Kultur | 23.10.2012

Das Ende einer Geduldsprobe

Text von Sina Kloter | Bilder von zvg
Zwei kopflose Gestalten zieren das neue Album von Alberta Cross. Drei Jahre lang sind sie umhergeirrt, bis sie sich schliesslich auf dem Cover der CD "Songs of Patience" gefunden haben.
Nicht nur drei Jahre kopflos herumgeirrt: Alberta Cross präsentieren ihr neues Album "Songs of Patience".
Bild: zvg

Wenn man die Reise von Alberta Cross in den letzten drei Jahren bedenkt, wäre die Geschichte der zwei Kopflosen durchaus ein mögliches Entstehungsszenario für ihr neues Album. Die dreijährige Odysee beginnt mit dem Erscheinen ihres ersten Albums “Broken Side of Time”. Damals war Alberta Cross noch eine fünfköpfige Band.Übrig geblieben sind Petter Ericson Stakee und Terry Wolfers. Die zwei, mit denen alles begann.

 

Von Anfang an

Getroffen haben sie sich in einem Londoner Pub. Stakee, der Sänger und Gitarrist der Band wurde in Schweden geboren und ist früh mit seinem Vater, ebenfalls ein Sänger und Songwriter,  zwischen Schweden und England herumgereist. Terry Wolfers (Bassist) wuchs am Ostende von London auf. Während ihrem siebenjährigen Bestehen, hatte die Band neun weitere Mitglieder, von denen jetzt noch drei zum erweiterten “Live-Equipment” gehören. Sie begleiten den harten Kern auf Tour. Für den kreativen Ideenfindungsprozess sind allerdings nur noch Stakee und Wolfers verantwortlich.

 

Diese Veränderung findet sich im neuen Album deutlich wieder. Erstmals bestand Stakee darauf, dass seine Texte in gedruckter Form der CD beigelegt werden. “For the first time ever, I wanted to print my lyrics because it’s important that people form an idea of what each song is about.” – Zum ersten Mal wollte ich meine Texte abdrucken, weil es wichtig ist, dass sich die Leute eine Idee bilden können, worum es in den Songs geht, schreibt Petter Ericson Stakee auf der Webseite von Alberta Cross.

 

Beschwörungsformeln

Das neue Album zelebriert diesen neuen, textlichen Schwerpunkt. Durch das ganze Album ziehen sich einzelne Zeilen, die wie ein Mantra wieder und wieder gesungen werden. Beschworen durch die drängende, ab und an trotzdem verträumt wirkende Stimme von Stakee. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die oft ähnelnde Betonung von einzelnen Zeilen.

 

Bereits im ersten Song “Magnolia” wird von dieser Technik der Wiederholung Gebrauch gemacht. Einzelne, aussagestarke Sätze gehen unter im Strudel von einzelnen Ausdrücken, die mehrmals wiederholt werden. Durch diese eingängigen und leicht verständlichen Abschnitte erscheinen die Songs zwischendurch gar monoton. Dies passt sehr gut zu einigen Songs, durch die Fülle an gleichartig wirkenden Songs verflacht der Effekt jedoch mit der Zeit.

 

Ein Song in dem dieses Stilmittel schön greift, ist “Ophelia on my mind”. Hier scheint Stakee durch die Wiederholung einen Apell an sich selbst zu richten. So handelt “Ophelia on my mind” von einer unglücklichen Beziehung. Das Ganze beginnt melancholisch: “Ophelia you put a weight on my time. Hard to live you walked away with my mind” – Ophelia, du hast ein Gewicht an meine Zeit gehängt. Es ist hart zu leben, du bist mit meinem Verstand weggegangen. Aber der Song endet mit der Wiederholung dieser Sätze: “You gotta stay strong inside a heartache. You gotta live on.” – Du musst stark bleiben während seelischen Qualen. Du musst weiterleben. Es scheint als müsse sich Stakee von der Bedeutung seiner eigenen Songtexten überzeugen.

 

 

Geduld, Geduld

Das Album kann ohne weiteres als leichten Hintergrund Soundtrakt verstanden werden. Aber ein genaueres Hinhören lohnt sich, vor allem weil die lyrische Gestaltung einen grossen Spielraum für die eigenen Interpretationen der Songtexte zulässt. Petter Ericson Stakee hat dieses Kriterium auf die Ausgestaltung seiner Texte angewandt: “At the same time, I’d like my songs to be more open, so people can incorporate their own experiences and give their own meaning” – Gleichzeitig wollte ich meine Songs offener gestalten. Das ermöglicht den Leuten ihre eigenen Erfahrungen und Bedeutungen in die Texte einzubringen. Ein sehr schönes Beispiel für diese Qualität seiner Texte ist “Crate of Gold”, der zweite Song auf dem Album. Aber auch “I Believe in Everything” und “Bonfires” zeichnen sich durch Texte aus, die eigene Interpretationen erlauben und so zu vielen neuen, individuellen Bedeutungen gelangen.

 

Dennoch vermag die Eintönigkeit als Stilmittel nicht bleibend fesseln. Zu Beginn fällt es schwer einzelne Songs auszumachen, da die meisten Lieder instrumental ähnlich klingen und durch die Stimme von Stakee auch nicht zusätzlich differenziert werden. Mag die CD zuerst bei den vielversprechenden Neueinkäufen liegen, so wird sie mit der Zeit im CD-Regal nach unten zu den vergessenen, zeitbedingten und ehemaligen Lieblingsplatten wandern. Aber es gibt Grund zur Hoffnung. Mit etwas Geduld könnten diese zwölf Songs durchaus zu einer Wiederentdeckung gut genug sein und vielleicht schafft es das Album dann im zweiten Anlauf auf den Stapel der zeitlosen Klassiker.