Kultur | 08.10.2012

“Es soll nicht alles so durchorganisiert sein”

Text von Manuel Kuhn | Bilder von Katharina Good
Tink.ch sprach mit dem Berner Stadtratspräsidenten Alexander Tschäppät über das Verhältnis des Filmfestivals zu der Stadt Bern und sein persönliches Verhältnis zu Filmen.
Alexander Tschäppät ist ein Film-Fan und sitzt gleich selbst im Vorstand des Locarno Filmfestivals. Ein bisschen chaotisch, wild und gleichzeitig herzlich und charmant soll das Shnit nach Alexander Tschäppät bleiben.
Bild: Katharina Good

Tink.ch: Wie wichtig ist das Shnit für Bern aus kultureller und wirtschaftlicher Sicht?

Alexander Tschäppät: Kulturell ist das Kurzfilmfestival Shnit für Bern extrem wichtig, und es wird jedes Jahr wichtiger. Es ist ein Festival, welches unglaublich wächst und an Bedeutung gewinnt. Vergleichbar mit dem Wachstum des Berner Strassenmusik-Festival Buskers.

Wirtschaftlich gesehen hat das Medium Film hauptsächlich eine indirekte Wirkung, denn er ist natürlich ein unglaublich guter und repräsentativer Botschafter für eine Stadt. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist das Werkzeug Film ein viel zu fest unterschätzter Wirtschaftsfaktor.

 

Welchen Aufwand betreiben Sie als Stadtpräsident für das Shnit?

Grundsätzlich ist wichtig, dass wir dieses Kulturprojekt bei uns haben. Deshalb unterstützen wir Shnit und nehmen es in unsere Jahresplanung auf. Für mich selber ist es auch immer eine Ehre an der Eröffnung eine kurze Ansprache halten zu dürfen und dann verbringe ich sicherlich einen Kurzfilmabend am Shnit. Dies ist der Aufwand, den ich betreibe und welcher mir diverse Stunden wert ist.

 

Sie haben die Unterstützung angesprochen. Wie unterstützt die Stadt Bern das Kurzfilmfestival Shnit?

Wir unterstützen Shnit ideell, finanziell mit Direktsubventionen und indem wir ihnen helfen Räumlichkeiten zu finden und diese dann auch zur Verfügung stellen. Ein Beispiel dafür ist der Progr, welcher stark mit der Stadt zu tun hat. Das Kornhausforum ist ein zweites und die Kirche ein drittes Beispiel.

 

In welcher Höhe wird das Kurzfilmfestival finanziell konkret unterstützt?

Ich würde meinen, es handelt sich um einen hohen vierstelligen, vielleicht auch fünfstelligen Betrag.

 

Ist dies ein Betrag, der jährlich wächst, ähnlich wie das Festival?

Ja, der ist jetzt immer gewachsen. Das Festival nimmt an Bedeutung zu, die Zuschauerzahlen steigen und das Interesse wächst. Dementsprechend werden auch die Unterstützungsgelder mehr.

 

Shnit sei eine Win-Win Situation für alle, sagte Olivier van der Hoeven, einer der künstlerischen Leiter in einem Interview von bäckstage.ch. Sehen Sie das ähnlich?

Da stimme ich ihm zu. Shnit ist im Vergleich mit den Filmfestivals Locarno oder Zürich ein kleines seiner Art und passt natürlich wunderbar in die Stadt Bern hinein. Die Filme werden in vielen charmanten Räumlichkeiten gezeigt, welche alle ziemlich nahe beieinander liegen und alle bequem zu Fuss erreichbar sind. Ich denke, man sollte auch die Herzlichkeit der Berner nicht vergessen, es wirkt hier nicht so aufgeblasen, wie das sonst andere Filmfestivals an sich haben.

 

Meinen Sie, alle sind stets zufrieden?

Ich denke schon. Der Vorteil von so einem Kurzfilmfestival ist natürlich, dass die Besucher nicht belästigen. Sie fallen nicht negativ auf, in dem sie Littering oder solche Sachen haben. Nein, sie haben sehr viele zufriedene Besucher, in kleinen, verschiedenen Räumen. Das macht, glaube ich, schon eine Win-Win Situation aus. Jede grosse Sportveranstaltung hat nicht nur Vorteile, weil die eben auch Littering und Verkehrsproblem mit sich bringen.

 

Angenommen, Sie wären für einmal der Chef des Shnits: Was würden Sie anders machen oder welchen Wunsch von Ihnen würden Sie umsetzen?

Mit meinen 60 Jahren bin ich in einem Alter angelangt, wo dies nicht mehr in Frage kommt. Diese Aufgabe überlasse ich getrost den Jüngeren. (lächelt) Die Organisatoren machen einen guten Job. Ich wüsste jetzt gerade nicht, wie man es anders machen könnte. Einen Wunsch wäre vielleicht, dass es sich international noch mehr positionieren kann. Das es einmal zu einem Festival wird, wo man nicht mehr daran vorbei kommt. Welches aber ein bisschen chaotisch, wild und gleichzeitig herzlich und charmant wie jetzt bleibt. Es soll nicht alles so durchorganisiert sein, wie das an anderen Orten ist.

 

Glauben Sie, dass wir einmal in Bern am Shnit international bekannte Persönlichkeiten zu sehen bekommen?

Nein, das glaube ich weniger. Ein Filmfestival mit Kurzfilmen, ist eine sehr spezielle Form von einem Festival. Es sollte klar sein, das keine Stars kommen.

 

Würden Sie sich als Film-Fan bezeichnen?

Ja, das bin ich. Über Shnit habe ich den Kurzfilm kennen gelernt, bin aber schon vorher Film-Fan gewesen. Ich bin im Filmfestival von Locarno im Vorstand, auch deshalb würde ich mich schon ein bisschen als Film-Fan bezeichnen.

 

Welcher ist denn Ihr Lieblingsfilm?

Warten Sie jetzt mal schnell. (überlegt lange…) Also einer meiner Lieblingsfilme ist sicher Bullitt mit Steve McQueen. Das ist ein 70er-Jahre, vermutlich 60er-Jahre Film mit Steve McQueen.

 

Können Sie sich an einen Film erinnern? Haben Sie einen diesjährigen Favorit?

Ich kann mich an einen südamerikanischen Film erinnern. Es handelte sich um ein Ehepaar, welches auf dem Markt Käse hätte kaufen gehen sollen. Und dann ist die ganze Vergangenheit «obsi cho«. Dieser Film hat mir sensationell gut gefallen, aber den Namen könnte ich Ihnen nicht mehr sagen.

(Anmerkung der Redaktion: Film-Name: Quai queijo você quer? Which cheese do you want? Welcher Käse willst du? Nominiert als einer von drei Filmen für den Festival Award, prämiert mit einem Flauming Faun Award in der Kategorie Audience Award.)