Gesellschaft | 13.11.2012

Anleitung zur Nebeldepression

Text von Samuel Giger | Bilder von Samuel Giger
Warum du eine tiefe Depression bekommen solltest, wissen leider die wenigsten Menschen. Falls auch du mit diesem Problem konfrontiert bist, soll dieser Artikel als Stütze dienen. Auch die Fortgeschrittenen werden einige Informationen für ihr Unglück aus diesen Zeilen ziehen können.
Ein nebliger Morgen. Schön? Sicher nicht.
Bild: Samuel Giger

Der Titel des Artikels mag manch vorschnellen Leser verwirren, da er oder sie zu wissen meint, dass man Depressionen besser vorbeugen sollte, anstatt sie zu erzeugen. Der eingeweihte Zeitgenosse aber weiss, dass Glück kein erstrebenswerter Zustand ist. Genau das Gegenteil ist nämlich der Fall, das Unglück ist die Triebfeder des menschlichen Geistes und sichert das Fortbestehen unserer Gesellschaft.

 

Das sich die Zahl der depressiven Menschen in unserer Gesellschaft erhöht, mag ein kleiner Lichtblick sein, aber das kann sich auch schnell ändern. Es gibt viele Wege sein Leben mehr oder weniger unglücklich zu gestalten. Hier soll eine weitere Perle ins Repertoire der kleinen Dinge aufgenommen werden, die das Leben zur Hölle machen.

 

Gerade der Übergang von Herbst zu Winter eignet sich besonders für den geübten Schwermütigen oder die trainierte Kummertante. Es gibt zahlreiche Gelegenheiten, den angestauten Frust aus den Tiefen des Geistes zu holen und den Tag griesgrämig zu gestalten.

 

Hier soll das Augenmerk vor allem auf die Nebeldepression gelegt werden, die mit ein wenig Übung und der richtigen Vorgehensweise für Jeden und Jede zugänglich ist. Um ein Maximum an Schwermut über die Seele einhergehen lassen zu können, sollten die folgenden kleinen Tipps und Tricks über den ganzen Tagesablauf hinweg befolgt werden.

 

Monotoner Start in den Tag

Am Morgen solltest Du ganz allgemein darauf achten, einen Wecker mit markerschütterndem Piepston zu verwenden. Mach dir noch, bevor du aus dem Fenster siehst, die Hoffnung, dass draussen die Sonne scheint – das verstärkt den negativen Effekt immens, wenn entgegen deinen Hoffnungen und Erwartungen hinter dem Fenster der graue Dunst des Niedergeschlagenseins liegt.

 

In deinem Hinterkopf baut sich ein leichter Unmut auf und genau da kannst du eingreifen. Viele ungeübte Leute machen den Fehler, sich eine heisse Tasse Tee zuzubereiten. Versuche, dies zu vermeiden und genehmige dir ein Glas kaltes Wasser vom Hahn. Setze dich wieder und beobachte deine Gefühle. Schnell wirst du merken, dass es in deiner Wohnung leicht frostig ist.

 

Wenn du jetzt daran denkst, dass du heute noch eine recht mühsame Arbeit zu erledigen hast, bist du auf dem richtigen Weg zu wahrer Trübsal. Denke aber noch nicht zu weit. Versuche Schritt für Schritt deinen Alltag auseinander zu nehmen. Erstmal muss die Scheibe des Wagens vom Eis befreit werden, dann kommt gleich mal der Morgenverkehr und vielleicht eine Ampel, an der du die einzige Person bist, die immer rot zu Gesicht bekommt.

 

Mache nicht den Fehler, dies dem Zufall zuzuschieben. Es gibt immer einen Grund für jede noch so zufällige Begebenheit. Vielleicht hast du es schlicht verdient, dass du immer an der Ampel stehen bleiben musst. Studien haben gezeigt, dass Menschen dazu neigen, auch für zufällige Dinge ein Muster zu ersinnen oder einen logischen Zusammenhang hinein zu interpretieren. Mache das also auf jeden Fall auch.

 

Bei der Arbeit kannst du auf die Standardfloskel “Wie geht’s?” mit “Dem Wetter entsprechend” antworten. Ein tiefer Seufzer kann diese Aussage sehr mitleiderregend gestalten. In der Pause wirst du den Wetterbericht auf den hinteren Seiten deiner Zeitung ordentlich studieren. Bestimmt ist da auch ein Bildchen mit Wolken ohne Sonne oder gar Wolken mit Nebel. Diese Bilder mit schlechtem Wetter zu assoziieren, ist weit verbreitet, du solltest das aber ganz bewusst machen.

 

Freunde und Bekannte vermeiden

Nach deinem trüben Arbeitstag machst du vielleicht normalerweise einen Spaziergang. Vermeide auch dies. Es hat ohnehin nur Nebel draussen und du kannst nur so viel sehen wie ein Kurzsichtiger ohne Brille. Falls du aus irgendeinem Grund doch rausgehen solltest, zieh dich nicht warm genug an. Ein Schnupfen oder im besten Fall eine Grippe kann dich um einiges unglücklicher machen.

 

Hör dir allein in deinen eigenen, im besten Fall kahlen vier Wänden eines der unzähligen überaus tragischen Requien an und lass deinen depressiven Gedanken freien Lauf. In Gedanken solltest du den Arbeitstag noch mal Schritt für Schritt durchgehen. Einige Mitarbeiter haben dich bestimmt schräg angeguckt oder über dich getuschelt. Vielleicht hat dir jemand sogar ein Kompliment gemacht, aber das darfst du nicht falsch interpretieren. In den meisten Fällen machen das Kollegen nur, weil sie es in einem Teamleiterleitfaden unter der Rubrik «Mitarbeitermotivation« gelesen haben, oder weil sie schlicht Mitleid mit dir haben.

 

Am Abend solltest du ein Treffen mit Freunden oder Bekannten vermeiden, denn in den überwiegenden Fällen haben diese kein so grosses Wissen, was das Unglücklichsein betrifft. So werden einige deiner Bekannten sicher den Fehler machen, Kekse mitzubringen oder, wenn du sie besuchst, welche anzubieten.

 

Fazit

Nebel ist äusserst hilfreich, dich in eine Depression zu stürzen, aber es zählt auch das ganze Umfeld und nicht zuletzt deine Einstellung dazu. Sieh das Negative auch in den kleinen und alltäglichen Dingen des Lebens. Davon kannst du in fast jeder Situation profitieren, denn woran kannst du sonst dein Unglück festhalten, wenn es einen sonnigen Tag gibt? Da solltest du dir vor Augen führen, dass auch Wetter etwas Alltägliches ist. Dein erster Gedanke sollte also sein: Jedes Wetter ist auf eigene Art schlecht, aber vor allem schlecht.

 

 

Die Inspiration


Der Artikel wurde von Paul Watzlawicks Buch, der “Anleitung zum Unglücklichsein” inspiriert. Das zu Grunde liegende Werk stellt eine Parodie zur Ratgeberliteratur dar und zeigt auf ironische Weise, wie Menschen dazu neigen, ihre eigene Unzufriedenheit herauf zu beschwören, obwohl sie eigentlich das Gegenteilige wollen.