Gesellschaft | 01.10.2012

Arbeiten in der Notschlafstelle Bern

Text von Sina Kloter | Bilder von Sina Kloter
Die Notschlafstelle Bern, den sogenannten Sleeper, kennt man vor allem durch die kurzen Randnotizen anfangs Winter, die sich in jeder Zeitung finden. Auf der Suche nach einem Einblick treffen wir Brigitte Pankraz. Sie ist eine der vielen freiwilligen Mitarbeiterinnen der Notschlafstelle.
Alltag im Sleeper Bern.
Bild: Sina Kloter

Tink.ch: Wie müssen wir uns einen normalen Alltag bei dir im Sleeper vorstellen?

Brigitte Pankraz: Die Morgenschicht beginnt um sieben Uhr. Um neun wecke ich alle und verteile das Frühstück, dann haben sie eine Stunde Zeit und um zehn Uhr müssen alle die Notschlafstelle verlassen. Im Anschluss daran muss ich putzen. Meistens bin ich damit um elf Uhr fertig, ausser am Wochenende, da dürfen die Leute bis um zehn Uhr schlafen und müssen erst um elf Uhr aus dem Haus sein. Bei der Nachtschicht läuft es etwa gleich ab. Die Leute kommen, der Verantwortliche für die Schicht weist ihnen ein Bett zu, erfasst ihre Personalien, gibt ihnen ihren Bettbezug und zieht von jedem das Geld für die Übernachtung ein. Eine Übernachtung kostet fünf Franken und wenn die Stadt sie unterstützt fünfzehn Franken. Wir haben jahrelang von allen fünf Franken verlangt, aber wenn die Stadt sie schon unterstützt, können sie hier auch fünfzehn Franken bezahlen.

 

Wie bist du zu deinem Engagement für die Notschlafstelle Bern gekommen?

Ich hatte Freunde, die sich in der Notschlafstelle engagierten. Wir trafen uns manchmal in der Bar, die zur Gassenküche gehört. Einmal haben sie jemanden für eine Schicht benötigt, da bin ich eingesprungen. Seither arbeite ich immer wieder hier. Im Ganzen sind wir zirka 25 Mitarbeiter, alle auf ehrenamtlicher Basis. Die Schichten werden jeweils bei einer wöchentlichen Sitzung verteilt.

 

Gibt es einen Teil deines Einsatzes, auf den du dich besonders freust?

Auf den Austausch mit anderen Freiwilligen. Es gibt einen harten Kern, der immer gleich bleibt. Aber ansonsten wechseln die Gesichter hier oft, da die Arbeit freiwillig ist und viele nebenbei noch einen bezahlten Job ausüben. Aber durch die vielen Wechsel lebt die Arbeit hier so, das gefällt mir.

 

Was war dein bisher ungewöhnlichstes Erlebnis in der Notschlafstelle?

Einmal hatten wir jemanden, der zuckerkrank war. Am Morgen lag er regungslos in seinem Bett und wir konnten ihn nicht wecken. In seinem Portemonnaie haben wir einen Ausweis gefunden, der besagte, dass man ihm löffelweise Zucker mit etwas Wasser geben solle, falls er sich komisch verhalte. Trotzdem haben wir dann die Ambulanz gerufen. Das Ganze hat sich noch ein paar Mal wiederholt, aber irgendwann konnten wir mit der Situation nicht mehr umgehen. Die Belastung jemanden halbtot aufzufinden am Morgen war untragbar. Wir konnten ihn dem Spital übergeben.

 

Was für Leute können in der Notschlafstelle übernachten?

Eigentlich kann hier jeder und jede der oder die 18 Jahre alt ist übernachten. Es kommen ganz unterschiedliche Leute vorbei. Einige haben keinen Platz zum Schlafen, andere wollen nicht alleine sein in ihrer Wohnung, deshalb haben wir auch einige ältere Leute, die hier übernachten. Natürlich gibt es auch einige, die ein Alkohol- oder Drogenproblem haben. Manchmal bringt uns ausserdem die Polizei oder der Sozialdienst Leute vorbei. Es sind wirklich alle willkommen.

 

Wie wird die Finanzierung des Sleepers gesichert?

Die Finanzierung basiert auf den Einnahmen der Bar und der Spendengelder. Die Gassenküche stellt keine zusätzliche Einnahmequelle dar. Das Essen kostet fünf Franken. Deshalb decken sich die Ausgaben und Einnahmen meistens nicht. Aber weil die Gassenküche dem Verein untersteht, wird sie wie gesagt durch Bareinnahmen und Spenden unterstützt.

 

Welchen Teil deiner Arbeit magst du nicht?

Putzen (lacht). Aber das Haus ist nicht allzu gross. Deshalb ist dieses kleine Übel schnell erledigt und eigentlich nur halb so schlimm.

 

Was für einen Umgang pflegst du mit den Leuten, die den Sleeper nützen?

Es ist mir wichtig, dass ein anständiger Umgang zwischen den Leuten herrscht. Ich muss trotzdem auf gewisse Dinge beharren. Es gibt hier nur wenige Regeln, aber auf die muss ich bestehen. Zum Beispiel kann es manchmal hektisch werden und dann ist es wichtig, dass sie auf mich hören.

 

Wie verschaffst du dir einen Ausgleich zu dieser Arbeit, wenn dich das Geschehen emotional belastet?

Damit habe ich weniger Probleme, ich kenne einige dieser Leute schon sehr lange und weiss ein wenig wie sie sind. Klar, manchmal braucht diese Arbeit starke Nerven, aber ich tausche mich oft mit den anderen Freiwilligen aus. Sie erleben dasselbe und wir können uns gegenseitig helfen. Das ist wichtig. Auch damit die anderen Helfer wissen, wer hier übernachtet und wie sie als Mitarbeiter mit ihnen umgehen können.