Gesellschaft | 11.09.2012

Meine Generation geniesst nicht. Sie kämpft!

Text von Luzia Tschirky | Bilder von Katharina Good
Faul, nicht engagiert und nur hinter dem Geld her. So beschreibt Pauline Tillmann junge Journalistinnen und Journalisten in ihrem Blog. Eine Replik, weswegen wir keine verwöhnten Gören sind.
Überhaupt nicht faul seien die jungen Journalisten, so Luzia Tschirky.
Bild: Katharina Good

Es ist nicht das erste Mal, dass Pauline Tillmann und ich anderer Meinung sind, wenn es um den Nachwuchs im Journalismus geht. Sie vertrat schon früher die Meinung, dass es nicht viele engagierte Nachwuchsjournalisten gebe. Heute spricht sie gar von einer “Inflation der Mittelmässigkeit“. Zu viel Geld würde für eine nicht grösser werdende Menge an gutem Nachwuchs ausgegeben.

 

29 Jahre alt und enttäuscht. Enttäuscht von ihrer und meiner Generation. Als Pauline Tillmann vor zehn Jahren in den Journalismus eingestiegen ist, schien alles noch besser. Da kämpften die jungen Journalisten, da wurde noch richtig gearbeitet. Ja, damals hatten wir noch Eleganz! Die jungen Journalisten wüssten heute nicht mehr, worin sich eine Reportage von einem Portrait unterscheide. Als “die verwöhnte Generation” werden wir bezeichnet. Zu viele Förderprogramme würden uns angeboten, weswegen wir uns nun in unseren Sesseln zurücklehnen würden und auf die gebratenen Tauben warten. Wo aber sind die Tauben, die uns angeblich allen zufliegen?

 

Die Schweiz ist nicht Deutschland

In der Tat gibt es in Deutschland mehr Förderprogramme als im südlichen Nachbarland. Allerdings gibt es in Deutschland auch einen grösseren Bedarf an Journalisten und gleichzeitig ist die Situation um einiges prekärer als in der Schweiz. Jedes Mal, wenn ich mich mit meinen deutschen Kolleginnen und Kollegen unterhalte, wird mir bewusst, wie angenehm die Situation in der Schweiz ist. Viele Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten müssen sich in Deutschland durch unzählige unbezahlte Praktika kämpfen. Diese sind in der Schweiz noch immer verpönt, in Deutschland aber mehr die Regel als eine Ausnahme. Allen ist bewusst, dass sie kämpfen müssen, wenn sie es “zu etwas bringen” möchten.

 

Pauline Tillmanns Vorwurf, vielen Journalisten würde es nur ums Geld gehen, verstehe ich umso weniger, als er aus Deutschland kommt. Noch nie habe ich von einem jungen Journalisten oder einer jungen Journalistin gehört, er oder sie habe diesen Beruf wegen des Geldes gewählt. Wer Geld verdienen möchte, studiert Betriebswirtschaftslehre oder Jura. Woher also zieht Pauline Tillmann ihre Schlüsse? Die Frage wird an keiner Stelle des Textes beantwortet. Mit der generellen Beschreibung “aus meiner persönlichen Erfahrung” werden alle Thesen für gültig erklärt. Pauline Tillmann liefert damit gleich selbst ein Beispiel von qualitätslosem Journalismus, welchen sie selbst anprangert.

 

Die Generation der Zahnlosen?

Uns würde der Biss fehlen, wir würden oft nicht mehr einbringen, als minimal von uns verlangt werden würde. Ist es nicht viel mehr der Journalismus im Allgemeinen dem der Biss verloren geht gegenüber den Heerscharen von PR-Agenturen? Ein Blick auf die Liste “30 unter 30” genügt, um zu sehen, dass es viele Nachwuchsjournalisten mit Biss gibt. Ja, Pauline Tillmann ist auf dieser Liste in Deutschland. Neben ihr stehen dort auch die Namen 29 anderer Nachwuchstalente, jeder und jede ein Beweis für sich. Pauline Tillmann nimmt sich derweil aus der grossen Masse an Nachwuchsjournalisten aus. Sie könne selbstverständlich nicht der Massstab sein, habe man ihr gesagt.

 

Jung und unbescheiden

Es ist nicht das erste Mal, dass ich den Eindruck habe, dass Journalisten sich selbst zu stark aufplustern. Ich bin mit meinen 21 Jahren die jüngste auf der Liste “30 unter 30” in der Schweiz. Nie im Leben würde es mir aber in den Sinn kommen, mich selbst als etwas Aussergewöhnliches zu betrachten. Pauline Tillmann ist weder die erste noch die letzte Nachwuchsjournalistin, die ihr Leben dem Journalismus unterordnet. Statt uns zu beschweren, sollten wir uns besser füreinander einsetzen. Dafür gibt es die ersten Jugendmedientage in der Schweiz.

 

Wir engagieren uns

Jugendmedientage sind eine Idee, die wir aus Deutschland übernommen haben. Werden nun die jungen Journalisten alle faul und unengagiert? Reicht es zu sagen, dass kein Mitglied aus dem Organisationsteam älter als 23 Jahre ist? Auch Pauline Tillmann setzt sich als Workshopleiterin und Referentin für die Jugendpresse Deutschland ein. Fragt sich nur wieso, wenn ihr allgemeines Bild von der nächsten Generation so schlecht ist. Liebe Pauline: Zwischen dem 19. und 21. Oktober kannst du dich in Zürich selbst davon überzeugen, dass wir engagiert sind, Biss und das nötige Bewusstsein haben. So, und jetzt muss ich mich leider entschuldigen. Ich muss zurück an die Arbeit, die nebenbei unbezahlt ist.

 

 

Über Luzia Tschirky


Luzia Tschirky ist freie Journalistin. Sie arbeitet aktuell bei Radio Svoboda in Prag und engagiert sich als Vorstandsmitglied bei Junge Medien Schweiz. Zudem ist sie Co-Projektleiterin der ersten Jugendmedientage Schweiz, sowie Politologie- und Russischstudentin an der Universität Zürich. Bis im März 2012 war Luzia Tschirky zudem Redaktionsleiterin Zürich bei Tink.ch. Ihr Beitrag erschien erstmals am 29. August auf jungejournalisten.ch.

 

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