Politik | 16.10.2012

Berufswahl einmal anders

Text von Melanie Bösiger | Bilder von Melanie Bösiger
Bald ist es wieder soweit: Der Kanton Aargau wählt seinen Grossrat. Einige Kandidierende scheiden wohl schon aus Gründen der Parteizugehörigkeit aus. Trotzdem bleiben immer noch mehr als hundert potentielle Grossrätinnen und Grossräte übrig.
Eine echte Herausforderung: Die richtigen Kandidierenden für den Grossrat wählen.
Bild: Melanie Bösiger

Ich beginne damit, die Wahlbroschüren der Parteien zu studieren. Stehen zu den Parteizielen teils seitenlange Ausführungen, so muss ich mich bei den einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten mit Name, Alter, Wohnort und Beruf begnügen. Da mir erstere drei ziemlich aussagelos erscheinen, entscheide ich mich, ihre Berufe genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Ein Hoch auf Abk.

Ich habe die Wahl zwischen Primarlehrern, Sekundarlehrerinnen oder schlicht Lehrpersonen. Wähle ich nun Männer, Frauen oder Geschlechtsneutrale? Und gehört eine Fachfrau Betreuung Kind in Ausbildung auch zu dieser Berufsgruppe, weil sie Kinder in Ausbildung betreut? Oder ist sie eher der Kategorie Kantonsschüler und Studenten zuzuordnen? Immerhin sind das Berufe, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Ganz im Gegensatz zu Dr. iur., LL.M., Rechtsanwalt oder Dipl. El. Ing. HTL Fachmann für wirtschaftlich tragbare Energielösungen. Abkürzungen imponieren mir irgendwie, am meisten Dipl. Ing, ETH MAS MTEC ETH, BWI. Zweimal die Eidgenössische Technische Hochschule im Titel, das muss etwas Gutes bedeuten. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wofür der Rest steht. Statt dem Betriebsökonomen wähle ich lieber die dipl. Betriebsökonomin derselben Partei. Nicht wegen der Frauenquote, sondern einfach wegen dem Titel.

 

Qualität will gemanagt sein

Weiter schreibe ich eine Masseurin auf meine Liste. Vielleicht entspannt sich dann das politische Klima ein wenig. Dazu den Mann mit der Berufsbeschreibung Kader Karate Nationalteam Schweiz, das hinterlässt einfach Eindruck. Zudem sei er als Karate-Schiedsrichter tätig, steht in der Broschüre. Mit Fairness sollte er sich also auskennen. Nicht entscheiden kann ich mich zwischen dem Geschäftsinhaber und dem Geschäfts-Mit-Inhaber. Ersterer beweist sicher Führungsqualitäten und Durchsetzungsvermögen, Letzterer hingegen scheint teamfähig zu sein. Ich nehme beide, und dazu  noch die Qualitätsmanagerin. Die weiss sicher, was gut ist für die Politik. Und als letztes schreibe ich den Postboten auf meine Liste. Dann sitzt er während der nächsten Wahlen vielleicht im Grossrat und hat keine Zeit mehr, mir die Wahlbroschüren vorbeizubringen. Obwohl mir damit die Informationen zu den Kandidierenden fehlen würden. Aber schliesslich lasse ich mich bei der Wahl auch nicht von Belanglosigkeiten wie dem Beruf beeinflussen.