Gesellschaft | 31.10.2012

Kisten packen, Möbel schleppen

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katharina Good
Im gleichen Haus geboren werden, leben und sterben? Das geht nicht. So sollte man vor dem Weltuntergang doch mindestens ein Mal umgezogen sein, in einer anderen Wohnung gelebt, eine neue Wand mit Postern zugeklebt haben. Eine Aufforderung, seine Sachen zusammenzupacken und weiterzuziehen - Teil Zehn der Serie "Das Ende ist nah".
Einmal im Leben sollte ein Tapetenwechsel her.
Bild: Katharina Good

Meine Oma wohnt seit über achtzig Jahren im selben Haus. Sie läuft jeden Tag die gleiche Treppe hoch und runter, kocht am gleichen Herd, sitzt auf dem gleichen Sofa, schliesst die gleiche Haustür ab. Meine Oma wurde in diesem Haus geboren. Sie ging von dort aus in die Schule, wurde grösser und älter, heiratete, bekam Kinder. Alles in diesem Haus. Die Kinder wohnen schon lange nicht mehr dort, sie schon. Vermutlich wird sie auch in diesem Haus sterben, irgendwann. Ich selber packe mindestens alle zwei Jahre mein gesamtes Hab und Gut ein und an einem anderen Ort wieder aus.

 

Ein Erfahrungsbericht

Wir leben in einer globalisierten Welt. Wir sind verbunden mit allem und jedem, reisen hierhin und träumen von Reisen dorthin. Wir sehnen uns nach Abwechslung,  zu schnell wird uns langweilig. Und manchmal haben wir einfach genug vom grauen eintönigen Alltag. Wieso aber klammern wir uns trotzdem so sehr an einen Ort, meist an unser Kinderzimmer, unser Elternhaus? Wechseln wir doch einfach mal die Tapete!

 

Ich probiere es also aus und packe meine Kisten – wieder einmal. Ich verstaue alles in Koffern und Taschen. Wie immer landen alle Bücher in einer Kiste, bis ich merke, dass ich sie dann nicht mehr tragen kann. Also wieder auspacken, Karton mit Kleidern auffüllen, Bücher verteilen. In die Tassen werden Socken gestopft, in die Schuhe auch, zwischen die vielen Schals kommen die feinen Kerzenhalter und andere zerbrechliche Dinge. Säuberlich wird alles beschriftet (“Bücher, Kleider, Schuhe” oder “CD’s, Bücher, Kleider” oder “Badezimmer, Küche, Bücher”) und gestapelt, bis ich umgeben bin von ganzen Karton-Türmen. Meine Holz-Kisten, bis anhin als Regale genutzt, staple ich ineinander, ich fühle mich wie in einem lebensgrossen Tetris-Spiel. Nägel werden aus der Wand gezogen, Bilder abgehängt, Klebestreifen weggekratzt. Und immer wieder stellt sich die eine Frage: “Behalten oder wegwerfen?” Auch andere Gedanken kehren beständig und zuverlässig zurück, wie bestellt: “Hier werde ich nie wieder duschen. Oder kochen. Joghurt essen. In den Türrahmen laufen, weil ich morgens noch nichts sehe. Frieren, weil die Heizung ausgefallen ist. Ich werde nie wieder diesen Boden staubsaugen, die Fenster putzen, mein Fahrrad durch die schmale Tür manövrieren.” Die Wehmut ergreift mich, und gleichzeitig die Neugier auf das, was kommt. Wie wird es an dem neuen Ort wohl werden? Was erwartet mich? Und wie lange werde ich dort bleiben?

 

Frei von Ballast

Während dem Kisten packen lässt sich noch ein Grund finden, einmal umzuziehen: Man findet so viele Erinnerungsstücke, taucht ein in vergangene Zeiten, denkt an vergessen geglaubte Erlebnisse oder gar Lebensabschnitte. Weiter merkt man, wie viel Ramsch sich doch so mit der Zeit ansammelt. Wie viele Dinge nur herumliegen und verstauben, obwohl sie an einem anderen Ort viel Freude bereiten oder nützlich sein könnten. Man entdeckt Kleider, die man jahrelang nicht mehr getragen hat. Spiele, Bücher, Briefe. Und das Schönste dabei: Man kann vieles mit gutem Gewissen wegschmeissen oder verschenken. Denn bei einem Umzug merkt man: Ich brauche eigentlich gar nicht so viel. Zumindest gelangen die meisten Umzügler spätestens nach dem Kisten schleppen zu dieser Einsicht. Und die Freiheit, die man spürt, wenn man zu einer Rucksackreise aufbricht und lediglich drei Kisten Hab und Gut in einem Keller verstaut hat, sollte niemand missen.

Je nach Wohnsituation führt man ein anderes Leben. Das kann ich aus eigener Erfahrung mit Überzeugung sagen. Allein in einer Wohnung, mit Freunden in einer WG, mit Fremden in einem Wohnheim – unser Alltag und Lebensgefühl wird stark davon beeinflusst. Es lohnt sich, verschiedenes auszuprobieren. Also: Packt eure Kisten, zieht aus von daheim oder macht euch auf eine Reise, mit eurem ganzen Besitz auf dem Rücken. Wechselt die Tapeten. Ihr werdet es nicht bereuen. Und falls doch: Die Welt geht sowieso bald unter.

 

 

Zur Serie


 

Dieser Artikel ist der zehnte aus der Serie “Das Ende ist nah”. Einmal im Monat legt Tink.ch-Autorin Veronika Henschel hier Dinge nahe, die man unbedingt noch tun sollte, bevor die Welt am 21. Dezember (vielleicht) untergeht.