Politik | 16.10.2012

Giesskanne, Kultur und der Untergang des freien Westens

Text von Stav Szir | Bilder von zvg
Der Autor und Ökonom Beat Kappeler erklärt im Interview mit Tink.ch, warum die Welt bei einer Einführung des Grundeinkommens in der Schweiz dem Ende nahe wäre.
Beat Kappeler würde bei der Annahme eines Grundeinkommens durch das Volk "sofort auswandern".
Bild: zvg

Tink.ch: Wo sehen Sie die Hauptgefahren in der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens?

Beat Kappeler: Es bringt die totale Zentralisierung und Politisierung der Gesellschaft. Der grössere Teil der Einkommen wird aus einer zentralen Kasse bestritten, alle werden zu Sklaven der Politiker, welche den Hebel in der Hand halten. Ausserdem würden die heute gezielten und hohen Sozialleistungen durch viel weniger Hilfeleistungen ersetzt, weil die Giesskanne viel kostet.

 

Aber was halten Sie von der Idee zur Finanzierung des Grundeinkommen, nämlich, dass man den Konsum anstelle der Arbeit besteuern soll?

Der deutsche Verfechter des Grundeinkommens schätzt, dass 50 Prozent Mehrwertsteuer nötig werden. Das heisst, wer überhaupt noch arbeitet, behält genau die Hälfte!

 

Was würden Sie denn machen, wenn Sie ein Grundeinkommen bedingungslos erhalten würden?

Auswandern, sofort.

 

Finden Sie nicht, dass zum Beispiel für die Jugend das Grundeinkommen bessere Möglichkeiten bietet, um sich auszubilden und einen grösseren finanziellen Freiraum um kulturell tätig zu werden?

Dummes Zeug, die Schweizer Jungen haben die kleinste Arbeitslosigkeit unter allen westlichen Ländern, sie sind besser ausgebildet denn je, und Kultur besteht aus Eingebung und Anstrengung, nicht aus arbeitslosem Herumschweifen.

 

Was sind denn die Hintergründe für Ihr aktives Interesse am bedingungslosen Grundeinkommen?

Ich finde den Untergang des alten, freien Westens durch immer mehr Regelungen und durch die Papiergeldexpansion der Notenbanken schon schlimm genug. Wenn dann noch suggeriert wird, dass man leben kann ohne einen Finger zu rühren, ist das Ende da.

 

Die AHV wurde allerdings auch nicht in den ersten Anläufen angenommen. Welche Chancen räumen Sie der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen auf einer längerfristigen Zeitspanne ein?

Keine Chance, denn die grosse Mehrheit der Bürger weiss, dass nichts gratis auf Bäumen wächst, sondern dass der grosse Wohlstand nur auf grossem Arbeitseinsatz und enormer täglicher Disziplin aller beruht.

 

 

Zur Person


Dr. Beat Kappeler (*1946) ist Ökonom, Wirtschaftspublizist (u.a. Autor bei der NZZ am Sonntag und bis 2002 bei der Weltwoche) und Buchautor. Er studierte an den Universitäten Genf und Berlin Sozialwissenschaften. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wohnt in Hinterkappelen.