Kultur | 04.09.2012

Traditionelle Volkskunst aus Kanada

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Sabina Galeazzi
Am 31. August feierte die Canadian Arctic Gallery in Basel die Vernissage ihrer neuen Ausstellung "Faces of Baffin". Die in der Spalenvorstadt situierte Galerie ist auf das traditionelle Kunsthandwerk der indigenen Völker Kanadas spezialisiert und gilt in vielerlei Hinsicht als Ausnahmefall unter den Basler Ausstellungsräumen.
Die Steinfigur mit der menschenähnlichen Silhouette trägt die Bezeichnung Inuksuk was übersetzt "dem Menschen gleich" bedeutet. Die Skulptur des Künstlers Pootoogook Qiatsuq greift das vom Schamanismus geprägte Motiv der Metamorphose auf und stellt eine Komposition aus Menschenköpfen und Tierkörpern dar. Die Galerie liegt in der Spalenvorstadt und ist spezialisiert auf die Kunst der kanadischen Inuit und der First Nations.
Bild: Sabina Galeazzi

Seit gut dreizehn Jahren prägt die Canadian Arctic Gallery unter der engagierten Leitung von Ursula Grunder die Galerienlandschaft der Stadt Basel. In einem luftigen hellen Raum mit Blick auf den Hinterhof werden Exponate aus den kanadischen Provinzen Nunavut, Nunavik, British Columbia und aus den Nordwest-Territorien ausgestellt. Es handelt sich dabei um lokale Schnitzkunst, Druckgrafiken und Textilhandwerk der kanadischen Ureinwohner, namentlich der Inuit, beziehungsweise der Eskimo sowie der indianischen First Nations.

 

Bildhauerei und Schnitzhandwerk am Polarkreis

Das Schnitzhandwerk und die Bildhauerkunst der kanadischen Inuit basieren auf einer Jahrtausende alten Tradition und dienten ursprünglich der Herstellung von Alltagsgegenständen und rituellen Objekten. Seit den 1940er-Jahren produzieren die arktischen Ureinwohner nun auch gezielt Exponate für den Weltmarkt. Ein Grossteil der indigenen Bewohner von Nunavut verdient sich heute ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Skulpturen, textilen Wandbehängen und Druckgrafiken. Zu den Werkstoffen, die für die zeitgenössischen Skulpturen bearbeitet werden, gehören nebst Steinen auch traditionelle Materialien wie Elfenbein, Knochen und Geweihstücke. Populäre Motive sind nach wie vor Szenen aus dem früheren Alltagsleben der Inuit: Die arktische Fauna sowie schamanische und mythologische Sujets, wobei sich die einzelnen Künstler durchaus auch dem Geschmack der Sammler auf dem Kunstmarkt anzupassen wissen.

 

Als bekanntestes Sujet im Zusammenhang mit der Inuit-Kultur gilt der sogenannte “Inuksuk”, eine der menschlichen Silhouette nachempfundene Steinfigur mit einer Vielzahl an Bedeutungen. Die Inuit-Skulpturen selbst bestechen durch ihre klaren, schnörkellosen Formen und ihre expressive Ausdruckskraft. Ihren auffälligen Glanz verdanken die glatt geschliffenen Steinfiguren einer öl- und fetthaltigen Politur, mit welcher das fertige Stück jeweils eingerieben wird.

 

Die vielen Gesichter der Baffin-Region

Die aktuelle Ausstellung “Faces of Baffin” widmet sich geschnitzten Erzeugnissen aus der Baffinregion in der hauptsächlich von Inuit bevölkerten Provinz Nunavut, deren Bezeichnung übersetzt soviel wie “Unser Land” bedeutet. Die Exponate stellen vermehrt Skulpturen mit schamanisch geprägten Motiven dar: Surreal anmutende Transformationen und Metamorphosen, Tiere die im Begriff sind, ihre Gestalt zu wechseln, tanzende Eisbären, Schamanen mit ihren Hilfsgeistern und Trommeltänzer. Daneben befinden sich in separaten Einzelvitrinen filigran geschnitzte Elfenbeinfigürchen von Inuit-Familien mit ihren Jagdgeräten und Behausungen. Manche Skulpturen muten mit ihren aufgerissenen Augen und Mündern geradezu unheimlich an. Allen ist jedoch eine eigentümlich archaische Ausstrahlung gemeinsam.

 

Eine Galerie als Brücke zwischen den Kulturen

Ihre Begeisterung für die Kunst der Inuit entdeckte die Galeristin Ursula Grunder durch Zufall während einer Reise nach Kanada. Sie besuchte dort eine Galerie, welche lokale Inuit- Künstler vertrat und wurde sofort von der besonderen Aura der Exponate in ihren Bann gezogen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ihren Wunschtraum, in der Schweiz eine Galerie zu eröffnen, die sich jener einzigartigen Kunstform widmet, hat sich die Baslerin vor dreizehn Jahren erfüllt. Da sie als Einzelperson  die Canadian Arctic Gallery unterhält und allein für den Ankauf und die Ausstellung der Exponate verantwortlich ist, nimmt die Arbeit einen Grossteil ihrer Zeit in Anspruch. Dabei ist die Galerie für Ursula Grunder seit langem mehr Lebensaufgabe als blosses Hobby. “Ich sehe mich als Vermittlerin zwischen den Kulturen”, erklärt die Galeristin. “Es ist schade, dass das Bewusstsein für die Kunst aussereuropäischer Kulturen momentan noch sehr gering in der Schweizer Bevölkerung verankert ist.” Traditionelle aussereuropäische Volkskunst wird von der etablierten Schweizer Kunstszene nach wie vor stiefmütterlich behandelt und als ein Nischenprodukt abgetan. Diesen Vorurteilen versucht Ursula Grunder seit Jahren entgegenzutreten. In Anbetracht des 13-jährigen Bestehens der Galerie offensichtlich mit Erfolg.

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