Kultur | 07.10.2012

Im Sturm

Text von Céline Graf | Bilder von zvg.
Der Kurzfilm "Nothing Can Touch Me" des dänischen Regisseurs Milad Alami thematisiert das Aussenseitertum und das Amoklaufen in der Schule auf kreative und intensive Weise. Erst am Ende wagt man, durchzuatmen.
Katerine wird vom Amokläufer verschont, weil sie ebenso eine Aussenseiterin ist.
Bild: zvg.

Durch den Türspalt kann sie ihn sehen. In seiner Hand ein Gewehr. Anton blickt in den Spiegel. Tiefe Ringe unter seinen Augen. Dann zieht er die Maske wieder über den Kopf und verlässt die Mädchentoilette.

 

Diese Szene ist vor Spannung kaum auszuhalten. Der 29-minütige Kurzfilm “Nothing Can Touch Me” aus Dänemark handelt von einem Amoklauf an einer Schule. Hauptfigur ist die Schülerin Katerine, welche durch Zufall in der Toilette als einzige den Täter identifiziert. Wie Katerine später erfährt, hat er sie im Spiegel gesehen, aber absichtlich verschont. Weil auch sie eine Aussenseiterin ist. Indem in “Nothing Can Touch Me” die Aufmerksamkeit auf die Ursachen und Hintergründe von Amokläufen an Schulen gerichtet ist, wird eine klare Grenze zum Attentat von Utoya gezogen, obschon die Themenwahl an sich natürlich trotzdem Erinnerungen an jenes Ereignis weckt.

 

Ein Kuss inmitten der Katastrophe

Die detaillierte Planung der Tat, das Ankündigungsvideo auf Youtube, das Klassenfoto als Todesliste, der Abschiedsbrief – solche Vorzeichen eines Amoklaufs finden Katerine und drei weitere Schüler im Haus des Täters vor. Zu diesem Zeitpunkt ist das Massaker bereits geschehen. Aber der Alptraum ist noch nicht vorbei: Im Garten läuft Katerine in die Arme von Anton (Aske Bank). “Einsam. Sie nicht”, hat er auf dem Klassenfoto über ihren Kopf geschrieben. Denn die Mitschüler zählen Katerine ohne ersichtlichen Grund aus. Das macht sie für den Täter “unberührbar”, worauf der Filmtitel anspielt. Im Kontrast dazu steht der Kuss, den Katerines Schwarm ihr in Antons Haus gibt, wider dem Druck der Clique. In dieser Naheinstellung scheint die Welt für einen kurzen Moment in Ordnung.

 

Was “Nothing Can Touch Me” so besonders und so besonders gut macht, ist zum einen das Drehbuch (Anders Albjerg Kristiansen) voller überraschender Wendungen – die Spannung wird bis zum Schluss gehalten. Und zum anderen die Hauptdarstellerin. Man kann nur staunen, mit welcher Intensität die Jugendlichen, vor allem eben Coco Hjardemaal als Katerine, den Emotions-Sturm aus Schock, Wut, Zuneigung, Trauer, Schuldgefühlen, Angst und Courage auf die Leinwand bringen.

 

 

Info zum Film


“Nothing Can Touch Me” (Dänischer Originaltitel “Intet Kan Røre Mig”), 2011. Regie: MiladAlami, Produktion: The National Film School of Denmark in Kooperationmit DR and Nordi”k Film A/S und Film iVästerbotten / LillCasslind. Der Kurzfilm wurde bereits zum Nordic Talent 2011 gewählt und gewann am Cleveland International Filmfestival 2011 in den Kategorien Best Student Short Film, Publikumspreis und Best Shortfilm.