Gesellschaft | 10.10.2012

Der Selbstversuch ohne Smartphone

Text von Gabriela Steinemann | Bilder von Archiv Tink.ch
Wer kennt das nicht. Speziell ältere Leute mokieren sich oft darüber, dass junge Leute sich nur noch mit Smartphone in der Hand und Stöpsel in den Ohren aus dem Haus bewegen. Tink.ch macht die Probe aufs Exempel. Zusammen und doch allein, ist es wirklich so schlimm?
Nicht alle suchen am Morgen den Kontakt zu den Mitmenschen.
Bild: Archiv Tink.ch

Um die obenstehende Frage zu beantworten, wage ich ein kleines Experiment auf meinem morgendlichen Arbeitsweg. Kein Smartphone, keine Kopfhörer, gar nichts. Als kleiner Nerd, der normalerweise mit E-Book-Reader, Smartphone und Musik unterwegs ist, wird das bestimmt ein Abenteuer.

 

Die Offline-Reise beginnt an einer kleinen Bushaltestelle mit Halbstundentakt in der hintersten Ecke von Liestal. Normalerweise würde ich jetzt mein Smartphone hervorkramen, um mir einen Überblick über das Weltgeschehen zu verschaffen. Heute bleibt mir nur übrig die Wiese gegenüber zu beobachten oder meine Mitpassagiere. Bestätigen sie die Vorurteile? Bei fast allen unter 20 Jahren lautet die Antwort ganz klar: Ja. In einem Ohr den Kopfhörer, das andere auf das Gespräch mit einer Kollegin konzentriert und in der Hand das Smartphone haltend, sitzen sie da. Die etwas ältere Generation teilt mein Schicksal: Die Wiese. Vielleicht sind sie froh noch ein paar ruhige Minuten zu haben oder sie beherrschen sich noch bis zum Umsteigen auf den Zug.

 

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Der Bus kommt endlich und bringt uns zur nächsten Disziplin: Zugfahren. Und hier wird es langsam deutlich. Von angeregtem Geschnatter keine Spur um 7 Uhr morgens. Der Einzige, der die Stille unterbricht ist der Typ, der wie jeden Tag sein 20 Minuten laut vor sich her brabbelt. Ich denke bei mir, dass Kopfhörer kleine Nervenretter sein können und wechsle genervt das Abteil. Der Rest des Zuges scheint meine Meinung über Schweigen am Morgen zu teilen. Entweder wird Zeitung gelesen, aus dem Fenster geschaut oder, da haben wir-˜s: das Smartphone wird vielerorts fleissig  gestreichelt. Irgendwie strahlen alle dasselbe aus: Ich will jetzt keine Diskussionen über Gott und die Welt führen, sondern einfach noch die letzten ruhigen Minuten des Tages geniessen. Soweit die Eindrücke auf unserer Offline-Reise.

 

Süchtig nach Elektronik?

Die Allmacht der Elektronik fällt jedem auf. Checkte man früher auf dem Handy kurz die SMS, ist das Smartphone heute ein halber Computer. Gratiszeitungen ergattern? Emails erst bei der Arbeit lesen? Ein Update auf Facebook verpassen? Keine Chance. Haben ältere Leute also Recht mit ihrer Aussage?

 

Laut einer Studie von IAB Switzerland verfügten drei Viertel der Befragten über mobiles Internet und mehr als ein Drittel der Befragten, plant gemäss der Studie, sich ein Smartphone zu kaufen. Apps boomen und immer mehr Webauftritte werden für den mobilen Zugriff angepasst. Doch ist am Together-Alone-Phänomen wirklich unser Smartphone schuld?

 

Früher war alles besser

Lustigerweise werden ähnliche Schuldzuweisungen nicht erst seit der Markteinführung von Smartphones gemacht. Früher war es der Walkman, der CD-Player, dann der MiniDisc, später der Mp3-Player und jetzt das Smartphone. Wenn wir ehrlich sind, hat das “zusammen allein sein” gar nicht viel mit digitalen Spielzeugen zu tun. Genauso häufig sieht man die Leute im Zug Zeitung lesen, oder sie nutzen das Fenster als Fernseher. Nicht-Gesprächs-Kultur ist eben auch Kultur. Und manchmal eine sehr schöne. Speziell am Morgen.

 

Ich für meinen Teil hatte dank Offline-Reise einen etwas entspannteren Start in den Tag ohne die ständige Ablenkung. Das Musikhören auf dem Heimweg geniesse ich denn umso mehr und ignoriere den Typ mit dem Blick am Abend in der Hand gelassen.