Gesellschaft | 16.10.2012

Damit Tatsachen tatsächlich Tatsache sind

Der Spiegel beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter, die Artikel auf Fehler prüfen. Bei einer Tageszeitung sei solch akribisches Fact-Checking unmöglich, sagt Recherchetrainer Marcus Lindemann und verrät, wie man seine Texte trotzdem fehlerfrei kriegt.
"Der Spiegel erscheint wöchentlich und schafft es mit seinen 100 Fact-Checker gerade so, sein Heft zu prüfen." Marcus Lindemann über Fact-Checking.
Bild: Rainer Sturm/pixelio.de

 

Tink.ch: Herr Lindemann, über 100 Fact-Checker arbeiten für den Spiegel. Was machen diese Leute?

Marcus Lindemann: Sie überprüfen die Fakten. Sie schauen, ob Belege vorhanden sind für Aussagen, die in einem Text als Fakten verkauft werden. Zum Beispiel die Mitarbeiterzahl einer Firma oder das Alter von Angela Merkel. Sie kontrollieren Fakt für Fakt. Die Belege suchen sie vorrangig im Internet oder in Datenbanken.

 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Zum Beispiel steht in einem Text, eine Bank würde ihren Kunden bei der Beratung vorwiegend hauseigene Produkte empfehlen. Der Fact-Checker – nicht der Journalist selber – sucht nach Belegen. Zum Beispiel hat eine Zeitung selber einen Test gemacht. Dazu kommen vielleicht Aussagen von Kunden, die möglicherweise in seriösen Quellen im Netz zu finden sind. Und schließlich hat eine Stiftung für Konsumentenschutz die Bank geprüft. So hat der Fact-Checker drei Quellen und kann ziemlich sicher sein, dass die Behauptung stimmt.

 

Empfehlenswert ist auch, bei der Bank selber nachzufragen. Vielleicht sagen die, dass diese Praxis bis vor zwei Wochen noch üblich war, man die Strategie jedoch geändert habe. Mit einer kurzen Anfrage lassen sich Missverständnisse schnell beheben. Das gehört für mich auch zum Fact-Checking. Wenn die Bank nur Ausreden bringt, kann man sie ignorieren oder allenfalls ihre Darstellung noch in den Artikel einfliessen lassen.

 

Kann man das Fact-Checking auch im Alltag einer Tageszeitung anwenden?

Ich glaube, das ist nicht machbar. Der Spiegel erscheint wöchentlich und schafft es mit seinen 100 Fact-Checker gerade so, sein Heft zu prüfen. Eine Tageszeitung bräuchte enorm viel Personal.

 

Wie kann ich als Journalist Fehler vermeiden?

Dazu habe ich zwei Ansätze: Spezialisierte Redakteure schreiben den Artikel. Sie sind mit dem Thema vertraut. Ein erfahrener Wirtschaftsjournalist zum Beispiel kennt die verschiedenen Firmen, ihre Namen, Positionen, Zahlen und so weiter. Viele Tatsachen muss er gar nicht mehr prüfen. Das spart Zeit. Wenn ich beim Schreiben unsicher bin, ob eine Aussage stimmt, oder wenn der Text Ungenauigkeiten enthält, markiere ich die Stelle. Ich schreibe zum Beispiel “CHECK” dahinter. Am Schluss suche ich diese Aussagen und überprüfe sie.

 

Beides garantiert jedoch nicht, dass alles im Text stimmt. Am häufigsten passieren Fehler bei Aussagen, die man glaubt, im Kopf zu haben. Zum Beispiel denkt man zu wissen, von wem ein bestimmtes Zitat stammt. In Wirklichkeit hat man etwas missverstanden. Das klassische Fact-Checking garantiert hier eine höhere Qualität, weil nicht der Journalist selber oder sein Redakteur, sondern ein Dritter die Fakten prüft.

 

Wie viele Fehler finden die Fact-Checker des Spiegels?

Eine Untersuchung hat gezeigt, dass sie über 1000 Änderungen pro Heft vornehmen. Davon sind etwa 550 wirkliche Fehler, also falsche Behauptungen. 400 Mal sind Aussagen unvollständig und müssen präzisiert werden. Dazu kommen noch etwa 200 Rechtschreibfehler, Stilverbesserungen und Änderungen der Schlussredaktion.

 

Welchen Quellen darf ich trauen? Darf ich zum Beispiel von Wikipedia abschreiben?

Ich bin ein Fan von Wikipedia, würde dort aber nie abschreiben. Wikipedia ist keine Quelle. Allerdings finden Sie unten auf der Seite Links zu den Quellen des Wikipedia-Artikels.

 

Wie sieht es mit Agenturen aus? Darf ich ihnen trauen?

Agenturen und Behörden gelten als privilegierte Quellen. Sie sind sicherer und ihnen darf man im Normalfall trauen. Manchmal lohnt es sich jedoch auch, Informationen von Agenturen zu überprüfen. Die haben in der Vergangenheit häufig Bockmist rausgelassen. Und selbstverständlich ist es oft die bessere Geschichte, wenn man einer Behörde nachweisen kann, dass sie die Unwahrheit gesagt hat.

 

 

Zur Person


 

Marcus Lindemann ist Journalist, geschäftsführender Autor und Gründer der Fernsehproduktionsfirma autoren(werk), sowie Trainer für Recherche und TV-Journalismus in Deutschland. Für das ZDF hat er unter anderem die Serie “WISO ermittelt” produziert. Lindemann unterrichtet unter anderem mit dem Schwerpunkt Fact-Checking an journalistischen Aus- und Weiterbildungen.