Gesellschaft | 07.11.2012

Das Wasserschloss Schweiz im getrübten Wässerlein

Text von Anna Schwob | Bilder von Luedi/pixelio.de
Vom 2. Bis am 4. November 2012 haben sich Studierende der Schweizer Hochschulen und Universitäten in der Burg Rotberg im Kanton Solothurn zu einer Tagung unter dem Titel: "Wasserschloss Schweiz - Wie weiter?" getroffen. Das Wochenende drehte sich rund um die Frage des Umgangs mit der natürlichen Ressource Wasser - weltweit und auf die Schweiz bezogen.
Die Frage ist, wie lange das Wasser noch fliesst -“ und wo.
Bild: Luedi/pixelio.de

Enviro wird seit dem Jahr 1999 regelmässig einmal jährlich durchgeführt und soll die Kommunikation zwischen Umweltstudierenden schweizweit ermöglichen und fördern. Bei der Tagung wird grossen Wert auf umweltbewusstes Handeln gelegt, sodass während der drei Tage vegetarisch gekocht und gegessen wird. Dafür wurde der Röstigraben bewusst ignoriert und mit Vorträgen in den Landessprachen Deutsch und Französisch gekonnt überbrückt. Wo der Fremdsprachenunterricht in der Schule nicht ausreichte, wurde mit Flüstermikrophonen übersetzt. Seit der ersten Enviro-Tagung hat sich vieles getan. Statistiken, die ungemütliche Fakten über die Verschmutzung der Erde beinhalten, wurden erhoben und mit jedem Jahr, wurden die Fakten ungemütlicher.

 

Konferenzen zur Lösung der Umweltproblematik kamen und gingen, doch konkrete Partizipation an der nachhaltigen Entwicklung der Erde basiert auch heute noch auf freiwilliger Basis, was sich im Erfolg der Massnahmen niederschlägt.

 

Woher nehmen, wenn kein Abwasser da ist?

Passend zum Titel der Tagung fand Enviro.12 tatsächlich in einer Burg statt, von der aus es sich ähnlich komfortabel über das Leimental blicken liess, wie es sich von der Schweiz aus über weltweiten Wassermangel diskutieren lässt. Eine Art Elfenbeinturm. Dementsprechend wurden Vorträge und Workshops im Rittersaal abgehalten und die gemeinsamen Essen waren von der Vereinigung der Tafelrunde nicht so weit entfernt. Doch möchte man den Vergleich zwischen Burg Rotberg und Wasserschloss Schweiz konsequent weiterziehen, wäre wohl höchstens Versaille einer angemessenen Tagungsstätte gerecht geworden.

 

Max Maurer, Mitarbeiter der eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz referierte zum Auftakt der Tagung über das Schweizer Kanalisationssystem und ging auf die Frage der Nachhaltigkeit unseres Abwassermanagements ein. Bereits aus den ersten Zahlen wird deutlich: das System der Schwemmkanalisation ist veraltet. Einerseits weil die Leitungen in den nächsten Jahrzehnten ihre Lebensdauer von etwa achtzig Jahren überschreiten werden aber andererseits auch weil eine Zahl von 5 Milliarden Menschen, die 2050 unter akutem Wassermangel leiden werden, sich schlecht mit einem Minimum von 100 Liter Wasser pro Person und Tag vereinbaren lässt, die verbraucht werden müssen, um überhaupt das Kanalisationssystem in Gang zu halten.

 

Urin separieren statt Rohre ausflicken

Ein Flicken und Ausbessern der Rohre kann also langfristig keine Lösung sein. Aber wo findet sich die Lösung? “Wir wissen es auch nicht”, gesteht Max Maurer ganz offen und lädt die Teilnehmenden zum zukünftigen Mittüfteln und Miterfinden ein. “Brauchen Sie einen Job?”, fragt er lachend einen Studierenden, der sich skeptisch zur Schweizer Wasserpolitik äussert. So ironisch kann seine Frage jedoch nicht gemeint sein, dies lässt sich aus der Auseinandersetzung mit den zwei Alternativen schnell erfahren. Kleinkläranlagen oder Urinseparierung heisst die Frage wobei beide Konzepte in einigen Ländern bereits testweise zum Einsatz kommen. Und was hierzulande noch immer eine Spielerei der Forschung ist, steht in Entwicklungs- und Schwellenländern klar als die grosse Existenzfrage im Raum.

 

Aus dem Referat von Max Maurer geht klar hervor: Zentralisierung war gestern. Heute sucht die Forschung nach Möglichkeiten, Wasser lokal wieder aufzubereiten und so in einem geschlossenen Kreislauf zu halten, der den natürlichen Wasserkreislauf möglichst nicht beeinträchtigt. Die hohe Wasserqualität in der Schweiz kommt nicht von ungefähr, sie ist Resultat eines zunehmend verbesserten Umgangs mit Wasser und der Verschärfung des Gewässerschutzes. Vom verwendeten Grundwasser können mehr als 50 Prozent ohne Aufbereitung als Trinkwasser verwendet werden. “Der Schweiz wird das Wasser nicht ausgehen”, so Max Maurer. Der Wasserverbrauch von 140 Liter pro Person und Tag ist rückläufig, dank einer grossen Niederschlagsmenge muss nur 5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bewässert werden und die Gletscher sind trotz ihres Schwindens noch immer ein immenser Wasserspeicher.

 

Es könnte schlimmer sein, es könnte schlimmer werden.

Um die Wasserbilanz der Schweiz steht es heute schon viel besser als noch vor einigen Jahren. Das wird etwa deutlich, wann man sich die Fortschritte im Gewässerschutz ansieht. Dies kam am Samstagmorgen im Vortrag von Daniel Küry, Dozent für Gewässerökologie an der Universität Basel zur Sprache. Sehr zur Enttäuschung der Raubvögel, denen die mangelnde Wertschätzung von sauberen Flüssen scheinbar sehr zugute kam und die sich bis zur Einführung der Kläranlage 1983 in Basel der treibenden Schlachtabfälle im Rhein erfreuen konnten. Trotz dem Abwandern oder besser Ausfliegen dieser Tiere hat sich die Biodiversität im Rhein seither stark verbessert. Zahlreiche Gewässerrevitalisierungsprojekte, Schutzzonen und Wiederansiedlung einiger Arten haben dazu geführt, dass heute wieder mehr verschiedene Arten am Rhein leben. Doch es bleibt viel zu tun. Noch immer findet sich schweizweit nur eine verschwindend kleine Anzahl Gewässer, die dem  Naturzustand nahe kommen, obwohl dieser für die Biodiversität von grosser Wichtigkeit sind.

 

Erfolgreiche Bilanz

Das Enviro.12 war aus Sicht der Präsidentin des Organisationskomitees Nora Berner ein voller Erfolg. Sie erhoffte sich für die Teilnehmenden einen regen Austausch, die Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser sowie eine Erweiterung des beruflichen Horizonts. Dank einem sehr abwechslungsreichen Programm sind diese Ziele durchaus erreicht worden. Sich selber sieht Nora Berner zukünftig in der Umweltbildung.

 

Ob das Wochenende nun die eine oder den anderen dazu gebracht hat, für das Thema Wasser Feuer zu fangen, sei dahingestellt. Fest steht, dass ein ein Bewusstsein geschaffen wurde. Ein Bewusstsein dafür, dass der Welt das Wasser eben nicht bis zum Halse steht und das genau dies die Herausforderung ist.