Sport | 30.10.2012

Der etwas andere Alltag

Text von Patricia Affolter | Bilder von Patricia Affolter
Jeder Mann und jede Frau hat Talent. Julian Schmutz (18 Jahre) hat ein ganz besonderes Talent: Eishockey. Der junge Berner spielt dieses Jahr seine vierte Saison beim SCB Future. Auch mit den grossen Stars der Nationalliga A durfte er bereits sein Bestes geben. Dies erfordert jedoch viel Disziplin und Geduld. Julian Schmutz erzählt im Interview mit Tink.ch, was es bedeutet, angehender Profisportler zu sein.
Nachwuchssportler des SCB Future zu sein, bedeutet harte Arbeit und viel Disziplin.
Bild: Patricia Affolter

13.00 Uhr: Um die Ecke der EWB (Energie Wasser Bern) kommt der 18 jährige Julian Schmutz aus Niederönz bei Herzogenbuchsee. Er ist im letzten Lehrjahr als Logistiker. Eigentlich wie andere Jugendliche auch. Nicht ganz. Er besitzt ein grosses Talent: Eishockey. Seit 14 Jahren steht er bereits auf dem Eis und spielt nun seine vierte Saison beim SCB Future im rechten Flügel. Angefangen hat er mit vier Jahren. Nach einer längeren Zeit im Club von Heimenhausen wechselte er in der siebten Klasse nach Langenthal. Er besuchte das Projekt „Talent“, konnte dadurch zwei Morgentrainings besuchen und hatte eine Stundenreduktion an der Schule. Das neunte Schuljahr besuchte er im Anschluss daran in Bern, als er zum SCB wechselte. Letzte Saison stand Julian Schmutz bereits mit den SCB-Stars der Nationalliga A auf dem Eis.

 

Tink.ch: Du spielst nun seit 14 Jahren Eishockey. Bist du überhaupt noch nervös vor Spielen?

Julian Schmutz: Ja sicher. Vor allem wenn es spezielle Spiele sind wie an einer WM, einer Olympiade oder in der ersten Mannschaft des SCB. Besonders in der ersten Mannschaft; man hat ein anderes Team und will unbedingt sein Bestes geben. Auch an Weltmeisterschaften wird man nervös. Die Nationalhymne wird gespielt und die ganze Stimmung ist angespannter.

 

Dein Alltag sieht mit dem vielen Training etwas anders aus, im Gegensatz zu anderen Lernenden. Kannst du uns einen Tagesablauf schildern?

Der härteste Tag in der Woche ist wahrscheinlich der Donnerstag. Um 7.00 Uhr bin ich bei der Arbeit bis um 8.00 Uhr. Danach haben wir Training bis am Mittag. Anschliessend gehe ich wieder in die EWB bis um 16.00 Uhr. Anderthalb Stunden später heisst es aber bereits wieder Besammlung fürs Krafttraining. 19.30 Uhr dürfen wir dann wieder aufs Eis. Zu Hause bin ich erst wieder um 21.30 Uhr. Das ist ein langer Tag für mich.

 

Da bleibt nicht viel Zeit übrig. Was passioniert dich, wenn du mal nicht in der Eishockeyausrüstung steckst?

Das kommt etwas auf die Saison an. Im Winter haben wir nur samstags Zeit zum Ausruhen. Oft bin ich da auch nicht besonders motiviert mich noch einem zusätzlichen Sport zu widmen oder mich sonst gross zu belasten. Ich game sehr gerne mit Teamkollegen um etwas zu entspannen. Im Sommer kann es vorkommen, dass ich am Wochenende auch mal in den Ausgang gehe. Im Winter ist das aber ein Tabu.

 

Gibt es gewisse Dinge, für die es nicht reicht mit deinem Zeitpensum, die dir manchmal fehlen?

Ja die gibt es schon. Manchmal, wenn ich auf dem Weg ins Training bin, am Sonntagmorgen, und ich die Letzten vom Ausgang nach Hause gehen sehe, da frage ich mich, warum tue ich mir das eigentlich an? Sobald ich aber in meiner Ausrüstung bin, weiss ich wo ich hin gehöre. Das Eishockey füllt mich aus und gibt mir das, was andere im Ausgang oder in ihrer Freizeit finden.

 

Die Sommervorbereitung ist nun zu Ende. Wie hast du dich vorbereitet?

Indem ich zuerst die Frühlingspause von zwei Wochen in London geniessen durfte und danach motiviert ins Sommertraining gestartet bin. Nach zwei Wochen Trainingspause bekomme ich langsam ein schlechtes Gewissen und kann mich optimal für das Sommertraining motivieren. Das anschliessende Sommertraining ist hart. Kondition, Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit werden hart trainiert. Es sind zwar in der Anzahl weniger Trainings, aber diese sind körperlich anstrengender.

 

Was sind deine Ziele für die Saison 2012/13?

Anfangs war es klar mein Ziel, öfter in der ersten Mannschaft des SCB, also Nationalliga A, zu spielen. Mit dem Lockout* der NHL ist dies nun noch schwieriger. Für jeden Schweizer Nachwuchsspieler ist es im Moment praktisch unmöglich in der NLA zu spielen. Die Mannschaften ziehen die Ausländer vor. Deshalb musste ich auch meine Ziele etwas anpassen. Ich versuche in jedem Spiel mein bestes zu geben und somit Leader der Junioren werden.

 

Was war in dem Fall anders vor dem Lockout?

Vier bis fünf Spieler des SCB Future durften während der Vorbereitung oft mit der 1. Mannschaft trainieren. Seit dem Lockout können wir nur noch bei wenigen Trainings dabei sein. Oft nur auf der Bank um zuzusehen. Es hat zu viele Spieler auf dem Eis wenn wir Junioren auch noch mittrainieren.

 

Du durftest wie schon erwähnt bereits bei wichtigen Spielen des SCB in der NLA spielen. Was war das für ein Gefühl, wie wurdest du aufgenommen?

Das ist schwierig zu beschreiben (lächelt). Die ersten zwei Male kam ich gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Es war dunkel, wir kamen aufs Eis, mein Name ertönte in der Postfinance Arena und ich konnte es kaum glauben. Ab dem dritten Mal fing ich an das Ganze zu realisieren. Ich wollte mein bestes geben um die Coaches und auch die Spieler möglichst zu überzeugen. Beim dritten Spiel durfte ich dann sogar zwei Drittel durchspielen. Aufgenommen im Team wurde ich dabei eigentlich gut. Man hängt sich aber eher an die Jüngeren und nicht direkt an die Stars oder die ausländischen Spieler. In der Kabine sagt man nicht viel. Man will ja auch nicht gerade mit der Tür ins Haus fallen als Neuer.

 

Wo denkst du liegen deine Stärken und Schwächen im Sport oder allgemein?

Meine Stärke liegt sicherlich im offensiven Spiel. Da kann ich schon mal das eine oder andere Tor schiessen. Meine Schwäche ist jedoch die Defensive. Zudem ist es bei jüngeren Spielern oft so, dass sie direkt losstürmen und so viel Kraft verpuffen. So ist das auch bei mir. Ich muss lernen das Spiel besser zu lesen um präzise angreifen zu können. Allgemein denke ich, muss ich etwas geduldiger werden. Immer mein bestes geben und die Hoffnung nicht verlieren, wenn vielleicht ein anderer Spieler aufsteigen durfte oder wenn ich nicht nach dem erste Spiel eine Zusage bei einem Club habe. Dazu dient mir auch das Mentaltraining. Wir setzen gemeinsam realistische Ziele und machen Übungen um den Druck etwas zu reduzieren. Das kann schon das eine oder andere Mal helfen.

 

Was erhoffst du dir von der Zukunft?

Im Moment versuche ich, meine Lehre zu bestehen. Danach hoffe ich natürlich auf einen Profi-Vertrag. Das Schönste für mich wäre natürlich, in Bern zu spielen, da ich schon immer ein SCB-Fan war. Schlussendlich will ich aber spielen und würde natürlich auch in einem anderen Team einen Profi-Vertrag annehmen.

 

 


*Exkurs Lockout
Im Herbst 2005 wurde ein Tarifvertrag zwischen Spieler und Teams der NHL (NHL Collective Bargaining Agreement) ausgehandelt. Darin wurde unter anderem die Gewinnbeteiligung der Spieler von den Teambesitzer festgelegt. Dieser Vertrag lief am 15. September 2012 ab. Spieler und Teambesitzer konnten sich bis dahin nicht einig werden über einen neuen Vertrag. Die Besitzer der Teams sperrten daher ihre Spieler der NHL. Somit mussten viele Vorbereitungsspiele abgesagt werden. Am 4. Oktober wurde bekannt, dass die Liga die ersten 82 Spiele der Saison gestrichen hat. Die in der NHL gesperrten Spieler suchen sich nun vorübergehend Spielgelegenheiten in anderen Ligen, so auch in der Schweiz.