Kultur | 25.09.2012

Von toten Rindern und neuen Zahlen

Text von Florian Oegerli | Bilder von zvg
Wie entstand die Schweiz? Im Forum für Schweizer Geschichte in Schwyz wird mit modernen Mitteln gezeigt, wie aus einem politisch unbedeutenden Teil des Heiligen Römischen Reiches die Eidgenossenschaft erwachsen konnte. Die Ausstellung soll wie ein Trichter funktionieren.
In der Ausstellung "Entstehung Schweiz" wird die Geschichte des Landes dargelegt. In gut verdaulichen Portionen. Dabei gibt es unter anderem interessante Urkunden zu betrachten. Etwa diese hier, über den Handel rund um den Vierwaldstättersee im 13. Jahrhundert.
Bild: zvg

Die Dauerausstellung “Entstehung Schweiz” des Forum Schweizer Geschichte führt vor, wie man heute gute Ausstellungen macht. Hier finden sich keine aus dem Zusammenhang gerissenen Münzen, in Glaskästen gestapelt, keine verbleichten Bleiwüsten, die zu lesen fünf Minuten erfordert. Die Ausstellung beginnt in der dritten Etage. Wer aus dem Lift steigt, wird von einem Ritter zu Pferd empfangen, der vor dem pechschwarzen Interieur auf einen loszustürmen scheint. Die Ausstellungsstücke stehen einzeln da, so, dass man sich in ihre Betrachtung vertiefen kann. Durch die getönten Scheiben dringt kaum Licht herein. Die Aussenwelt bleibt draussen.

 

Wissen als Mangelware

Das oberste Stockwerk widmet sich dem Europa des Spätmittelalters, wobei die Ausstellung wie ein Trichter aufgebaut ist. Zuerst verschafft sie dem Besucher einen Gesamtüberblick. Danach geht es um den Alpenraum und, in einem künstlichen Wald im Erdgeschoss, um die Gründung der Eidgenossenschaft. Das 12. und 13. Jahrhundert, erfährt man, war eine angenehme Zeit. Gute Ernten und eine Zunahme des Handels liessen die Welt enger zusammenrücken. Eine Globalisierung en miniature. Viele Städte machten sich unabhängig und gründeten Kommunen. Diese nahmen sich wiederum die Eidgenossen zum Vorbild.

 

Ausserdem wurde in diesen Jahren das Wissen der Antike wieder entdeckt: In einem Saal, in dem Thomas von Aquin den Besucher aufmerksam mustert, steht eine Reihe von Pulten, wie man sie in den mittelalterlichen Universitäten fand. Kopfhörer liefern eine imaginäre Vorlesung Aquins ins Ohr. Die Universitäten gründeten sich damals aufgrund ökonomischer Veränderungen. Im 13. Jahrhundert reichte die Bildung, die man in der Klosterschule erhielt, nicht mehr aus. Die Nachfrage nach Spezialkräften, nach Notaren und anderen Juristen, stieg. Deshalb wurde private Bildungsinstitutionen gegründet. Die Universitäten bedeuteten leider auch das Ende der Frauenbildung, denn Frauen waren dort nicht zugelassen, während sie in den Klöstern zumindest begrenzte Bildungsmöglichkeiten gehabt hatten.

 

In der Mitte eines anderen Raumes steht ein mittelalterliches Buch von der Grösse eines menschlichen Oberkörpers. Links locken einige weisse Throne, in welchen einem auf Knopfdruck arabische, altgriechische und lateinische Texte vorgelesen werden, von der Abhandlung über Masern bis zu Plato. Die Kinder haben ihren Spass daran. Auf dem gleichen Stockwerk ist ausserdem ein Film über die Einführung der arabischen Ziffern zu sehen. Diese waren der Bevölkerung zuerst suspekt. Vor allem die Null, der vorgeworfen wurde, sie lasse sich leicht zur 6 oder zur 9 umschreiben.

 

Fünf Gulden, 1880 Kilogramm Ochsenfleisch

Die Alpen als Handelsdrehscheibe sind das Thema des nächsten Stockwerks. Entsprechend sitzt am hinteren Ende des Saals ein Mann auf einem Holzbrett, das über dem Abgrund schwebt. Bei den Alpenüberquerungen liessen sich viele Leute mit verbunden Augen über die Pässe führen. Die Schluchten bereiteten ihnen zu viel Angst.  Eine andere Möglichkeit als den Weg über die Alpen gab es lange nicht. Erst im Spätmittelalter war die Seefahrt sicher genug, um Nord und Süd zu verbinden. Die einheimischen Bergler sahen im Handel eine lukrative Verdienstmöglichkeit. Oft arbeiteten Bauern und Hirten als Säumer.

 

Später begann man, Käse in den Rest von Europa zu transportieren und stieg immer mehr auf Viehwirtschaft um. Davor gab es in den Schweizer Bergen nicht so viele Kühe, wie es der Tourismus heute gerne vermittelt. Kühe und Käse sorgten jedoch dafür, dass mehr Salz importiert werden musste. So führte der Handel zu noch mehr Handel. Im Saal findet sich ein mittelalterlichen Markt. Wer die dort liegen Geldbeutel auf den Bildschirm legt, erfährt, wie viel er dafür im Jahre 1316 in Luzern hätte kaufen können. Die fünf Gulden aus Florenz zum Beispiel hätten mir 1880 kg Ochsenfleisch verschafft. Gleich dahinter kann man auf einem virtuellen Abakus lernen, wie ein mittelalterlicher Kaufmann zu rechnen.

 

Tote Rinder und brennende Felder

Im Erdgeschoss erwarten einen Vogelgezwitscher und ein Wald. In dessen Mitte versammeln sich bärtige Kerle im Kreis um ein Schwert. Ein frühes Landsgericht. Der Grund für deren Entstehung liegt in einer kleinen Blutlache am Waldeingang: Ein totes Rind. Im 14. Jahrhundert hatte die Schweiz keinen Landesfürsten und kaum eine juristische Instanz. Wem Unrecht angetan wurde, der rief seine Verwandten zusammen, um die Ernte des Übeltäters abzubrennen oder seine Kühe zu töten.

 

Auch sonst geht es gewalttätig zu. Die Grabplatte eines bei Morgarten schmählich getöteten Ritters umgeben die Hellebarden der Eidgenossen – vielleicht sogar diejenige, die ihn das Leben kostete. Natürlich wurden auch die Schweizer Mythen des 19. Jahrhunderts nicht ausgelassen. Auf einem martialischen Gemälde versammelt Winkelried Speere in seinem Bauch. Selbst das “Weisse Buch von Sarnen” findet sich, in dem die Tell-Geschichte zum ersten Mal erwähnt wurde.

 

Verfechter althergebrachter Ausstellungsweisen mögen sich an “Entstehung Schweiz” stören. Aber die meisten, die den schönen Bau verlassen, werden nicht auf die Mythen blicken können, ohne sich eine mittelalterliche Säumerkarawane vorstellen zu können, die sich gerade daran vorbeikämpft. “Entstehung Schweiz” spricht nicht nur den Kopf an, sondern auch die Fantasie.