einen Klassiker ausgewählt, der in den letzten 120 Jahren sehr oft interpretiert wurde. Vielleicht etwas zu oft.
Während die anderen Damen über sie tratschen ... ... freut sich Lady Windermere über ihren Fächer.
Bild: Sophie Hall

Es ist wieder mal Zeit für eine Party. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wird diese in Form eines Balls durchgeführt. Das ist die beste Form, um in einem Oberhaus zusammenzukommen und sich unter Leuten auszutauschen. Alle kommen sich unheimlich wichtig vor und die meisten tragen Titel wie “Lord” oder “Duchess”. Die Herren kleiden sich steif in Frack und Fliege und die Damen übertrumpfen sich mit prachtvollen Kleidern und extravagantem Haarschmuck.

 

Dekadenz steht vor Zurückhaltung

Schon durch die Szenerie alleine kann sich der Zuschauer ein Schmunzeln nicht verkneifen. England befindet sich gerade im wirtschaftlichen Aufschwung und Dekadenz und Überdruss haben in den Villen der Aristokraten Einklang gefunden. Oscar Wilde kann dabei auch nicht darauf verzichten auf die Stereotypen der Gesellschaft zurückzugreifen: die Männer umwerben die Frauen und die älteren Damen tauschen den neusten Klatsch untereinander aus.

 

Der Fächer steht vor dem Problem

Mitten in diesen Ball platziert Oscar Wilde ein Beziehungsdrama, welches die Ehe von Lady und Sir Windermere auf die Probe stellt. Besonders der Fächer, den die Lady von ihrem Ehemann zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, wird ihr zum Verhängnis. Und nur im letzten Moment findet sich ein Ausweg aus der misslichen Lage, die wie oft in Wildes Stücken auf blosse Missverständnisse zurückzuführen ist.

 

Komik steht vor der Handlung

“Lady Windermere’s Fan” ist nicht Oscar Wildes bestes Werk und gerade das macht auch den Gay Beggars zu schaffen. Wilde zieht den Haupthandlungsstrang unnötig in die Länge und bricht ihn ständig durch die Nebenrollen. Diese geben der Komödie zwar den nötigen Witz, verhelfen jedoch nicht zu einem Spannungsbogen. Im Gegenteil: Wortwitz und Komik der Nebencharaktere ziehen den Fokus stark auf sich und lassen den Hauptrollen nicht viel Platz, sodass diese in den Hintergrund rücken. Leider schaffen es auch die Hauptdarsteller nicht, diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken und bleiben im Schatten der Nebenrollen stehen.

 

Tradition steht an erster Stelle

Nichtsdestotrotz gestalten die Gay Beggars unter der Regie von Eleanor Lowen und Lesley Loew einen unterhaltsamen Abend und zeigen eine traditionelle Inszenierung eines Klassikers, was in der heutigen Theaterwelt nicht mehr so oft zu sehen ist. Im Gegensatz zur Farce “Noises Off”, die von den Gay Beggars im Frühling dieses Jahres aufgeführt wurde, ist “Lady Windermere’s Fan” ein eher gemächliches Stück. Es passt jedoch gut zu den “Lords” und “Ladies”, bei denen es inmitten von Dekadenz und Überdruss überhaupt keinen Grund zur Hektik zu geben scheint.

 

 


29. und 30. November, sowie 1. Dezember jeweils 20:00 Uhr, im Theaterkeller des Englischen Seminars, Nadelberg 6, 4051 Basel.

Links