Kultur | 25.09.2012

(Fast) Alles am richtigen Platz

Text von Tobias Söldi | Bilder von Sebastian Edge/zvg
Lange musste man auf diesen Grossanlass warten, dafür stimmte dann beinahe alles. Die britische Band Radiohead beehrt die Schweiz mit einem fantastischen Openair-Auftritt in einem abgelegenen Steinbruch in der Westschweiz. Nur die Organisation sorgte für einige Misstöne.
Nach einem Bühnenzusammenbruch in Kanada musste die Band ihr Konzert in der Schweiz um zwei Monate verschieben.
Bild: Sebastian Edge/zvg

Eigentlich hätte das – man muss es so bezeichnen – Konzertereignis des Jahres ja im Juli stattfinden sollen. Doch einige Wochen vor dem Auftritt in der Schweiz brach vor einem Konzert in Kanada die Bühnenkonstruktion und bei den Schweizer Fans eine kleine Welt zusammen. Der Einsturz war gleichbedeutend mit einer Verschiebung des Konzerttermins um etwa zwei Monate. Eigentlich eine lächerliche Zeitspanne, spielten Radiohead doch zuletzt vor gut sechs Jahren in der Schweiz. Das lange Warten hat sich indes gelohnt, und nach weiteren zwei Stunden, ganz am Ende ihres Auftrittes, erklang ein Song, mit dessen Titel man getrost das ganze Konzert umschreiben könnte: “Everything In Its Right Place”. Musikalisch war dementsprechend alles am richtigen Ort. Und wer hätte nebenbei bemerkt gedacht, dass dieser auf der Platte so filigrane, so zerbrechliche Song jemals einen derart kraftvollen Schlussakkord zu setzen fähig ist?

 

Konzentriert und locker

Wie ein dicht gewobener, bunter Teppich legt sich der Sound der Band über das Publikum. Jeder Faden, jede Farbe und jeder Knoten dient dem Ganzen und zeugt doch von grosser Liebe zum Detail. Zwei Schlagzeuger sorgen für verästelte, jazzige Rhythmen, unter die Colin Greenwood seine warmen Bassläufe legt. Jonny Greenwoods feinen, wendigen Gitarrenmelodien schlängeln sich durch das eng gestrickte rhythmische Netz, während über allem Thom Yorkes unvergleichliche Stimme schwebt. Die noch offenen Löcher werden behutsam mit elektronischen und rhythmischen Spielereien sowie allerlei Finessen gefüllt. Filigran, detailverliebt und fein austariert sind die Klänge, mit denen Radiohead ihren Teppich weben. Elektronisches (“Idiotique”) steht hier wie selbstverständlich neben Gitarrenorientiertem (“Paranoid Android”), und Klavierballaden (“Pyramid Song”) neben ungestüm vorwärtspreschenden Songs wie “Myxomatosis”. Beeindruckend, wie die Band es schafft, trotz so verschiedener Klangfarben, dem Konzert eine Einheit zu verleihen, die erst in den beiden Zugabeblöcken etwas gelockert wird. Was Radiohead in ihrer Musikkarriere, die sie in so unterschiedliche musikalische Regionen geführt hat, erreicht haben, wird an diesem Abend klar: Es gelingt ihnen, ihre Vielfalt souverän unter einen Hut, den Hut des Bandgefüges, zu bringen.

 

Mangelhafte Organisation

Auf weniger Begeisterung stiess dagegen die Organisation des Grossanlasses. Stau bei der Anreise, unbeschilderte und lange Wege, unmarkierte Parkplätze und dazu noch ein denkbar umständliches Gastrokonzept, mit dem sich langes Schlangenstehen doch nicht vermeiden liess, gaben Anlass zu  zahlreichen bösen Kommentare, mit denen viele Besucher und Journalisten nicht gerade sparsam umgingen. An dieser Stelle soll ein Kommentar eines französisch sprecheneden Kollegen zur Organisation ausreichen: “C’est nul!” Aber während dem Konzert gingen die Unannehmlichkeiten sowieso vergessen. Neben der eindrucksvollen Lichtshow verblassten auch die letzten Ärgernisse. Abwechselnd ist die Bühne in rotes, grünes oder blaues Licht getaucht. Mal flackerten die Lichter wie wahnsinnig, mal ruhten sie, aber immer war die Lichtregie minutiös auf die Songs zugeschneidert. An den Stromverbrauch und überhaupt an den Aufwand, aus dem Nichts für einen Abend eine riesige Bühne mitsamt der ganzen Infrastruktur aus dem Boden zu stampfen und eine so grosse Masse ins Niemandsland zu bringen, denkt man erst nach dem Konzerterlebnis – nicht zuletzt, weil Radiohead ökologische Überlegungen nicht fremd sind und sich die Band entsprechend engagiert. So waren auch in St. Triphon zahlreiche Mitglieder von Greenpeace auf dem Gelände unterwegs, um die Besucher auf den Schutz der Arktis und die Klimaproblematik aufmerksam zu machen.

 

Blick nach vorne

Obwohl sich die Band längst auf ihren Lorbeeren ausruhen könnte und mit dem immergleichen Strauss an Hits durch ausverkaufte Hallen touren könnte, bleibt die sie nicht stehen, sondern schaut stets nach vorne und entwickelt sich weiter. Mehr als die Hälfte der Songs sind von den neuesten zwei Werken “In Rainbows” (2007) und “The King of Limbs” (2011). Dazwischen streuen sie ausgewählte Songs ein, die ein wenig wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit anmuten. “What was that?” singt Yorke im Klassiker “Paranoid Android” anstatt “What’s that?” wie auf dem Album “Ok Computer”. Das Präteritum statt des Präsens unterstreicht, dass die Zeiten andere sind. Und das ist gut so. Radiohead bleiben spannend und untermauern einmal mehr ihren Status als absolute Grösse in der Musikszene.