Kultur | 30.10.2012

Berns buntester Schandfleck

Text von Dario Lischetti | Bilder von Raphael Moser
Das Kulturzentrum Reitschule kann auf eine bewegte 25-jährige Geschichte zurückblicken. Seit jeher ist sie Berns ewiger Zankapfel und Schmelztiegel zugleich. Reporter Dario Lischetti führt durch die Epochen von gesellschaftlicher Auflehnung und Proteste.
Kein ruhiger Ort: Vorplatz der Berner Reitschule.
Bild: Raphael Moser

Die 1897 erbaute Berner Reitschule wurde neben ihrem heutigen Zweck auch anderweitig genutzt. Sie beheimatete unter anderem Gewerbemessen, Landsgemeinden und Zirkusvorführungen. Bis 1980 wurden noch sechs Pferde in Boxen gehalten und zugeritten. Der Rest des Areals stand leer oder diente als Materiallager und wartete darauf, dem Erdboden gleichgemacht zu werden. Am 1.Oktober 1981 wurde das stark baufällige Gebäude schliesslich zum ersten Mal durch die alternative Szene von Bern besetzt – allerdings nicht für lange.

 

Berner ABZ nach Kranich-Frevel geräumt

Das Autonome Begegnungszentrum Reitschule (ABZ) war die Folge auf ein jahrelanges Hickhack zwischen den jungen Bernern, die Freiraum und bezahlbare Wohnungen forderten und den Behörden, der Polizei und dem Abrissbagger. Aber schon ein knappes halbes Jahr nach der Besetzung wurde das Areal auf der Schützenmatte polizeilich geräumt, mit Stacheldraht umzäunt und ein Jahr lang rund um die Uhr bewacht. Die offizielle Begründung der Räumung war, dass Punks aus dem Umfeld der Reitschule in den Tierpark “Dählhölzli” einbrachen, einen Kranich stahlen und ihn am Spiess auf dem Vorplatz brateten.

 

Am selben Tag als Natodraht und Polizeigrenadiere den richterlichen Verbotstafeln bei der Reitschule wichen, zogen hunderte Aktivisten vor und in die Reitschule um sie in Augenschein zu nehmen. Ein Grossaufgebot der Polizei sorgte aber schnell wieder für die gewohnte Ordnung, spedierte die unwillkommenen Gäste aus dem Areal hinaus und zeigte etliche davon wegen Landfriedensbruch an.

 

Bewegte Gründungsjahre

In den Jahren darauf wurde das öffentliche Leben regelmässig lahm gelegt, als tausende Demonstranten zugleich in die Warenhäuser der oberen Altstadt strömten und dabei schlicht nichts kauften, um für Freiräume ohne Konsumzwang zu protestieren. Die Räumung, des 1985 gegründeten freien Landes Zaffaraya auf dem Gaswerkareal 1987, gab der erzürnten Bewegung neuen Antrieb und führte schlussendlich dazu, dass die Reitschule zum letzten Mal besetzt wurde.

 

Während des Berner Kulturstreiks im selben Jahr 1987 verlegten alle regionalen Kulturinstitutionen ihren Betrieb für eine Nacht in die Reitschule. 10’000 Leute besuchten neben Kunstausstellungen, Theater auch die Konzerte von Polo Hofer, Stephan Eicher und Züri West.

 

Wilde Zeiten auf der Schützenmatte

Als Reaktion auf die städtische Wohnungsnot und die massiv überbelegte Notschlafstelle Sleeper, formierte sich zeitgleich die “Aktion Hundehütte”, welche als Zeichen gegen die Missstände auf dem Vorplatz und unter der Eisenbahnbrücke bei der Reitschule ihre Zelte aufschlugen und ihre Wohnmobile parkierten – sehr zum Unmut der Stadt und der Behörden.

 

Stadtweit war bekannt, dass im berüchtigten Wohnhaus der Reitschule offen mit Drogen und Waffen gehandelt wurde und das veranlasste die Aktivisten zum Handeln. Nachdem die von ihnen gesetzte Frist ohne Reaktion verstrich, räumten am 2. März 1990 um die 50 Reitschüler frühmorgens das Gebäude und vertrieben die Bewohner, welche noch am selben Abend bewaffnet zurückkehrten und in Wildwest-Manier ziellos um sich schossen, wie Augenzeugen damals berichteten.

 

Am 12. Oktober 1990 wurde frühmorgens ein Brandanschlag mit Molotowcocktails auf die frisch renovierte Remise verübt, welche komplett abbrannte. Das Dach des Wohnhauses, in dem von der Feuerwehr danach mehrere  Propangasflaschen mit geöffneten Ventilen sichergestellt wurden, wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Noch im selben Jahr lancierte die nationale Aktion und späteren Schweizer Demokraten die erste Initiative zur Schliessung der Reitschule, welche mit über 57 Prozent von der Stadtberner Bevölkerung verworfen wurde.

 

Nachdem es im Umfeld der Reitschule im Februar und Dezember 1992 zu zwei Tötungsdelikten und nicht selten zu Gewalt auf dem Vorplatz kam, sah man das Image der Bundesstadt nun endgültig befleckt und die Polizei räumte mit einem Aufgebot von 120 Grenadieren am 31. Mai 1995 ein weiteres Mal den Vorplatz und die grosse Halle. Damit keine Wohnmobile mehr auf den Vorplatz fahren konnten, wurden zudem Betonquader über den Platz verteilt und die Eingänge und Fenster der Reitschule zubetoniert. Ein knappes Jahr später wurde der Vorraum mit 1000 Kubikmeter Beton und Kies aufgefüllt, nachdem sich Vorplatzbewohner dort eingerichtet hatten.

 

Vom Pulverfass zum Epizentrum

Ein weiteres Jahr verstrich und im November 1996 wurde die grosse Halle während eines dreitägigen Festes mit Theater, Filmvorführungen und Konzerten offiziell eröffnet. Das nachdem Aktivisten Eingänge und Fenster in mühseliger Handarbeit von Beton befreiten und die Stadt grünes Licht zur Benützung gab. Der Vorplatz verwaiste aber mit der Zeit zusehends und sollte deshalb bald wieder in die Schlagzeilen zurückkehren. Eine offene und teils aggressive Drogenszene machte sich um die Reitschule breit. Wo vorher die Vorplatzbewohner auf ihre eigene Art für Recht und Ordnung sorgten, wurden nun ungestört Drogen verkauft und konsumiert. Die “Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule” (IKuR) sah sich gezwungen etwas gegen die herrschenden Zustände zu unternehmen und entwarf Pläne um den ausladenden Vorplatz aufzuwerten. Am 13. Juni 1999  wurde die Sanierungsvorlage schliesslich knapp angenommen und so konnte die längst fällige Renovierung neu angegangen werden. Mit 7,74 Millionen Franken wurden die Gebäudehülle und die Infrastruktur des maroden Gebäudes erneuert. Im April 2004 konnten nicht zuletzt auch dank dem unermüdlichen Einsatz von Freiwilligen die Umbauarbeiten abgeschlossen werden.

 

Seit diesem Zeitpunkt hat sich weiterhin vieles verändert. Die Drogenszene wich dem monatlichen Flohmarkt, der Vorplatzbar und vielen bunten Festen. Manches wiederum blieb beim Alten wie zum Beispiel die ewigen Negativschlagzeilen und die Hetze gegen das bis über die Landesgrenzen hinaus bekannte Kulturzentrum auf der Schützenmatte. Namhafte Künstler wie Kraftwerk, Paul Kalkbrenner, Sven Väth und viele andere auch weniger bekannte Musiker wussten tausende Konzertbesucher zu begeistern und für manchen lokalen Barden war sie das Sprungbrett für ihre Karrieren.

 

Die Reitschule mit ihrem vielseitigen Kulturangebot ist für alle offen und stellt eine kleine Oase seit nun mehr als 25 Jahren in Berns Sandsteinwüste dar.