Gesellschaft | 23.10.2012

Doppelleben: Vom Hörsaal auf den Strich

Text von Anna Maltsev | Bilder von zvg
Immer mehr Studenten finanzieren sich ihr Studium mit der Prostitution. Das schnelle Geld lockt, die Gefahren werden ausgeblendet. Zu welchem Preis sie sich das luxuriöse Studentenleben leisten, erkennen die meisten erst nach dem Studium.
Wer seinen Körper verkauft, kann sehr schnell viel Geld verdienen - doch der Preis dafür ist hoch.
Bild: zvg

Nervös schaut Jonas* sich um. Seine Hände zittern. Sein Blick ist leer. Es ist unglaublich kalt, doch davon spürt er nichts. Immer und immer wieder sieht er um die Ecke, bis schliesslich ein schwarzer BMW erscheint. Das muss er sein. Thorsten. Der Mann, mit dem er noch vor fünfzehn Minuten gechattet hat. So wie er das jeden Abend mit vielen Männern macht. Aber diesmal ist alles anders. Langsam kommt das Auto näher und ein mulmiges Gefühl steigt in Jonas hoch. “Was mache ich da nur?”, fragt sich der Student und bereut seine Entscheidung in diesem Moment. Doch abgemacht ist abgemacht. Ein Rückzieher kommt für ihn nicht in Frage. Jonas steigt ein. Der Mann sieht viel älter aus als auf dem Bild und irgendwie unheimlich. Zehn Minuten fahren die beiden umher, bis sie ein abgelegenes Industriegebiet finden. Schon eine halbe Stunde später ist alles vorbei und Jonas fährt mit 400 Franken nach Hause. Das ist jetzt drei Jahre her und war das erste Mal, dass der 23-Jährige seinen Körper verkaufte.

 

Datingplattform als “Jobbörse” für Studenten

Von aussen sieht Jonas aus wie ein ganz normaler Student. 1,80 Meter gross, dunkelbraune Haare, helle Augen, Laptop-Tasche um die Schulter gehängt und gerade im vierten Semester für seinen Maschinenbau-Bachelor an der ETH. Auf der Suche nach einem geeigneten Interviewplatz wirkt er angespannt, schaut sich immer wieder um und sagt, dass bislang nur seine beste Freundin von seinem Nebenjob wisse und das auch so bleiben sollte. In einem kleinen Raum im obersten Stock der Universität beginnt er schliesslich zu erzählen. Schon seit vielen Jahren habe er sich für Sex-Dates über Internetplattformen verabredet. “Angebote für bezahlten Sex bekommt man auf solchen Seiten für Homosexuelle als junger Student täglich, aber das kam für mich eigentlich nie in Frage”, so der 23-Jährige. Eines Abends schreibt ihn Thorsten an. Es ist Ende des Monats, das Konto ist leer. Ohne drum herumzureden bietet Thorsten ihm 300 Franken für Oralsex. Jonas zögert. Der Mann erhöht auf 400 und schickt ein Foto von sich. Nach einem kurzen Chat willigt Jonas ein. Von da an verabredet sich der Student immer wieder für diese Art von Sex-Dates. Für bezahlte Sex-Dates. “Für mich kommen nur Oralsex und Kunden, die ich attraktiv finde in Frage”, meint der Student und schaut zu Boden. “Nach solchen Treffen bleibt aber trotzdem immer ein komisches Gefühl zurück und ich muss noch einige Tage daran denken. Das Geld stecke ich sofort in ein Kuvert und will damit erst mal nichts zu tun haben. Ich gebe es auch erst Monate später aus.”

 

Jeder dritte Student kann sich Prostitution als Nebenjob vorstellen

Auch heute noch übt der Zürcher diesen Nebenjob aus. “Sehr selten und unregelmässig zwar”, wie er selbst sagt, doch wenn das Angebot stimmt und er in der richtigen Stimmung ist, sieht Jonas nichts Verwerfliches daran. Und diese Meinung teilen viele Studenten, wie eine Berliner Studie kürzlich herausfand. Von den 3600 Befragten könnte sich jeder Dritte Prostitution als Nebenjob vorstellen. Tink.ch befragte einige Schweizer Studenten zu diesem Ergebnis und kaum jemand zeigte sich überrascht darüber. “Mit Prostitution kann man sehr schnell viel Geld verdienen und im Normalfall selbst bestimmen, wie weit man gehen will. Klar reizt das viele. Als Student hat man schliesslich nie genug Geld”, so eine 21-jährige Wirtschaftsstudentin. Auch in den Nachbarländern scheint dieser Nebenerwerb nichts Ungewöhnliches: Laut dem Studentenverband SUD-Etudiant gehen in Frankreich knapp 40-˜000 Studentinnen und Studenten der Prostitution nach. “In Italien spricht man nicht so offen darüber, aber ich persönlich kenne mehrere Studentinnen, die sich ihr Studium auf diese Weise finanzieren”, berichtet die 20-jährige Austauschstudentin Lisa*.

 

Escort Service als “High-Level-Prostitution”

Lisa selbst modelt seit Jahren neben dem Studium. Neben Fashionshows und normalen Katalogaufnahmen gehören auch Nacktfotos zu ihren Aufträgen. Doch weiter würde die Studentin nicht gehen. “Bei vielen gehört Escort Service schon fast zum Modeln dazu. Nach einer Fashionshow bekommt man fast immer solche Anfragen. Ich kenne auch sehr viele Studentinnen, die da mitmachen. Man geht in schöne Restaurants und edle Clubs, bekommt alles bezahlt und verbringt anschliessend die Nacht in einem Luxushotel. Als normale Studentin hat man natürlich selten die Chance auf so ein Leben. Für mich ist das aber einfach nur “High-Level-Prostitution”, sagt die Italienerin. Auch die holländische Studentin Sophie arbeitet für einen Escort Service und schildert ihre Erfahrungen in einem Blog: “Ich liebe es einfach, in einem schicken Kleid in teuren Locations auszugehen und vor allem die Aufmerksamkeit der Männer gefällt mir. Als Gegenleistung können sie sich mit einer schönen Frau zeigen lassen und anschliessend gibt es guten Sex. Es ist ein Geben und Nehmen und eine Art Gegenpol zum eintönigen Studium tagsüber”, so die 22-Jährige.

 

Nach dem Studium kommt das Erwachen

“Dass auch dieser sogenannte ‘Labelsex’ eine Art von Prostitution ist, scheint vielen nicht bewusst zu sein”, sagt Angela Montanile, die seit 20 Jahren für Sexualdelikte bei der Stadtpolizei Zürich verantwortlich ist. Zudem seien die Frauen in der Regel zu jung und zu unerfahren, um die Spätfolgen ihres Tuns einschätzen zu können. “Sie gewöhnen sich an die Tatsache, dass sehr viel Geld in sehr kurzer Zeit verdient werden kann und vergessen dabei völlig, dass ihr Werkzeug, der Körper auch ein Verfallsdatum hat. Auch die Gefahr im normalen Alltag entdeckt bzw. erkannt zu werden, wird oftmals unterschätzt. Es ist sehr, sehr anstrengend, ein Doppelleben erfolgreich und unbeschadet über längere Zeit zu führen.” In dem Buch “Mein teures Studium” beschreibt eine junge Französin ihr Studentenleben als Teilzeit-Hure und die Konsequenzen daraus: “Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben mein Leben verändert – meine Persönlichkeit und auch meine Fähigkeit, von Herzen lieben zu können. Ehrlich gesagt würde ich heute alles anders machen… vielleicht sogar auf das Studium verzichten”, schreibt die ehemalige Studentin.

 

Auch Jonas möchte spätestens nach dem Studium ganz mit der Prostitution aufhören.” Ich bin nicht abhängig von dem Job. Wenn es mir keinen Spass mehr macht, höre ich auf”, sagt der Student und steht auf. In fünf Minuten geht die Mathevorlesung weiter.

 

*Name von der Redaktion geändert