Gesellschaft | 03.10.2012

Ein Brief und ganz viel Geld

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katharina Good
Ein paar Wochen sind vergangen, seit ich dem Einbürgerungsrat verschiedene Fragen zur Schweizer Kultur, meinem Leben und meinen Absichten beantworten musste. Der sechste Teil der Serie "Ich lasse mich einbürgern" berichtet nun vom Warten, vom Geld und von halben Entscheidungen.
Auf dem Papier haben sie mich zur Gemeindebürgerin gemacht, in Wirklichkeit bin ich das jedoch noch nicht.
Bild: Katharina Good

Jeden Tag gucke ich in den Briefkasten, voller Ungeduld und immer mit einem Kribbeln im Bauch. Ist der Brief wohl da? Ist die Entscheidung über meine Staatsbürgerschaft gefallen? Es dauert eine Weile, eine lange Weile, in der ich mich ständig frage, ob meine Antworten beim Einbürgerungsgespräch nicht gut genug waren. Ob ich bei der Frage nach meiner politischen Gesinnung doch besser gelogen hätte. Meine Gedanken drehen sich im Kreis: Wollen die mich nicht hier in der Schweiz? Will ich überhaupt noch Schweizerin werden? Doch dann halte ich endlich einen dicken Briefumschlag der Gemeinde in der Hand.

 

Der Beschluss

Sehnlichst hatte ich auf diesen Brief gewartet, doch nun traue ich mich kaum, ihn zu öffnen. Was wird wohl drin stehen? Als erstes fällt mir eine Rechnung entgegen. Die Finanzverwaltung möchte 1150 Franken Einbürgerungsgebühr von mir haben. Ich schlucke schwer. Dann lese ich den offiziellen Bescheid der Gemeinde. Mein Antrag wird aufgeführt und dass ich alle nötigen Punkte erfülle. Auch habe das Einbürgerungsgespräch gezeigt, dass ich gut integriert sei. Unter Punkt 4 steht dann der entscheidende Satz: “Der Einbürgerungsrat erteilt gemäss Art. 107 Abs. 1 KV das Bürgerrecht der politischen Gemeinde.” Doch dann kommt Punkt 5, der meine anfängliche Freude wieder trübt: “Die Bürgerrechtsbewerberin ist noch nicht Bürgerin des Kantons St. Gallen (…).” Und schliesslich Punkt 9: “Die Einbürgerung ist nur gültig, wenn eine Einbürgerungsbewilligung der Bundesbehörde vorliegt.”

 

Schon wieder näher

Zusammengefasst heisst das also: Vor fast einem Jahr habe ich meinen Antrag auf Einbürgerung eingereicht. Ich habe sämtliche Ämter einer Gemeinde kennen gelernt, viele Formulare gesammelt und bezahlt und mich schliesslich mit der Einbürgerungskommission getroffen. Ich habe ihnen Auskunft gegeben über mein Leben, meine Ansichten, mein Wissen. Auf dem Papier haben sie mich zur Gemeindebürgerin gemacht, in Wirklichkeit bin ich das jedoch noch nicht. Denn um ganz eingebürgert zu sein, müssen erst Kanton und Bund ihr Ja geben – was mich nochmals mehrere Hundert Franken kosten und vermutlich ewig dauern wird. Es heisst also einmal mehr: geduldig sein und Tag für Tag in den Briefkasten schauen. Dennoch ist diese erste, wenn auch irgendwie nur halbe Entscheidung ein grosser Schritt hin zum blauen Kärtchen.

 

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist zwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Dies ist der sechste Teil dieser Serie.