Kultur | 11.09.2012

Überschall im Hangar zu Berlin

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist
Das Berlin Festival auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist eigenartig. Nicht nur, weil es in den alten Hangars weder Schlamm noch Zelte zu finden gibt. Ein Augenschein.
Stillgelegter Flughafen Tempelhof als Festivalgelände. Die Abfertigungshalle des Flughafens Tempelhof als Festivaleingang. Schminken und Verkleiden für die urbanen Hipster. Selbst die Hauptbühne wollte fliegen. Konzerte in den Hangars, optisch toll ... ... akustisch nicht immer der Hit. Nach Mitternacht: Club XBerg beim Badeschiff an der Spree.
Bild: Martin Sigrist

Seit 2005 hat Berlin sein eignes, richtig urbanes Musikfestival für elektronische Popmusik. Seit 2009 findet das Festival auf dem seit 2008 stillgelegten Flughafen Tempelhof in Berlin statt, wobei der Flughafen und sein Charme der 1920er-Jahre noch immer überall präsent ist; die Konzerte finden in den alten Hangars statt; die Eintritts-Bändchen kriegt man an den Check-In-Schaltern. Das Festival findet übrigens zeitgleich mit der Berlin Musik Week statt.

 

Lärmschutz macht eng

Die Veranstaltung ist mittlerweile zweigeteilt. Wohl nicht zuletzt wegen dem Lärmschutz nach Mitternacht geht das Festival in kleinerem Rahmen auf dem Gelände der Arena Berlin bis sechs Uhr morgens weiter. Während auf dem Flughafen drei grosse Bühnen auf einem grossen Gelände viel Weite bieten, herrscht im Club ausserhalb der grossen Halle zeitweise beklemmende Enge, Zugang zu den kleinen Bühnen ist oftmals kaum mehr möglich.

 

Nicht Hippie aber friedlich

Seit Festivals wie dem Melt nahe Leipzig, das in einem stillgelegten Kohletagebauwerk stattfinet,  ist klar, dass selbst während drei Tagen Dreck und Regen die perfekte Garderobe Pflicht ist. Dies ist beim Berlin Festival nicht anders und kurz nach der Anreise wird klar, dass man tatsächlich mitten in einer Grossstadt gelandet ist. Nicht nur in geografischer Hinsicht. Das Publikum ist trendig gekleidet, locker im Umgang und dabei ziemlich nüchtern und wach. Es wird offensichtlich, dass an diesem Festival nicht gezeltet wird – folglich muss nicht der ganze Tag bis zu den ersten Konzerten mit Drogenkonsum gefüllt werden. Selbst die Sicherheitskräfte sind gut gelaunt, kaum ein grobes Wort ist zu hören. Zudem kommt im sogenannten Art Village, der Schmink-Ecke, und in der Putschauto-Disco auch der letzte Hipster auf seine Rechnung.

 

Zu gut, um alles zu hören

Auf dem musikalischen Programm stehen Headliner wie The Killers, Sigur Rós und Paul Kalkbrenner, daneben sind kleinere Hypes wie Light Asylum oder Totally Enormous Extinct Dinosaurs, sowie zahlreiche Neuentdeckungen zu sehen und zu hören. Das Line-Up versprach einige Leckerbissen. Leider wurden die drei Bühnen meist gleichzeitig bespielt, so dass nur ein Teil des Programms tatsächlich besucht werden konnte. Dies geschah wohl aus den Erfahrungen des Jahres 2010, als das Festival abgerochen werden musste, weil sich zu viele Leute vor einer Bühne drängten.

 

Technisch schwierige Verabschiedung

Die grossen Bühnen in den ehemaligen Hangars boten in der deutschen Hauptstadt Schutz vor dem zeitweise sehr starken Regen, waren jedoch für die Tontechnik eine echte Herausforderung, die oftmals mit überbordender Lautstärke und kaum hörbarem Gesang gemeistert wurde. Schade war dies insbesondere für das Abschiedskonzert der Schweden von The Soundtrack of our Lives.

 

Wer es wagt, einen Besuch in der deutschen Hauptstadt mit einem Festival zu verbinden, Lust auf eine tolles und nostalgisches Gelände hat und gut ohne Schlamm und Zelt auskommt, ist am Berlin Festival bestimmt an der richtigen Adresse. Und ja, es gibt Konzerte, sehr gute sogar.

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