Kultur | 13.11.2012

Bulldog ant – Ein Tanzstück von Lust und Leiden

Text von Lisa Inauen | Bilder von Andreas J. Etter
Mit ungeteilter Aufmerksamkeit blickt das Publikum auf die Bühne der Lokremise. Die Stille wird nur vom Quietschen einer Kreide an einer riesigen Wandtafel unterbrochen. Holzbalken werden herumgetragen. Eine dunkel gekleidete Frau ist, mit abgewandtem Gesicht, an einen Pfosten gebunden. Ein Mann im Bärenkostüm tappt bedrohlich auf der Bühne herum.
Schockierendes und Berührendes in Einklang. Vorne Hella Immler, hinten Exequiel Barreras und Sandra Klimek. Ausdrucksstarker Tanz in seiner Perfektion mit Sandra Klimek.
Bild: Andreas J. Etter

Eine junge Frau beginnt, sich ruckartig zu bewegen. Ein pulsierender Beat schlägt, er wird lauter und lauter, eine elektrische Gitarre setzt ein, weitere Tänzer beginnen, im Rhythmus der Musik von Vassilis Mantzoukis zu arbeiten. Im Hintergrund sieht man weitere Tänzer der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen, die verschiedene Tätigkeiten ausführen. Der Titel des Stücks stammt von den sogenannten “Bulldoggenameisen”. Typisch für diese ursprünglich, in Australien lebende Ameisenart ist ihr ausgeprägtes flexibles System. Dieses funktioniert perfekt, obwohl ziemlich viele Fehler und Zufälle durch die emsige Arbeit geschehen. Schnell wird klar, dass ebendiese Flexibilität ein reibungsloses Funktionieren von Abläufen möglich macht. Man bemerkt, dass Fehler nötig sind, damit sich Leben und Formen weiterentwickeln können.

 

 

Eine Geschichte von Arbeit und Vergnügen

Die beiden Choreografen Linda Kapetanea und Jozef Frucek haben, inspiriert von diesen Insekten, ein modernes Tanzstück kreiert, dessen Themen Lust und Elend, Arbeit und Vergnügen sind. Dabei wird der ständige Wechsel beider Seiten gezeigt. Es wird klar, dass wir ohne die mühselige Arbeit auch kein Vergnügen und somit keine Lust empfinden könnten.

 

Mit verschiedenen, auf den ersten Blick unverständlichen und wenig sinnvollen tänzerischen Motiven wird gezeigt, dass Arbeit zum Leben gehört. Die Tänzerinnen und Tänzer führen verschiedene Tätigkeiten aus, die, ebenso wie bei den Ameisen, nur im Zusammenhang einen Sinn ergeben. Wie Marionetten folgen die Tänzerinnen und Tänzer einem vorgegebenen Schema, das für den Zuschauer nicht ersichtlich ist. Die Arbeit für die Gemeinschaft steht im Vordergrund, trotzdem treten von Zeit zu Zeit Individuen in den Mittelpunkt, führen scheinbar impulsiv, schmerzhaft, lustvoll, und zuweilen auch verzweifelt eine Aktion aus und fügen sich dann wieder harmonisch ins Gesamtbild ein. Dem Zuschauer wird vor Augen geführt, wie stark eine Gemeinschaft sein kann trotz Verletzlichkeit und Schwachheit seiner Individuen. Wild und ruhig, mühelos und anstrengend, allein und gemeinsam, Vertrauen und Misstrauen, Erschaffen und Zerstören, Friede und Kampf halten sich die Waage und machen es für den Zuschauer spannend, dem teilweise provokanten und schockierenden Bühnengeschehen zu folgen.

 

Eisenbahnhölzer

Zentral sind dabei die etwa 40 Kilogramm schweren, relativ rohen Eisenbahnhölzer, die zusammen mit dem Mind-Map über den Begriff des Vergnügens und einem grossen Kreuz an der Wand das Bühnenbild (Peter Nolle) bilden. Die grossen Holzelemente werden von den Tänzerinnen und Tänzern zu verschiedenen Gebilden angeordnet. Bilden dadurch einen Wald, werden ein anderes Mal zu einem abstrakten Kunstgebilde gestapelt oder mit lautem Getöse umgestossen. Die Schlichtheit des Bühnenbildes lenkt zusammen mit den eher unauffälligen, dazu passenden Kostümen (Marion Steiner) den Blick der Zuschauer auf die ausdrucksstarken Handlungen der Tanzkompanie.

 

Tanzstück mit Tiefgang

Die Aufführung dieses Tanzstückes ist definitiv sehenswert, da auch Stoff zum Nachdenken und nicht nur eine rationale Geschichte präsentiert wird. Das Ganze hat etwas Ungewohntes und Geheimnisvolles. Am Ende der Vorstellung öffnet die junge Frau schwungvoll die Türe in der Bühnenmitte und verschwindet in der kühlen Herbstnacht. Der einsetzende Applaus holt einen zurück in die Realität, die plötzlich sehr emotions- und bewegungslos erscheint. Wie schade.

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