Gesellschaft | 20.10.2012

“Jeder hat das Recht mal auszuschalten”

Online-Journalisten müssen ständig online sein. Diese Meinung war lange Zeit vorherrschend. Glaubt man den Podiumsteilnehmern von gestern Abend, hat sich das in der Zwischenzeit geändert. Online-Journalisten hätten dazugelernt. Nicht immer argumentierten die Podiumsteilnehmer ganz einleuchtend.
Im Gespräch mit Moderator Konrad Weber: Alexandra Stark, freie Journalistin und Ausbildnerin am MAZ und Hansi Voigt, Chefredaktor von 20 Minuten Online.
Bild: Manuel Lopez "Sonntag"-Chefredaktor Patrik Müller sagte: "Ich werde dafür bezahlt zu twittern, online zu sein und die Zeitung zu lesen" Das Publikum im Saal der ZHdK hörte aufmerksam zu... ...und twitterte eifrig Fragen aufs Podium.

Ständige Erreichbarkeit ist relativ. Das weiss auch Patrik Müller, Chefredaktor des «Sonntag«: «Als ich beim Windeln wechseln nebenbei noch mit Leuten von der Zeitung telefoniert habe, merkte ich, jetzt ist es vielleicht zu viel.« In der Zwischenzeit ist er älter geworden – und reifer, auch hinsichtlich der virtuellen Präsenz. Heute wickelt er nicht mehr mit dem Telefon in der Hand. Dafür checkt er um halb elf Uhr abends die letzten Mails. Ein Sklave der modernen Technologien sei er deswegen nicht.

 

Journalismus 24/7 gibt es nicht

Alexandra Stark, freie Journalistin und Ausbildnerin am Medienausbildungszentrum ist ähnlicher Meinung: «Ich bin grundsätzlich immer für euch da, ausser, wenn ich keine Zeit habe«, sagt sie ihren Studenten. Man müsse sich eben auch einfach mal Zeit nehmen, um in ein Café zu sitzen. Und Hansi Voigt, Chefredaktor bei 20 Minuten Online, ist sowieso der Meinung, dass Journalismus nicht rund um die Uhr betrieben wird. «24-Stunden-Journalismus, das tönt immer so gut.«

 

Die Stossrichtung der drei Teilnehmenden am Podium gestern Abend war überraschend eindeutig: Fast schon demonstrativ ergriffen sie Partei für die neuen Medien. Das Problem, dass neue Technologien den Journalismus in den letzten 20 Jahren verändert und erheblich beschleunigt haben, sei eigentlich gar kein Problem. «Ich werde dafür bezahlt zu twittern, online zu sein und die Zeitung zu lesen«, sagte Müller am Podium. Das sei das Privileg des Journalistenberufs.

 

Das Recht, abzustellen

In den letzten Jahren hat auch die alte Garde des Journalismus-˜ gelernt, mit den Herausforderungen umzugehen. Die Zeiten der grauhaarigen Journalisten, die sich nur widerwillig mit dem Internet anfreundeten, scheinen vorbei zu sein. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass Chefredaktoren wie Hansi Voigt und Patrik Müller oder Ausbildnerin Alexandra Stark – alles gestandene Leute ihres Fachs – den neuen Medien jetzt Grenzen setzen. Abgrenzung wird wieder zu einem Thema und ein Breaking Alert ist nicht mehr grundsätzlich etwas Positives. «Jeder hat das Recht mal auszuschalten«, so Hansi Voigt.

 

Alles beim Alten?

Die Tatsache, dass sich die Journalisten von heute solche Aussagen erlauben können, ist grundsätzlich positiv, greift aber zu kurz. Denn erstens befinden sich alle Podiumsteilnehmer in einer privilegierten Situation: In leitender Position haben sie eindeutig mehr Freiheiten bei der Einteilung ihrer Arbeitszeiten und der Wahl ihrer Aufträge als etwa junge, freischaffende Journalistinnen und Journalisten. Und zweitens schaffen es nicht einmal diese privilegierten Journalisten, ihre Vorsätze umzusetzen. Patrik Müller, der am Podium zu Protokoll gab, der Montag sei sein Sonntag, füllt am Montag gleich selber die Onlineinhalte seiner Zeitung ab – wenn’s denn dringend ist.